WAHLEN: Manuela Weichelt-Picard: «Zug soll für alle eine Heimat sein»

Sie will zum dritten Mal Regierungsrätin werden: Manuela Weichelt-Picard. Die Alternativ-Grüne (47) sagt, dass das neue Wahlsystem eine Herausforderung für sie ist.

Wolfgang Holz
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«Mit meinem liberalen Denken ist es für mich selbstverständlich, jeden Menschen gleich zu behandeln»: Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard. (Bild Stefan Kaiser)

«Mit meinem liberalen Denken ist es für mich selbstverständlich, jeden Menschen gleich zu behandeln»: Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard. (Bild Stefan Kaiser)

Schöne Ferien gehabt, Frau Weichelt?

Manuela Weichelt-Picard: Wunderschöne. Wir sind mit der Familie am Bodensee Velo gefahren. Dabei haben wir von meinem Geburtsort Romanshorn aus die Fähre nach Friedrichshafen genommen und einen Teil des Velowegs gemacht – unsere Kleine, die sechs ist, radelte selbst mit.

Ist es für Sie als Karrierefrau eine Erholung, sich in den Ferien der Familie mehr widmen zu können?

Weichelt-Picard: Ich geniesse es, in den Ferien mehr Zeit für die Familie zu haben, gemeinsam unterwegs zu sein.

Kochen Sie dann auch?

Weichelt-Picard: Nein, das ist eine meiner Schwächen: Ich bin eher eine schlechte Köchin. Man kann nicht alles können.

Kommen wir zur Politik. Sie sind die einzige Frau im mehrheitlich bürgerlichen Regierungsrat und auch noch eine Linke. Ist das schwierig für Sie?

Weichelt-Picard: Es ist eine Herausforderung. Ich denke aber, es ist wichtig, mit dazu beizutragen, dass Frauen und Männer möglichst überall gleich vertreten sind.

Im Regierungsrat ist das aber noch lange nicht der Fall ...

Weichelt-Picard: ... noch nicht. Man merkt tatsächlich, dass man als Frau und bei manchen politischen Themen in der doppelten Minderheit ist. Es gibt Themen, bei denen Frauen mehr und andere – und ebenfalls wichtige – Erfahrungen gemacht haben als Männer. Insgesamt habe ich das Gremium mir gegenüber als wohlwollend empfunden. Ich versuche, junge Frauen zu ermuntern. Sie sollen sehen: Es ist möglich, eine Karriere zu machen und Kinder zu haben.

Aber warum gibt es doch noch immer so wenige Frauen in der Politik?

Weichelt-Picard: Es sind in letzter Zeit sogar noch weniger Frauen geworden. Das hat sicher viele Gründe. Einerseits liegt es an den Parteien, die mehr Frauen nominieren und fördern sollten – und sie dann auch unterstützen im Wahlkampf. Andererseits brauchen Frauen mit Familie, die in die Politik wollen, die volle Unterstützung von zu Hause und von ihrem Partner. Politik ist ein harter Job. Nicht zuletzt, weil man auch Kritik einstecken können muss.

Können Sie das denn?

Weichelt-Picard: (lacht) Ich habe es auf jeden Fall acht Jahre lang schon gemacht. Ich habe zu unterscheiden gelernt zwischen meiner Person und meinem Amt als Regierungsrätin. Wird zu einem Thema Kritik geäussert, etwa zu einem Asylstandort, so hat dies nichts mit meiner Person zu tun, sondern mit meinem Amt.

Apropos. Was macht Ihnen eigentlich am meisten Spass am Regieren?

Weichelt-Picard: Dass ich einen Teil der Zuger Bevölkerung vertreten darf. Dass ich zusammen mit den Beteiligten die Zukunft mitentscheiden kann. Dabei widme ich mich vor allem drei Themen. Erstens: Gerechtigkeit, Fairness, Schutz von Minderheiten; zweitens: Zug als lebenswerter Kanton für alle; und drittens: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Beim letzten Punkt geht es etwa darum, dass es im Kanton immer noch zu wenig bezahlbare Kinderkrippen und Tagesschulen gibt. Und dass mehr Frauen im Kader arbeiten sollten: Bei mir in der Direktion sind es 50 Prozent, bei meinem Amtsantritt waren es null. Es geht mir generell darum, dass der Kanton Zug für alle Personenkreise eine Heimat ist – dass auch bezahlbarer Wohnraum und Grünflächen erhalten bleiben. Schliesslich soll sich hier eine Verkäuferin genauso wohl fühlen wie der Millionär am Zuger Hang.

Aber tickt Zug in Sachen Wohnen nicht längst ganz anders?

Weichelt-Picard: Das ist wirklich ein Problem. Und deshalb steht Zug als Pionierkanton bei der Raumplanung sicher in der Pflicht, noch mehr Zonen für preisgünstigen Wohnraum auszuscheiden – vor allem für Leute, die tatsächlich hier wohnen. Es gibt ja Personen, die hohe Preise zahlen für Miete oder Eigentum, aber faktisch gar nicht hier wohnen. Und das stört einen Teil der Zuger Bevölkerung.

Warum kandidieren Sie erneut?

Weichelt-Picard: Um die angesprochenen Ziele weiter zu verwirklichen. Dazu gehört für mich auch die Aufarbeitung der Geschichte der Zwangsmassnahmen in der sozialen Fürsorge bis in die 1980er-Jahre. Wenn ich dieser Tage die Zeitung aufschlage, bin ich erschüttert über das Ausmass der Gewalt in der Welt. Es ist für uns hier schon ein grosses Glück, in der Schweiz und im Kanton Zug zu leben. Das bedeutet aber auch eine Verpflichtung für uns, dass wir unsere humanitäre Tradition aufrechterhalten und Leute in Not aufnehmen und ihnen Schutz bieten.

Was heisst das konkret?

Weichelt-Picard: In der Unterbringung von Asylsuchenden heisst das, dass wir seit April dazu verpflichtet sind, aufgrund der erhöhten Zuweisung von Asylsuchenden durch den Bund weitere Standortkapazitäten zur Verfügung zu stellen. In einigen Gemeinden gibt es immer noch zu wenig Unterkünfte. Es ist allerdings auch nicht in jeder Gemeinde gleich einfach, Unterkünfte bereitzustellen. Ich appelliere deshalb an die Solidarität. Insgesamt ist es erfreulich, dass in Zug Asylsuchende gut aufgenommen werden.

Welche Chancen rechnen Sie sich denn bei der neuen Majorzwahl aus?

Weichelt-Picard: Es ist sicher eine Herausforderung. Ich denke, es wäre sehr speziell für Zug, wenn es am Ende nur einen rein männlichen und bürgerlichen Regierungsrat gäbe. Deshalb ist es jetzt auch gut, wenn eine weitere Frau kandidiert. Ich glaube nicht, dass es für mich von Vorteil ist, eine Frau zu sein. Ich denke, ich habe eher Vorteile dadurch, dass ich Amtsinhaberin bin, die gute Arbeit geleistet hat.

Ihr grösster politischer Erfolg?

Weichelt-Picard: Dass ich mich für die Rechte der Bürger und Minderheiten eingesetzt habe. Mit meinem liberalen Denken ist es für mich selbstverständlich, jeden Menschen gleich zu behandeln. Dazu gehört etwa auch die Einführung des neuen Wahlsystems für den Kantonsrat, der Minderheiten mehr Chancen einräumt und vom Volk mit über 80 Prozent der Stimmen gutgeheissen wurde.

Sie sind aber auch in die Kritik geraten. Stichwort IT-Skandal. Würden Sie sagen, Sie haben Fehler gemacht?

Weichelt-Picard: Im Nachhinein hätte meine Direktion sicher einzelne Punkte anders gemacht. Zum Beispiel früher eine Fachperson für IT eingestellt. Schliesslich ist es für einen kleinen Kanton wie Zug nicht einfach, gegen einen grossen IT-Konzern zu bestehen. Ich bin insgesamt sehr froh über den sachlich fundierten Kommissionsbericht, der für den IT-Bereich der Verwaltung neue Wege aufzeigt.

Was machen Sie als Erstes, wenn Sie abends nach Hause kommen?

Weichelt-Picard: Ich küsse meine Kinder und tausche mich noch mit meinem Mann aus. Und dann bekommt natürlich auch er einen Kuss ...

Zur Person

  • Name: Manuela Weichelt-Picard
  • Partei: Alternative-die Grünen
  • Alter: 47
  • Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder
  • Im Amt seit: 2007
  • Beruf: Regierungsrätin und Master of Public Health
  • Hobbys: Lesen, Wandern, Joggen, Freundschaften pflegen
  • Ämter (Auswahl): Präsidentin der Konferenz der Zentralschweizer Sozialvorsteher/-innen, Präsidentin Konkordat Zugersee, Präsidentin Zentralschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht