Steinhauser Mentalcoach lässt sich ohne Narkose operieren

Christian Schiermayer gewöhnt das Rauchen ab, hilft bei Prüfungsangst, oder unterstützt, das nötige Selbstbewusstsein zu haben, eine Frau anzusprechen. Dabei setzt der Mentalcoach auf Hypnose. Zuletzt bei sich selbst im Operationssaal.

Interview: Christopher Gilb
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Der Mentalcoach und sein Zufluchtsort: Christian Schiermayer am Zugersee. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. Januar 2019))

Der Mentalcoach und sein Zufluchtsort: Christian Schiermayer am Zugersee. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. Januar 2019))

Drei Monate bereitete er sich intensiv vor, dann im Juni war es soweit. In der Hirslanden-Klinik St. Anna wurde dem Steinhauser Mentalcoach Christian Schiermayer ohne Narkose operativ eine Platte aus der Hand entfernt. Er war derweil hypnotisiert. Zur Sicherheit stand eine Narkoseärztin bereit, wurde aber nicht benötigt, denn Schiermayer lag die ganze Zeit über ruhig da. Die Hypnose sieht er nicht als Allheilmittel, aber als Möglichkeit, gängige Methoden zu unterstützen. Ein Denken, das auch langsam in die Spitäler Einzug hält. Angefangen hat alles mit seiner eigenen Rauchentwöhnung. Es habe vieles damit zu tun, wie man etwas angeht, sagt der 45-Jährige.

Christian Schiermayer, für eine Spezialausgabe der SRF-Sendung «Puls» hat Sie ein Kamerateam während einer Operation gefilmt. Der Eingriff war nicht einfach, da die Schrauben in Ihrer Hand verwachsen waren und der Arzt sie freihämmern musste. Hat es nie wehgetan?

Das Hämmern habe ich natürlich gespürt, Schmerzen aber nicht. Viele kennen das wahrscheinlich. Man entdeckt plötzlich eine rote Stelle am Arm oder sieht einen kleinen Kratzer und weiss nicht, wie es dazu gekommen ist. Das war, weil wir im Moment, in dem es passiert, stark auf etwas anderes fokussiert waren. Ähnlich war es bei mir auch. Ich war einfach komplett woanders.

Wo waren Sie? Gemäss den behandelnden Ärzten hatten Sie einen ganz ruhigen Puls.

An meiner Lieblingsstelle am Zugersee bei der Chollermüli. Man hat dort eine wunderbare Aussicht. Viele werden das kennen. Man kommt aus dem Urlaub zurück, legt sich aufs Bett und versetzt sich gedanklich noch einmal in den Urlaub zurück und vergisst dabei alles. So in etwa läuft das. Nur habe ich trainiert, auf Abruf wegzugehen.

Sie haben sich gemeinsam mit dem Hypnoseausbilder Ray Popoola vorbereitet. Auch während der Operation war er an Ihrer Seite.

Genau. Wir haben für diesen Moment trainiert. Auch mit Hilfe einer Klammer getestet, ob ich wirklich, wenn’s drauf ankommt, nichts mehr spüre. Er hat mir dann auch vor der Operation geholfen, mich in diesen Zustand zu versetzen. Eine der Übungen vor der Operation war beispielsweise, mir die Zahlen von 30 bis 1 bildlich vorzustellen.

Wieso wollten Sie unbedingt auf die Narkose verzichten?

Während einer meiner Ausbildungen wurde uns eine Dokumentation über eine Leistenoperation in England gezeigt, welche komplett unter Hypnose durchgeführt wurde. Das hat mich fasziniert. Als ich mir dann bei meiner früheren Arbeit als Kranführer die Hand brach und wusste, dass ich irgendwann die Platte wieder entfernen muss, war mir klar, dass ich es auch so machen will. Ich wollte herausfinden, wieweit das menschliche Gehirn trainierbar ist und erneut über meinen eigenen Tellerrand hinausgehen.

Die Hypnose in den Spitälern

Die Hypnose hält Einzug in Schweizer Spitäler. Im Spital Schwyz ist die Hypnose, wie einem aktuellen Artikel zum Thema der Schweizer Familie zu entnehmen ist, beispielsweise wichtiger Bestandteil der Schmerz-Sprechstunden. Auch im Kantonsspital St. Gallen oder in den Universitätsspitälern von Basel, Zürich und Lausanne wird die Methode schon eingesetzt. Und im Universitätsspital Genf soll bis in zwei Jahren sogar ein Zehntel des medizinischen Personals eine Ausbildung in Hypnose durchlaufen. So weit sind die Zuger Spitäler noch nicht. Aber auch im Kantonsspital Zug werden gewisse grundlegende Elemente der Hypnosetherapie, wie es auf Nachfrage heisst, durch einzelne Mitarbeiter eingesetzt. Beispielsweise zur verbesserten Patienten-Kommunikation. Sie gehört aber bisher nicht zum Teil des Leistungsangebots. Das ist auch in der Andreasklinik der Fall, die wie die Klinik St. Anna zur Hirslanden-Gruppe gehört. Man sei jedoch neuen Methoden, sei es in der Anästhesie oder bei der Behandlung von Schmerzen, gegenüber offen und verfolge Entwicklungen mit entsprechendem Interesse – und sei diesbezüglich im Austausch innerhalb der Privatklinikgruppe. Eine Operation unter Hypnose sei bisher noch nicht nachgefragt worden. Einem solchen Wunsche würde man aber versuchen, in Absprache mit dem Anästhesisten nachzukommen. (cg)

Vor fünf Jahren waren Sie noch Kranführer in Ihrer Geburtsstadt Wien. Heute betreuen sie als Mentalcoach in Steinhausen Personen aus der ganzen Schweiz und darüber hinaus. Wie kam es zu diesem grossen Wandel?

Mich hat schon immer die Frage beschäftigt, warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Und ich habe mich auch gerne und oft mit Menschen darüber ausgetauscht. Warum beispielsweise haben wir gewisse Ängste? Vor fünf Jahren brauchte ich einen Wechsel. Die Zukunft beispielsweise machte mir Angst. Ich brauchte eine Neuausrichtung. Ein Cousin von mir lebt schon länger in der Schweiz, ich beschloss, hier einen Neuanfang zu wagen. Auf die Hypnose kam ich durch eine erfolgreiche Nikotinentwöhnung und das nach 25 Jahren als Raucher. Fasziniert davon, bildete ich mich weiter und machte mich dann vor zirka zwei Jahren selbstständig. Jetzt bin ich nicht mehr nur privater Ratgeber, sondern unterstütze die Menschen beim Erreichen ihrer Ziele. Es fängt schon damit an, wie man an etwas herangeht.

Wie meinen Sie das?

Ich habe gerade im Dezember an der Universität Luzern einen Vortrag gehalten. Es ging unter anderem um Prüfungsangst. Fragt man die Studenten, was sie wollen, sagen sie: Keinen Stress mehr haben und keine Angst vor der Prüfung. Was das Unterbewusstsein aber hört, sind die Wörter Stress und Angst. Diese bleiben hängen. Ganz anders wäre es, zu sagen, man will gelassen und entspannt in die Prüfung gehen. So ist es auch im Spital. Im Unispital Genf wird derzeit die Hypnose massiv ausgebaut. Da geht es zu allererst um die Kommunikation mit den Patienten. Die Hypnose ist ein Mittel, um beispielsweise positive Empfindungen im Patienten zu aktivieren.

Wenn man als Laie Hypnose hört, denkt man automatisch an irgendwelche Quacksalber, die zu Showzwecken Leute in Trance versetzen oder so machen, als ob, und die eigene Gutgläubigkeit ausnutzen.

Ein Taxifahrer hat sich mal die ganze Fahrt lang verängstigt ans Lenkrad geklammert, als ich ihm erzählt habe, was ich beruflich mache. Aber ja, leider ist uns oft nur die Hypnose zu Showzwecken bekannt. Bevor es die Narkose gab, kam die Hypnose aber beispielsweise regelmässig bei Operationen zum Einsatz. Aber sie ist eben zeitintensiv und lässt sich deshalb schwer bei der Masse einsetzen. Sie kann aber helfen, dass beispielsweise weniger Chemie nötig ist, indem eine Person in einen stressfreieren Zustand versetzt wird. Aber auch das, was man aus dem Fernsehen kennt, also diese Blitzhypnose, funktioniert.

Auf Ihrer Homepage findet man Angebote zur Raucherentwöhnung. Wie hoch ist da Ihre Erfolgsquote?

90 Prozent. Wichtigste Voraussetzung ist jedoch, dass man es will. Das ist bei allem, wo ich helfen kann, entscheidend. Leider denken die Leute bei der Rauchentwöhnung aber oft erst als letztes Mittel an die Hypnose. Also dann, wenn der Arzt zu ihnen sagt, jetzt muss was passieren, sonst wird’s gesundheitlich prekär.

Auch ist der Kommentar eines ehemaligen Klienten aufgeschaltet, der sich dafür bedankt, nun Frauen ansprechen zu können.

Bei ihm ging es darum, herauszufinden, was er denn genau unter dem Begriff Selbstbewusstsein versteht und was er benötigt, um das Problem zu lösen. Durch die richtigen Fragestellungen konnte das Thema dann nachhaltig gemeinsam gelöst werden.

Im SRF-Beitrag besuchen Sie ein Schlaflabor. Das Fazit ist, es ist nicht messbar ob und vor allem wie tief jemand hypnotisiert ist. Hypnose ist ein nachweislich veränderter Bewusstseinszustand. Nur in welcher Form das passiert, konnte noch nicht gemessen werden. Es kann aber Menschen helfen, das ist entscheidend. Auch Herzogin Kate beispielsweise hat ihre Kinder mit Unterstützung einer Hypnose-Therapie geboren und war dabei nahezu schmerzfrei. Sie sprachen vom Hypnobirthing. Auch etwas, was Sie anbieten?

Nein, so etwas überlasse ich dafür speziell ausgebildeten Kollegen. Wichtig ist bei meiner Arbeit, authentisch zu sein. Das kann ich dort, wo ich etwas davon verstehe und wo ich, wie etwa beim Rauchen, selber Erfahrungen habe.

Die SRF-Sendung Puls Spezial vom 17. September 2018

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