WAHLEN: «Ich bin durch und durch ein Milizer»

Der FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti will es noch einmal wissen und stellt sich zur Wiederwahl. Auch, weil in den nächsten vier Jahren viele wichtige Entscheidungen anstehen.

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Bruno Pezzatti will noch einmal vier Jahre in Bern verbringen, auch weil wichtige Reformvorhaben anstehen. (Bild: Maria Schmid)

Bruno Pezzatti will noch einmal vier Jahre in Bern verbringen, auch weil wichtige Reformvorhaben anstehen. (Bild: Maria Schmid)

Samantha Taylor

Bruno Pezzatti vertritt den Kanton Zug seit knapp vier Jahren als FDP-Nationalrat in Bern. Warum er noch weitere vier Jahre bleiben will und warum dann aber Schluss ist, erzählt er unserer Zeitung im Interview.

Bruno Pezzatti, Sie wurden vor vier Jahren in die Grosse Kammer gewählt. Wie haben Sie sich bis heute dort eingelebt?

Bruno Pezzatti: Ich habe mich im Nationalrat gut eingelebt und ich bin top motiviert, weiterzumachen. Ich habe mich vor vier Jahren entschieden, mich als Kandidat zur Verfügung zu stellen. Das war, nachdem ich mich eigentlich entschlossen hatte, meine politische Tätigkeit zu beenden. Ich habe das damals mit meiner Familie abgesprochen und mir zu diesem Zeitpunkt schon gesagt, dass ich im Falle einer Wahl zwei Legislaturen machen möchte. Das gilt heute noch immer. Auch weil wichtige Reformvorhaben in der nächsten Legislatur anstehen werden. Ausserdem fühle ich mich gesund, fit und habe nach wie vor viel Freude an der Politik.

Es gab immer wieder Gerüchte, dass Sie antreten und bei einer allfälligen Wiederwahl während der Legislatur zurücktreten. Etwa um Gabriela Ingold Platz zu machen. Hand aufs Herz, was ist da dran?

Pezzatti: Ich habe das schon mehrfach betont – auch gegenüber der «Neuen Zuger Zeitung» –, wenn ich noch mal gewählt werde, dann mache ich die Legislatur fertig. Natürlich immer vorausgesetzt, ich bleibe gesund.

Zurück nach Bern. Wie haben Sie die Parlamentsarbeit im Nationalrat erlebt?

Pezzatti: Die Ratsarbeit kann mit derjenigen eines Kantonsrates verglichen werden. Aber es gibt durchaus Unterschiede. Wir hatten im Zuger Kantonsrat beispielsweise immer eine klare bürgerliche Mehrheit von zwei Dritteln bis drei Viertel. In Bern gehen hingegen etwa 50 bis 60 Prozent der Abstimmungen an Mitte-links. Das hat teilweise mit dem «Fukushima-Effekt» zu tun. Sprich, Energie- und Umweltthemen gehen eher nach links. Vor allem, weil die Linke geschlossen und grosse Teile der Mitteparteien seither opportunistisch in diese Richtung gestimmt haben. Das war für mich eine neue Erfahrung. Positiv kann ich festhalten, dass wir im eidgenössischen Parlament von den Diensten sehr gut und professionell unterstützt werden.

Und wie sieht es mit der Disziplin aus? Als Kantonsratspräsident haben Sie in Zug ja sehr strenge Regeln für den Ratsbetrieb eingeführt. Keine Handys, keine Zeitungen, keine Laptops ...

Pezzatti: (lacht) Ja, das ist eher eine negative Erfahrung. Es läuft im Nationalrat einfach etwas anders. Da wird telefoniert, oder es finden Besprechungen unter Parlamentariern statt – im Saal und während der Debatte. Der Lärmpegel steigt über den Tag kontinuierlich an. Und die Mahnungen des Präsidenten nützen wenig. Die ersten beiden Jahre habe ich mich darüber geärgert.

Und heute?

Pezzatti: Ich habe mich damit abgefunden. Das haben mir auch ältere und erfahrenere Kollegen geraten. Es lohnt sich schlicht nicht, sich zu ärgern.

Sie haben erwähnt, dass in der nächsten Legislatur in einigen Bereichen, die Ihnen wichtig sind, zentrale Schritte anstehen. Welche sind das?

Pezzatti: Es geht zum Beispiel um die Altersvorsorge 2020 und betrifft die Totalrevision des AHV-Gesetzes und des Gesetzes über die berufliche Vorsorge (BVG). Die Vorlage ist zurzeit im Ständerat und kommt voraussichtlich in der Wintersession in den Nationalrat.

Und welche Position vertreten Sie da?

Pezzatti: Die AHV wird in wenigen Jahren finanziell aus dem Ruder laufen, wenn jetzt die Reformen nicht gemacht werden. Die Reform des BVG ist vor allem für jüngere Jahrgänge wichtig. Aus meiner Sicht hat die Vorlage des Bundesrates massiv Schlagseite. Mehreinnahmen von 9,5 Milliarden Franken mittels Mehrwertsteuer- und Beitragserhöhungen stehen gerade knapp einer Milliarde Franken Einsparungen gegenüber. Eine geringfügige Anpassung der Mehrwertsteuer wird zwar nötig sein. Ich bin gegebenenfalls bereit, einen Kompromiss einzugehen. Aber man muss auch die Kostenseite im Auge haben und zusätzliche Einsparungen prüfen.

Sie sprechen das Rentenalter an?

Pezzatti: Genau. Ich bin überzeugt, dass das Rentenalter – wie vom Bundesrat vorgeschlagen – zunächst für Frauen und Männer gleich bei 65/65 festgelegt werden muss. Es wird auch nötig sein, das Rentenalter generell zwischen 62 und 70 zu flexibilisieren. Später, das heisst in einem zweiten Schritt, werden wir nicht darum herumkommen, das Referenz-Rentenalter für Frauen und Männer auf 66/66 oder 67/67 zu erhöhen. Umliegende Länder haben das bereits gemacht.

Würden Sie selbst bis 67 arbeiten?

Pezzatti: Ja. Ich bin ja jetzt 64 Jahre alt, und ich möchte in der Politik ja noch vier Jahre weitermachen. Auch gewisse Aufgaben in der Wirtschaft werde ich noch behalten, unter anderem mein Vorstandsmandat beim Obstverband und die Aufgaben in der Raiffeisengruppe. Mein Lebenskonzept sieht so aus, dass ich – wenn ich gesund bleibe – bis 68, oder darüber hinaus mindestens noch teilweise, arbeiten möchte.

Der bürgerliche Schulterschluss zwischen CVP und FDP hat Sie vor vier Jahren nach Bern gebracht. Nun haben sich die beiden Parteien erneut für eine Zusammenarbeit entschieden. Eine gute und nötige Entscheidung?

Pezzatti: Der Schulterschluss macht rechnerisch Sinn. Ob er auch nötig ist, das sehen wir nach den Wahlen. Dann sehen wir, wie sich die Stimmen verteilt haben. Aber dass wir mit der CVP und auch mit der GLP zusammenstehen, finde ich gut. Die linken Parteien gehen im Kanton Zug ja auch immer Listenverbindungen ein.

Und was ist mit der SVP?

Pezzatti: Persönlich wäre ich auch für eine Listenverbindung mit der SVP gewesen. Wir vertreten alle drei, die wir jetzt in Bern sind, eine bürgerliche Politik, allerdings mit teilweise recht unterschiedlichen politischen Haltungen. Das sieht man auch, wenn man beispielsweise das Rating der «Neuen Zürcher Zeitung» anschaut. Dann steht die SVP deutlich weiter rechts als die FDP und die CVP. Die FDP findet sich dabei kompakt zwischen den beiden Parteien. Ich selbst stehe beim FDP-Block im wirtschaftsliberalen KMU-Flügel.

Wäre für Sie auch ein Alleingang denkbar gewesen?

Pezzatti: Das wäre ein Risiko gewesen. Es geht darum, die Sitze zu halten, und es geht auch darum, in Zukunft eine klarere bürgerliche Politik in unserem Land zu ermöglichen. Da müssen alle politischen Mittel, die zur Verfügung stehen, eingesetzt werden. Listenverbindungen sind ein legitimes Mittel.

Bangen Sie um Ihren Sitz?

Pezzatti: Nein. Es muss allerdings verhindert werden, dass der dritte Sitz verloren geht. Wenn man realistisch schaut, welcher bürgerliche Sitz am ehesten gefährdet ist aufgrund der letzten Wahlen, dann könnte das schon meiner sein. Ich bin erst vier Jahre Nationalrat. Gerhard Pfister ist zwölf Jahre in Bern. Thomas Aeschi wurde zwar auch erst vor vier Jahren gewählt. Seine Partei hat bei den letzten Wahlen aber am meisten Stimmen gemacht. Es gibt gewisse Anhaltspunkte, dass sich dies in diesem Jahr ändern wird.

Ihre beiden Zuger Kollegen haben häufig Auftritte in den nationalen Medien. Von Ihnen hört man weniger. Weshalb?

Pezzatti: Das ist so, die beiden sind gesamtschweizerisch einiges bekannter als ich. Bei Gerhard Pfister liegt das unter anderem daran, dass er schon lange dabei ist. Es liegt aber auch daran, dass ich mich von meinem Naturell her viel mehr im Beruf sehe als in der Politik. Das war schon immer so. Das ist bei Gerhard Pfister anders. Er ist eine politische Ausnahmeerscheinung und hat weitere Ambitionen und auch die Voraussetzungen dafür. Ich bin durch und durch ein «Milizer», der auch die Öffentlichkeit nicht so sehr sucht. Ich würde mich über eine weitere Legislatur im Nationalrat freuen. Weiter hoch will ich aber nicht. Mir ist es recht, wenn ich nicht so bekannt bin.

Wie viel Zug haben Sie nach Bern gebracht?

Pezzatti: Ich versuche, die Zuger Anliegen mit Überzeugung und Herzblut zu vertreten. Ich habe bisher insgesamt 26 Vorstösse eingereicht, drei davon betreffen den NFA. Bei diesen habe ich mich speziell für Zug eingesetzt. Die anderen Vorstösse betreffen kommissionsbedingt vor allem die verschiedenen Sozialversicherungen und das Gesundheitswesen.

Zum Abschluss eine kleine Bilanz: Was ist Ihnen in den vergangenen vier Jahren in Bern gelungen?

Pezzatti: Ich sehe meinen Erfolg vor allem darin, dass ich dank meiner guten beruflichen und politischen Vernetzung und Erfahrung bei wichtigen Anliegen der Wirtschaft und des Gewerbes vermehrt zu Mehrheiten im Nationalrat beitragen konnte. Ich habe zudem als Mitglied des Unternehmerflügels der Fraktion darauf hingewirkt, dass die FDP wieder eine klarere wirtschaftsfreundliche und bürgerliche Linie fährt. Unsere Fraktion ist kompakter geworden.

Und was ist misslungen?

Pezzatti: Ganz klar die Beratungen um den NFA. Das Ganze ist eine grosse Enttäuschung. Aufgestossen ist mir dabei vor allem die an Sturheit grenzende Uneinsichtigkeit des Ständerats bei einer staatspolitisch so wichtigen Vorlage. Die grosse Mehrheit der Kleinen Kammer erwartet einfach nur in eine Richtung Solidarität und hat kein Verständnis für die Anliegen der Geberkantone. Dagegen muss nicht nur im Ständerat, sondern auch im Nationalrat in der nächsten Legislatur noch stärker Gegensteuer gegeben werden.
 

Zur Person

Bruno Pezzatti ist 64 Jahre alt und wohnt in Edlibach bei Menzingen. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Pezzatti ist diplomierter Agronom. Bis März 2013 war er Direktor des Schweizerischen Obstverbandes. Sei April 2013 ist er Mitglied des Verbandsvorstandes. Pezzatti sitzt seit 2012 für die FDP im Nationalrat. Er ist unter anderem Mitglied der Geschäftsleitung der FDP des Kantons Zug.