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VORSORGE: «Der Kanton Zug könnte 20 Millionen sparen»

Seit rund einem Jahr gibt es die Kiss-Genossenschaft in Cham. Susanna Fassbind zieht eine positive Bilanz – sieht aber noch viel Arbeit.
Interview Samantha Taylor
Susanna Fassbind (73) ist Ehrenpräsidentin und Gründungsmitglied des Vereins Kiss Schweiz. (Bild Stefan Kaiser)

Susanna Fassbind (73) ist Ehrenpräsidentin und Gründungsmitglied des Vereins Kiss Schweiz. (Bild Stefan Kaiser)

Interview Samantha Taylor

Wer Mitglied bei einer Kiss-Genossenschaft ist, der wird für seine Arbeit statt mit Geld mit Zeit entlöhnt (siehe Box). Ein Modell, das in Zukunft immer wichtiger wird, ist Mitgründerin Susanna Fassbind überzeugt.

Susanna Fassbind, die «Handelswährung» der Kiss-Genossenschaft ist Zeit, eines der kostbarsten Güter überhaupt ...

Susanna Fassbind*: Das ist so. Zeit ist meiner Meinung nach wohl heute der grösste Luxus.

Sind die Leute denn bereit, ihre Zeit herzugeben?

Fassbind: Ja, das sind sie. Unsere Erfahrungen sind sehr gut. Wir führen seit einiger Zeit eine ETH-Studie durch. Eine Befragung der Genossenschaftler hat gezeigt, dass sie das Programm und das Modell schätzen. Sie wollen nicht jede einzelne Minute aufgeschrieben haben, aber ihnen ist wichtig, dass sie ein Protokoll über ihre Leistungen erhalten. Die Genossenschaftler nehmen den Ansatz der vierten Säule sehr ernst und wollen mit ihren Leistungen auch fürs Alter vorsorgen.


Haben Sie also den Nerv der Zeit getroffen?

Fassbind: Absolut. Ich arbeite an diesem Projekt seit 2008. Als ich zusammen mit Edith Stocker damals angefangen habe, wurde das Vorhaben sehr kritisch angeschaut, man fand die Idee zwar nett, glaubte aber nicht so recht an ihre Wirkung. Heute ist das anders. Gerade im Hinblick auf die Altersreform 2020 wird klar, dass wir neue Modelle brauchen. So wie die Altersvorsorge heute aufgegleist ist, lässt sie sich nicht mehr lange finanzieren. Das Rentenalter muss also früher oder später erhöht und die Rente gekürzt werden. Gleichzeitig werden die Kosten im Bereich der Ergänzungsleistungen ansteigen. Sie sehen, es braucht dringend neue Systeme.

Ihre Idee wurde also lange belächelt. Wie sind Sie vorgegangen, um ernst genommen zu werden?

Fassbind: Wissenschaftlich knallhart. Ich wusste, wenn ich Erfolg haben will, dann muss ich mit Zahlen belegen und aufzeigen können, was Kiss bringt – für jeden Einzelnen, aber auch für die öffentliche Hand.

Und was bringt Kiss?

Fassbind: Wir wissen heute aufgrund einer Studie, dass eine Gemeinde bereits von Kiss profitiert, wenn nur schon zwei Heimeintritte hinausgezögert werden können. Wir reden hier vor allem von Personen, die die Pflegestufe 1 bis 3, also maximal eine Stunde Betreuung am Tag, benötigen. Die müssen eigentlich gar nicht ins Heim, wenn sie zu Hause Unterstützung erhalten.

Können Sie ein konkretes Beispiel ­machen?

Fassbind: Nehmen wir die Gemeinde Cham. Dort gibt es Kiss seit etwas mehr als einem Jahr. Die Chamer Genossenschaft hat 137 Mitglieder. Wir wissen, dass etwa zehn davon in ein Alters- oder Pflegeheim eintreten müssten, wenn es Kiss nicht gäbe.

Was heisst das finanziell?

Fassbind: Die Kosten für die Hotellerie allein in einem Heim belaufen sich auf 5000 bis 7000 Franken pro Monat und Person. Hinzu kommen die Pflegekosten und die Betreuungstaxen. Alles zusammen macht rund 80 000 bis 100 000 Franken pro Person und Jahr aus, die die meisten älteren Menschen nicht selber aufbringen können. Im Kanton Zug haben rund 30 Prozent der Heimbewohner Pflegestufe 0 bis 3. Wenn diese Menschen gut betreut zu Hause bleiben können, könnte der Kanton Zug jährlich durch Kiss rund 20 Millionen Franken sparen – über alle Kostenträger Gemeinden, Kanton, Private und Krankenkassen verteilt. Natürlich kostet der Betrieb der Genossenschaft selbst auch etwas, sprich für die Administration und Koordination der Dienstleistungen durch Fachpersonen. Aber diese Kosten sind im Verhältnis zur Verbesserung der Lebensqualität und des Sparpotenzials gering: Für einen Betrieb mit rund 300 bis 400 Mitgliedern gehen wir nach der etwas aufwendigeren Einführungsphase von zirka 100 000 Franken jährlich aus.

Das sind beachtliche Zahlen. Gerade in Zeiten des Sparens müssten Sie mit Ihrem Projekt ja eigentlich offene Türen einrennen.

Fassbind: Das ist so. Momentan sieht es gut aus, sowohl bei den Gesprächen mit den Gemeinden wie auch mit dem Kanton. Wir sind daran, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Wie könnte eine solche aussehen?

Fassbind: Grundsätzlich wäre es für uns wichtig, dass die Gemeinden und auch der Kanton bereit sind, für Kiss – also für unsere Koordinations- und Administrationsleistungen – etwas zu zahlen. Heute finanzieren wir das alles grösstenteils über Sponsoring. Und da kommt nun wieder die Wissenschaft ins Spiel. Wir arbeiten aktuell an einer Software, die Zahlen liefert, und bei der man genau sieht, was in einer Gemeinde oder in einem Kanton Kosten und Sparpotenzial sind, wenn Menschen zu Hause bleiben statt ins Heim zu gehen. Die Ergebnisse machen Eindruck, die öffentliche Hand wird bereit sein zu investieren.

Wie stark hängt die Existenz von Kiss mit unserer gesellschaftlichen Entwicklung zusammen?

Fassbind: Die gesellschaftlichen Veränderungen sind massgebend für die Existenz von Kiss. Nachbarschaften und Familien funktionieren heute nicht mehr wie früher – in Zugs neuen Quartieren kaum bis gar nicht. Das sehe ich auch in meiner Umgebung am Zuger Hang. Es hat viele Deutschschweizer, und man kennt sich untereinander, es hat aber auch zahlreiche Expats, und da fehlt der Austausch. Darum sind die Nachbarschaftsvereine auch sehr interessiert an Kiss. Ihnen nützt ein Vehikel für die Belebung des Nachbarschaftsgedankens.

In der Stadt Zug wird Kiss im Herbst eingeführt. In Cham läuft es seit etwas mehr als einem Jahr. Was ziehen Sie für eine Bilanz?

Fassbind: Eine sehr positive. Stundenmässig konnten wir feststellen, dass wir Personen im Bereich der Angehörigenbetreuung – also Leute, die ihre kranken Angehörigen betreuen – sehr gut entlasten konnten. Daneben sind wir aktiv im Bereich der Flüchtlings- und der Heimbetreuung. Wir sind in Cham gut vernetzt, und das werden wir auch in Zug sein.

Wer spendet denn bei Kiss seine Zeit?

Fassbind: Das ist sehr unterschiedlich. Wir stellen grundsätzlich fest, dass am Anfang eher die Leute einsteigen, die es sich leisten können und welche die gesellschaftlichen Veränderungen mit den finanziellen Folgen für alle Generationen nachvollziehen können. Es sind meist eher gebildete Leute, die aber durchaus andere begeistern können zum Mitmachen. Wir arbeiten sehr niederschwellig, alle haben geldfrei Zugang zu öffentlichen Kiss-Kafis, zu Mittagstischen, Sprachkursen, zum Spazieren und so weiter ...

Kiss steht für «keep it small and simple», ein Modell also, das klein und einfach funktionieren soll. Aber die Organisation wächst. Inwiefern können Sie diesem Grundsatz heute noch treu bleiben?

Fassbind: Das gelingt uns trotz des Wachstums ganz gut. Wir sind sehr bemüht, die Bürokratie möglichst knapp zu halten. So haben wir etwa AHV- und Steuerbefreiung. Und auch den administrativen Aufwand halten wir so klein wie möglich. Dank unserer Software könnten wir in der Schweiz zahlreiche neue Genossenschaften gründen, und es würde «small and simpel» bleiben.

Trotzdem, welche Herausforderungen haben sich mit diesem Wachstum ergeben?

Fassbind: Das Wachstum selbst ist die grösste Herausforderung. Wir sind daran, das Modell in fast 30 Gemeinden der Schweiz einzuführen. In Deutschland haben wir Kontakt mit einer grossen Versicherung, die über 200 Seniorengemeinschaften betreut und unser System übernehmen möchte. Wir alle sind viel unterwegs und reden uns die Seele aus dem Leib. Unsere Ressourcen sind jedoch begrenzt, denn der Grossteil der Vorstandsmitglieder des Vereins ist berufstätig. Bisher haben wir es ganz gut geschafft. Wichtig ist jetzt, dass wir die entsprechenden Programme einführen, um einen raschen Ausbau zu ermöglichen.

Hat Ihr System auch Grenzen?

Fassbind: Rein technisch können wir es unendlich ausdehnen. Die grosse Herausforderung ist, für jede neue Genossenschaft gute Leute zu finden, die das Modell mit Herzblut und Sachverstand umsetzen. Daran arbeiten wir, und ich bin zuversichtlich, dass wir das auch schaffen.

Sie selbst sind Ehrenpräsidentin, arbeiten laut eigenen Angaben 150 Prozent für das Projekt. Alles freiwillig. Wie viele Kiss-Stunden haben Sie auf dem Konto und beziehen Sie selber auch Leistungen?

Fassbind (lacht): Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen und meine Stunden zu erfassen. Trotzdem weiss ich, dass ich über ein Guthaben von rund 7000 Stunden verfüge. Aktuell beziehe ich ganz selten was. Eine Bekannte hilft mir manchmal im Garten. Aber irgendwann, wenn ich es brauche, werde ich die Stunden einziehen.

* Susanna Fassbind (73) ist Gründungsmitglied des Vereins Kiss Schweiz und war bis April 2016 Co-Präsidentin. Heute ist sie Ehrenpräsidentin und Präsidentin des Vereins Kiss Kanton Zug und für die Umsetzung hier mit verantwortlich.

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