Kolumne

Wachsende Stillleben

Ordnungssinn ist nicht jedermanns Sache - oder es herrschen schlicht verschiedene Ansichten über die genaue Definition dieses Begriffs.

Cornelia Bisch
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Redaktorin Cornelia Bisch

Redaktorin Cornelia Bisch

Kennen Sie das Phänomen wachsender Stillleben, die in den Wohn- und Schlafräumen von Familien entstehen? Der Klassiker ist der Schlafsack, der nach Gebrauch mal eben zum Auslüften über zwei Stühle gehängt wird, vorzugsweise mitten im Wohnzimmer. Aufgabe abgehakt und aus dem Sinn. Ich habe mal unter Schmerzen eine Woche lang abgewartet, dass ein solches Gebilde wieder verschwinden möge. Vergeblich.

Offenbar stellt sich – wie bei schlechten Gerüchen – bei gewissen Menschen auch die optische Gewöhnung an ein Hindernis im Raum ein. Es wird nach einer gewissen Zeit einfach als gegeben hingenommen und ignoriert. Selbst dann, wenn es mitten im Verkehr steht und mühsam umgangen werden muss.

Eine wissenschaftliche Untersuchung dieses Umstands wäre interessant, denn es scheint nur Menschen männlichen Geschlechts zu betreffen sowie sämtliche Geschöpfe unter 20 Jahren. Letztere entwickeln sogar ein gewisses Kletter- und Windungsgeschick, wenn es gilt, die wachsenden Stillleben in den eigenen Zimmern zu überwinden.

Hinter solchen Schutzwällen grummelt es schliesslich undeutlich hervor, nachdem verzweifelte Kontaktaufnahmeversuche seitens älterer Familienmitglieder vom Eingang her endlich durchdringen. Die Hügel scheinen nämlich Schall zu schlucken.

Aufräumen ist bei derlei Phänomenen Definitionssache. In der Regel beschränkt man sich darauf, die Stillleben zu verdichten, damit eine einigermassen begehbare Schneise entsteht. Eine weitere Variante ist die Kampfansage an Schränke und Schubladen, die anschliessend wie französische Stopfenten zu bersten drohen und nur mit Hilfsmitteln geschlossen gehalten werden können.

Seit allerdings jüngst ein gut aussehender, freundlicher junger Mann häufiger bei uns zu Gast ist, scheint sich der Blick der Tochter zu schärfen, und die Berge werden zwar nicht nachhaltig, aber doch regelmässig abgebaut. Ich fasse es nicht: 19 Jahre Betteln und Schimpfen, und dann das. Jetzt bloss keine ranzigen Reden, schärfe ich mir ein, nur rühmen und geniessen.