WAHLEN 2015: Den Grünen fehlte auch ein Zugpferd

Die Zuger Grünen stürzen in den eid­genössischen Wahlen regelrecht ab. Das habe verschiedene Gründe, sagt die Präsidentin der Partei.

Harry Ziegler
Merken
Drucken
Teilen
Enttäuschung und Freude im Zuger Wahlzentrum: Der grüne Spitzenkandidat Andreas Lustenberger (Baar, links) ist enttäuscht. Die SP-Kandidatin Christina Bürgi Dellsperger freut sich über das gute Abschneiden ihrer Partei. (Bild Maria Schmid)

Enttäuschung und Freude im Zuger Wahlzentrum: Der grüne Spitzenkandidat Andreas Lustenberger (Baar, links) ist enttäuscht. Die SP-Kandidatin Christina Bürgi Dellsperger freut sich über das gute Abschneiden ihrer Partei. (Bild Maria Schmid)

Harry Ziegler

Die Alternative-die Grünen haben an den eidgenössischen Wahlen im Kanton Zug eine deutliche, ja historische Schlappe hinnehmen müssen. Der Wähleranteil der einst erfolgsverwöhnten Partei brach von 15,4 Prozent im Jahr 2011 auf noch 7,2 Prozent in diesem Jahr massiv ein. Derweil konnte die kantonale SP ihren Niedergang stoppen und zu einem regelrechten Höhenflug ansetzen. Sie machte beim Wähleranteil einen Sprung von 5,3 Prozent (2011) auf aktuell 13,7 Prozent. Was ist passiert?

Lokale Auswirkung

Nach der sonntäglichen Niederlage ist die Stimmung bei der Alternative-die Grünen (ALG) natürlich gedrückt. Wo macht Parteipräsidentin Barbara Beck-Iselin die Gründe für den massiven Verlust an Wähleranteilen aus? «Wir haben keinen bisherigen Kandidaten mehr, das macht es schwieriger», so Beck. «Zudem haben schweizweit die Grüne Partei und jene Parteien, die grüne Themen vertreten, verloren. Das hat auch in Zug Auswirkungen gezeigt.» So verzeichnen die Grünen Schweiz aktuell einen Wähleranteil von noch 7,1 Prozent, die Zuger ALG einen solchen von 7,2 Prozent.

Am Wahlsonntag wurde immer wieder die Vermutung geäussert, die ALG habe wegen der Affäre um ihre Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin und den SVP-Kantonsrat Markus Hürlimann Wähler verloren. «Wir hatten in Zug kein einfaches Jahr. Die Skandalgeschichten haben uns sicher nicht gutgetan», erklärt die Präsidentin. «Und ja, das hat wahrscheinlich eine Rolle gespielt. Leider nur bei den Linken und nicht bei der SVP-Wählerschaft», so Beck-Iselin.

Wie weiter bei der ALG?

«Wir werden uns auf die Sachthemen fokussieren, da gibt es viel zu tun im Kanton. Die Themen aber, wie gesagt, die bleiben: soziale Gerechtigkeit, global denken – lokal handeln, nachhaltige Wirtschaft, Fairfood, kritisch und konstruktiv sein. Bei den Grünen Schweiz und bei uns im Kanton werden wir über entsprechende Strategien diskutieren», führt Barbara Beck-Iselin aus.

Grosse Freude herrscht hingegen bei der SP. «Unsere Wahlstrategie ist aufgegangen», sagt Barbara Gysel, Präsidentin der SP Kanton Zug. Man habe mit fünf Listen und 15 Kandidatinnen und Kandidaten auf eine breite Auswahl gesetzt. «Im Vorfeld haben wir diese Strategieänderung gegenüber den letzten Wahlen diskutiert», erklärt Gysel. Man habe nicht beurteilen können, inwiefern sich ein solcher Strategiewechsel auszahle und inwiefern Neu- oder Wechselwählende angesprochen werden könnten. Der Aufwand habe sich aber nun gelohnt. Ausbezahlt habe sich auch, dass «wir seit der Nomination immer klar kommuniziert haben, wer unsere Spitzenkandidaten sind». Man sei den Wählenden gegenüber immer transparent gewesen und hätte nicht vorgemacht, die SP wolle mit 15 Leuten nach Bern. Dennoch: «Wir mussten leider feststellen, dass die Politauguren uns oft ignorierten oder schlechtredeten», sagt die Parteipräsidentin. Sie spricht vor allem die Erwähnung der SP in den Berichterstattungen der Medien an. Sie führt dies darauf zurück, dass die SP oft unspektakulär politisiere. «Die Wählenden goutieren aber offenbar doch realpolitische Themen.»

Zwar ist am Sonntag kein SP-Kandidat gewählt worden, die Zufriedenheit bei Barbara Gysel mit dem Resultat ist dennoch gross. «Die SP des Kantons Zug ist die stärkste SP in der Zentralschweiz.» Auf dem Internetportal www.ch.ch wird der Wähleranteil der Zuger SP mit 13,8 Prozent angegeben. «Damit liegen wir vor Luzern mit 13,6 Prozent oder Schwyz mit 13,1 Prozent.»

Gysel bedauert, dass der Listenpartner Alternative-die Grünen nicht besser abschnitt. Allerdings seien Verschiebungen innerhalb der Linken nichts Ungewöhnliches, und auch die GLP mit grün-bürgerlichem Kurs sei um fast 50 Prozent geschrumpft. Nur gemeinsam seien sie stark, daher müssen künftig Mitte-links-Koalitionen neu diskutiert werden.

Nicht überbewerten möchte der Präsident der kantonalen SVP – und wiedergewählter Nationalrat – Thomas Aeschi sein eigenes Resultat. Aeschi hat mit 17 034 Stimmen die höchste persönliche Stimmenzahl erreicht, vor Gerhard Pfister (CVP, 16 134 Stimmen). «Mein Resultat ist wohl auch dem nationalen Trend zu verdanken», so Aeschi. Wichtig sei für ihn allerdings, dass die SVP im eidgenössischen Parlament habe zulegen können – und die SVP des Kantons Zug ihren Sitz verteidigt habe. Für ihn persönlich sei sein gutes Abschneiden auch eine Anerkennung der Wähler für seine Arbeit.

FDP und CVP zufrieden

«Wir haben unser Ziel erreicht, unsere Sitze im Stände- und im Nationalrat zu halten», sagt Jürg Strub, Präsident der kantonalen FDP. «Dass dies im Nationalrat nur dank einer Listenverbindung gelang, ist weniger entscheidend, hat doch Bruno Pezzatti mit Abstand am drittmeisten Stimmen erhalten.»

Mit Veränderungen gerechnet

Nur mässig überrascht ist Strub vom Einbruch der ALG. «Mit einer Veränderung der Anteile innerhalb der Linken haben wir gerechnet, fehlt doch dieses Mal ein Zugpferd bei der ALG.» Strub ist überzeugt: «Die Affäre anlässlich der Landammannfeier und die nachfolgende endlose Schlammschlacht auf tiefstem Niveau durch Jolanda Spiess-­Hegglin wird vom Stimmbürger klar verurteilt. Dass die Verursacherin trotz mehrmaliger Aufforderungen zum Rücktritt keine Anstalten machte, mit dem degoutanten Theater aufzuhören, und ihre Partei weiter zuschaute, wird auch die linken Wähler zum Wechsel der Wahlliste bewogen haben», analysiert der FDP-Präsident.

Erfreut ist auch der Präsident der kantonalen CVP, Martin Pfister. Seine Partei konnte ihren Wähleranteil um 2,2 Prozent auf neu 26,5 Prozent steigern. «Wir hatten ausgezeichnete Kandidaten. Einerseits sind die Spitzenkandidaten Persönlichkeiten von ausserordentlicher kantonaler und schweizerischer Ausstrahlung, die auch in den nationalen Medien präsent waren», erklärt Pfister. «Andererseits – und dies ist für einen Stimmenzuwachs eben mitentscheidend – waren auch die anderen Kandidierenden parteiintern erste Wahl. Lückenfüller gab es bei der CVP nicht.» Es sei jeweils die CVP gewesen, die in den letzten Jahren thematisch federführend war. «Wir haben die meisten Themen, welche die Bevölkerung beschäftigen, als Erste sachlich und ohne Polemik aufgegriffen. Das hat die Glaubwürdigkeit der CVP im Kanton Zug über die Parteigrenzen hinweg gestärkt.»

«SP gewinnt auf Kosten der ALG»

haz. Die Alternative-die Grünen (ALG) hat massiv Wähleranteil verloren (siehe Grafik), die SP massiv dazugewonnen: Haben sich diese beide linken Parteien allenfalls kannibalisiert? Woran liegt das schlechte Abschneiden der ALG? Der Politologe Olivier Dolder von Interface Luzern analysiert. «In der Tat konnte die SP fast ausschliesslich auf Kosten der ALG wachsen», führt der Politologe aus, und weiter: «Es gilt zu beachten, dass die SP vor vier Jahren eine historische Niederlage erlitten hatte, also dieses Jahr fast nur noch gewinnen konnte.»

Gleichzeitig fehlte gemäss Dolder der ALG dieses Jahr ein Zugpferd, wie es Josef Lang vor vier Jahren war, dies in Kombination mit dem sicherlich nicht gerade wählerfördernden sogenannten Sexskandal. «Und die Entwicklung entspricht letztlich auch dem nationalen Trend: Die Grünen gehören zu den Verlierern der Wahl 2015.»

Olivier Dolder bescheinigt sowohl Thomas Aeschi (SVP) als auch Gerhard Pfister (CVP), an den Nationalratswahlen vom Sonntag im Kanton Zug ein hervorragendes Resultat erreicht zu haben. Thomas Aeschi hat mehr persönliche Stimmen gemacht als der Überflieger vor vier Jahren, Gerhard Pfister (CVP): Wie ist das zu begründen?

«Thomas Aeschi trat dieses Jahr als Bisheriger an. Er brachte es in den letzten vier Jahren zu nationaler Bekanntheit. Er war zudem der Kandidat der stärksten Partei in den Nationalratswahlen des Kantons, die bei diesen Wahlen national sowie auch in Zug zulegen konnte», erklärt Dolder das Resultat. «Im Übrigen machte auch Gerhard Pfister ein sehr gutes Resultat dieses Jahr – ein noch besseres als vor vier Jahren. Sein Resultat ist mit über 16 000 Stimmen fast so gut wie dasjenige von Thomas Aeschi mit rund 17 000 Stimmen. Letztlich haben beide Herren ein Glanzresultat gemacht», so Dolder.

Bild: Grafik Neue LZ / Oliver Marx

Bild: Grafik Neue LZ / Oliver Marx