WAHLEN: «Bin ein liberal-konservativer Politiker»

CVP-Nationalrat Gerhard Pfister steigt zuversichtlich ins Rennen um seine Wiederwahl. Aber auch mit Respekt.

Interview Harry Ziegler
Merken
Drucken
Teilen
Gerhard Pfister in seinem Büro. Er will eine weitere Legislatur in Angriff nehmen. (Bild Pius Amrein)

Gerhard Pfister in seinem Büro. Er will eine weitere Legislatur in Angriff nehmen. (Bild Pius Amrein)

Interview Harry Ziegler

Gerhard Pfister (52) vertritt den Kanton Zug seit zwölf Jahren als CVP-­Nationalrat in Bern. Warum er noch weitere vier Jahre bleiben will, erzählt er unserer Zeitung im Interview.

Gerhard Pfister, Sie sind seit zwölf Jahren Nationalrat. Warum kandidieren Sie erneut?

Gerhard Pfister: Ich glaube, wenn man seit zwölf Jahren Nationalrat ist, ist es schon begründungspflichtig, weshalb man nochmals kandidiert. Ich wurde kürzlich an einer Veranstaltung als langjähriger Nationalrat vorgestellt – das hat mir zu denken gegeben.

Warum denn?

Pfister:Im Nationalrat ist es so, dass man in den ersten vier bis sechs Jahren ins Amt wächst. Danach können Sie an Einfluss gewinnen. Ich habe festgestellt, dass ich in den letzten vier Jahren durchaus an Einfluss gewonnen habe. So gesehen scheint es mir legitim, nochmals für vier Jahre anzutreten. Ich empfinde es nach wie vor als unglaubliches Privileg, in Bern politisieren zu können. Es macht mir wirklich sehr viel Freude und Spass.

Wie schätzen Sie Ihre Wahlchancen ein?

Pfister:Die Wahlchancen sind intakt. Ich erinnere aber daran, es hat im Kanton Zug immer wieder überraschende Abwahlen gegeben. Das hat etwas Tradition. Stand heute haben die Kandidaten alle gleich wenig Stimmen, nämlich keine einzige. In der Partei nehmen wir diesen Wahlkampf sehr ernst. Wir müssen kämpfen.

CVP, FDP und GLP im Kanton Zug gehen für die Wahlen eine Listenverbindung ein. Wie stehen Sie dazu?

Pfister: Listenverbindungen haben einen dominant mathematischen Aspekt. Es geht darum, dass überschüssige Stimmen nicht verloren gehen. Daneben gibt es natürlich Listenverbindungen, die politisch nicht sehr natürlich wären. Hier haben sich die drei Parteien gefunden, die sich im Kanton Zug politisch wohl am nächsten stehen. Ob eine solche Verbindung nötig ist, wissen wir aber erst am 18. Oktober nach Vorliegen der Resultate. Fest steht: Ohne Listenverbindung zwischen der CVP und der FDP wäre eine bürgerliche Vertretung des Kantons in Bern vor vier Jahren nicht möglich gewesen. Aktuell ist diese Listenverbindung angebracht, zumal die Linke eine grosse Zahl untereinander verbundener Listen präsentiert. Insofern muss auch die bürgerliche Seite ein Interesse daran haben, ihre Stimmen zu bündeln.

Ihr Name taucht immer wieder im Zusammenhang mit der Nachfolge von Christophe Darbellay als Präsident der CVP Schweiz auf. Ist da etwas dran?

Pfister:Noch im Frühling habe ich dies ausgeschlossen. Damals habe ich die Diskussion als schädlicher beurteilt, als sie es jetzt noch ist. Ich wollte zum damaligen Zeitpunkt diese Gespräche nicht. Es ist meines Erachtens falsch, die Diskussion in der CVP jetzt zu führen. Sie ist dann zu führen, wenn der Präsident seinen Rücktritt bekannt gibt. Das wird im Frühling 2016 sein. Und bis dahin lasse ich mir auch Zeit, um mich zu entscheiden.

Wenn man seitens der Partei an Sie heranträte, wie sähe Ihre Position aus?

Pfister: Ich habe mich noch nicht entschieden.

Sie gelten als pointiert im Positionsbezug und ecken dadurch innerhalb der CVP immer wieder an. Sind Sie unzufrieden mit der Linie der Partei?

Pfister: Es geht mir nicht darum, einfach grundsätzlich eine andere Meinung zu vertreten, nur damit es eine andere Meinung gibt. Ich bin ein liberal-konservativer Politiker, aber die CVP besteht nicht nur aus liberal-konservativen Politikern, sondern auch aus christlich-sozialen und weiteren verschiedenen Strömungen. Dass man in dieser Konstellation hin und wieder unterschiedliche Auffassungen hat, das schätze ich persönlich an der CVP. Auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass ich es der Bevölkerung schuldig bin, eine klare Position zu beziehen. So kann sich jeder ein Bild von meiner Meinung machen. Diese muss man natürlich nicht teilen, aber immerhin ist dann bekannt, wo ich stehe.

Wo stehen Sie denn?

Pfister: Ich werde verschiedentlich als typischer Vertreter der Zuger CVP beschrieben. Die Zuger CVP ist auch innerhalb der anderen CVP-Kantonalparteien eine durchaus sehr liberal-konservativ pointierte Partei. Wir sind etwas bürgerlicher als andere CVP-Kantonalparteien. Insofern bin ich in der Zuger CVP durchaus gut integriert.

Im Nationalrat werden Sie von der Ratslinken als Rechtsausleger bezeichnet. Zu Recht?

Pfister:Das hat auch damit zu tun, dass in Bern die CVP breiter aufgestellt ist als im Kanton Zug. Generell reizt mich an der Politik die Auseinandersetzung. Ich freue mich an Debatten. Ich bin der Meinung, für das sind wir da, auch um den Menschen zu zeigen, dass man gut streiten kann. Um dann natürlich aus dem Wettstreit der Ideen gute Lösungen hervorzubringen.

Ihre politischen Gegner reagieren auf Äusserungen von Ihnen hin und wieder verletzt – und sagen das auch. Ist Ihnen das egal?

Pfister: Nein, überhaupt nicht. Ich bestreite auch, dass meine Äusserungen persönlich verletzend sind. Das sind sie nie – und vor allem ist es nicht meine Absicht, zu verletzen. Wenn Äusserungen meinerseits als verletzend empfunden werden, so tut mir das leid. Aber: Ich darf daran erinnern, dass die Zuger Linke über Politiker verfügt hat, die wirklich sehr pointiert waren. Ich finde, daran ist nichts Schlechtes. Möglicherweise entspreche ich durch meine Art nicht dem Klischee des Mittepolitikers, der immer alles ausgewogen darstellt. Man kann auch aus der Mitte heraus pointiert politisieren.

Für uns Medienleute sind Sie ein begehrter Gesprächspartner: Sie formulieren druckreif und knackig.

Pfister:Ich kann nicht sagen, von wem ich das gelernt habe, es waren verschiedene Persönlichkeiten. Zudem kommt bei mir eine Freude an der pointierten Formulierung dazu. Aber geprägt hat mich sicher auch die Zeit im Zuger Kantonsrat, wo es rhetorische Schwergewichte gab, in allen Fraktionen. Die Debattenkultur und -themen in Zug sind eine sehr gute Schulung für Bern. Ich finde, die Medien haben eine wichtige Funktion, damit man seine Ideen überhaupt transportieren kann. Auch da hatte ich es in Zug mit starken politischen Gegnern mit hoher Medienpräsenz zu tun, wie Jo Lang. Das zwingt die Zuger Bürgerlichen, auch ihre Hausaufgaben zu machen und nicht bloss die Macht zu verwalten. Die politische Kultur in Zug war sicher ein Vorteil für Bern. Dort geht es allerdings sehr viel intensiver, hektischer und kontroverser zu und her. Auch das brauchte Zeit, bis man auf diesem Parkett sich einigermassen sicher bewegen konnte.

Wo sehen Sie das schwerwiegendste politische Problem des Kantons Zug, das in Bern gelöst werden muss?

Pfister:Das Problem wird bereits diskutiert, aber man kommt nicht weiter: Es geht klar um den NFA. Es wäre zu einfach, jetzt zu sagen, alle Geberkantone müssten zusammenstehen, dann erreichen sie etwas. Es ist Tatsache, dass die Nehmer, die eine Mehrheit haben, ihre kantonalen Interessen durchsetzen. Der NFA wird ein Dauerbrenner bleiben. Ich glaube aber, dass wir durchaus etwas erreicht haben. Ich erinnere mich, als der NFA relativ frisch eingeführt war, haben die Geberkantone Abstimmungen zum NFA in beiden Räten jeweils massiv verloren. Mittlerweile stelle ich immerhin im Nationalrat ein gewisses Umdenken bei den Nehmerkantonen fest.

Nimmt die Zuger Bevölkerung das auch so wahr?

Pfister:Wenn man von den Zugerinnen und Zugern gefragt wird, weshalb erreicht ihr in Sachen NFA eigentlich nichts, dann muss man Folgendes bedenken: Wir Zuger machen uns keine Vorstellung davon, wie unvorstellbar reich wir in den Augen anderer Kantonsvertreter sind. Für uns ist vieles zu selbstverständlich. Wenn man aber etwas durch die Schweiz fährt, sieht man Ecken, die bei mir ein gewisses Verständnis dafür wecken, dass sie Mühe bekunden, unsere Sorgen zu verstehen.

Wo machen Sie das grösste politische Problem der Schweiz aus?

Pfister:Das momentan wohl grösste Problem ist, dass die Schweizer Spitzenstellung in der Welt, die sie in vielerlei Hinsicht innehat, durch politische Entscheide in den letzten Jahren immer mehr gefährdet wird. Die grösste Gefahr liegt darin, dass die Entscheide bereits gefällt sind, die Auswirkungen aber noch gar nicht richtig durchgeschlagen haben. Ein weiteres grosses Problem ist auch, dass der Finanzplatz Schweiz in den letzten Jahren massiv an Bedeutung und Attraktivität verloren hat. Wir werden wohl einen enormen Wohlstandsverlust in Kauf nehmen müssen, ohne zu wissen, wie wir das kompensieren. Mein Gefühl sagt mir, dass es schwierig werden wird, das Wohlstandsniveau für alle Schweizerinnen und Schweizer zu halten.

Stichwort EU?

Pfister: Ein Beitritt ist kein Thema. Diese Diskussionen sind geführt. Was mich an der aktuellen Politik am meisten stört, ist, dass unsere Regierung zu wenig eigene Strategieansätze entwickelt. Unsere Regierung stellt ihre Entscheide zu fest darauf ab, was der EU gefallen könnte oder eben nicht. Die Griechen sind zwar für uns durchaus kein Beispiel, was ihre Wirtschaftskompetenz betrifft. Aber was ihr Auftreten gegenüber der EU anbelangt, da könnten wir etwas lernen. Etwas mehr Selbstbewusstsein nämlich. Es gibt zwischen absoluter EU-Nähe oder totalem Isolationismus einen dritten Weg, indem man sich mit EU-kritischen Ländern zusammenschliesst. Die Entwicklung in Grossbritannien sehe ich als Chance für die Schweiz.

Wo setzen Sie – Wiederwahl vorausgesetzt – die Schwerpunkte in der kommenden Legislatur?

Pfister: Das hängt immer sehr stark davon ab, in welchen Kommissionen man Einsitz nehmen kann. Ich bin momentan zufrieden. Mit meinen Sitzen in der Staatspolitischen Kommission oder der Aussenpolitischen Kommission bewege ich mich in Themenkreisen, welche die Bevölkerung stark beschäftigen. Bei der Arbeit im Europarat möchte ich gerne noch einen Schritt zulegen. Ich bin dort seit vier Jahren Mitglied. Und ganz ähnlich wie im Nationalrat braucht es diese Zeit, bis man etwas bewegen kann. Natürlich möchte ich auch, dass die CVP ihre gestalterische Kraft bewahrt, einen Turnaround schafft. Mittel- bis langfristig wird man sich Gedanken darüber machen müssen, was man mit der CVP macht.

Mit dieser Aussage wären Sie ja fürs Parteipräsidium geradezu prädestiniert?

Pfister:Ich bin bereits Mitglied des CVP-Präsidiums. Da habe ich durchaus genügend gestalterische Möglichkeiten.

Zum Schluss die obligate Frage: Wird die kommende Ihre letzte Legislatur sein?

Pfister: Die Frage muss man sich dann stellen, wenn es so weit ist. Nach 16 Jahren im Nationalrat wird es noch begründungspflichtiger, warum man dann noch weitermachen möchte. Ich trete jetzt für weitere vier Jahre an. Alles Weitere wird sich weisen. In vier Jahren bin ich 57 Jahre alt. Dann muss man sich überlegen: Ziehe ich das durch? Dann wäre ich 24 Jahre Nationalrat gewesen – was selbst für Zuger Verhältnisse ziemlich lange wäre. Oder mache ich noch mal etwas Neues? Hingegen hat die Zuger CVP eine derart gute Liste, dass ich auch sagen könnte, ich höre auf, wenn ein gutes Angebot in meiner beruflichen Tätigkeit lockt. Ich weiss es im Moment, ehrlich gesagt, wirklich nicht.

Zur Person

Gerhard Pfister ist 52 Jahre alt und wohnt in Oberägeri. Er ist verheiratet. Gerhard Pfister ist promovierter Germanist (Dr. phil. I). Er arbeitet in den Führungsgremien zweier Zuger Privatschulen. Pfister wurde 2003 erstmals in den Nationalrat gewählt. Davor war er von 1998 bis 2003 Kantonsrat und von 1999 bis 2008 Präsident der CVP Kanton Zug. Als Hobbys nennt Pfister Lesen, Kunst, Sport, Reisen und Schreiben.