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WALCHWIL: Denkmalpfleger aus Leidenschaft für die Eisenbahn

Das Gleisarbeiterhäuschen beim Bahnhof wird seit langem nicht mehr be­trieben. Ein Mann schützt es liebevoll vor dem Verfall.
Raphael Biermayr
Für Walter Gretener (69) ist das Häuschen am Gleis ein Rückzugsort. (Bild Stefan Kaiser)

Für Walter Gretener (69) ist das Häuschen am Gleis ein Rückzugsort. (Bild Stefan Kaiser)

Wo sich einst die Gleisarbeiter an ihrer Suppe mit Gnagi wärmten, finden sich heute Mausefallen und tausend andere Dinge. 104 Jahre alt ist dieses Riegelhäuschen. Wer mit der Stadtbahn von Zug her fahrend rechter Hand aus dem Fenster schaut, sieht es kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Walchwil. Die wenigen Augenblicke der Betrachtung reichen aus, um zu erkennen, dass das Gebäude und seine Umgebung mit Hingabe gepflegt werden, obwohl die SBB es seit etwa 50 Jahren nicht mehr nutzen.

Dafür verantwortlich zeichnet Walter Gretener. Für den pensionierten Gleisarbeiter ist dieser Fleck ein Rückzugsort. Vor bald 30 Jahren ist er ins Dorf gezogen, seither schaut er zu dem Häuschen. Der 69-Jährige empfängt mit einem SBB-Käppi auf dem Kopf zur Führung dieses Bähnler-Denkmals. Der Treffpunkt liegt vor dem Gebäude, das seine Wohnung beherbergt – das Bahnhofsgebäude. Ein Zufall führte die sechsköpfige Familie im Jahr 1987 hierher, ein glücklicher Zufall aus der Sicht von Gretener: «Hinten hält der Zug, vorn der Bus – was will man mehr?», fragt er rhetorisch.

Walter Gretener betreut das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil seit 30 Jahren. (Bild: Stefan Kaiser)
Für den 69-Jährigen ist das Häuschen am Gleis ein Rückzugsort. (Bild: Stefan Kaiser)
Bild: Stefan Kaiser
Das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil wurde 1912 als Aufenthaltsraum für Bahnarbeiter gebaut. (Bild: Stefan Kaiser)
Das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil wurde 1912 als Aufenthaltsraum für Bahnarbeiter gebaut. Stefan Kaiser (Neue ZZ) (Bild: Stefan Kaiser)
Das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil wurde 1912 als Aufenthaltsraum für Bahnarbeiter gebaut. Stefan Kaiser (Neue ZZ) (Bild: Stefan Kaiser)
Bild: Stefan Kaiser
Walter Gretener betreut das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil seit 30 Jahren. Stefan Kaiser (Neue ZZ) (Bild: Stefan Kaiser)
Walter Gretener betreut das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil seit 30 Jahren. Stefan Kaiser (Neue ZZ) (Bild: Stefan Kaiser)
Bild: Stefan Kaiser
Walter Gretener betreut das alte Bahnhäuschen beim Bahnhof Walchwil seit 30 Jahren. Stefan Kaiser (Neue ZZ) (Bild: Stefan Kaiser)
) (Bild: Stefan Kaiser)
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Gleisarbeiterhäuschen in Walchwil

Historisches Material

Der kräftige Mann geht voraus, dem Gleis entlang zum Häuschen. «Normalerweise trage ich eine orange Weste», sagt er pflichtbewusst, an diesem Tag muss ein gelbes T-Shirt reichen. Gretener hat aus den wenigen Quadratmetern um das ehemalige Gleisarbeiterhaus einen Schrebergarten gemacht; mit Beeten, einem Feigenbaum und einem Rosenbusch, der die Fassade erklimmt. Aus mehreren Plastiktonnen und Eimern hat er ein Wasserreservoir geschaffen. Auf dem Tisch hat Gretener Erinnerungsstücke aus der Geschichte seiner Familie, der SBB und des Häuschens drapiert: Eine Originalaufnahme vom Bau der Eisenbahnbrücke zwischen Oberrüti und Rotkreuz zum Bespiel. Oder die Abbildung eines Bahnbillets der 3. Klasse für die Fahrt von «Sins nach Rothkreuz» von 1886 im Gegenwert von 60 Rappen. Auch der Originalbauplan des Gleisarbeiterhauses von 1912 samt Inventarliste findet sich. 3000 Franken hat der Bau gekostet. Wie ist er an diese Dokumente gelangt? «Gute Beziehungen», sagt der schnauzbärtige Mann schmunzelnd.

«Jetzt kommt gleich einer», liest Gretener an den Signalen ab und blickt auf das noch leere Gleisbett. Als die Stadtbahn einfährt, hebt er die Hand. «Das mache ich nicht nur zum Gruss. Damit zeige ich dem Lokführer, dass ich ihn gesehen habe – eine Sicherheitsmassnahme», erklärt er. Das Bähnler-Gen hat er geerbt. Sein Urgrossvater und sein Grossvater waren schon bei den SBB gewesen. Sein Vater durfte hingegen nicht in den Bundesbetrieb eintreten, weil er im Militär nur Hilfsdienst geleistet hatte.

Die Eisenbahner-Familie

Er brachte seine Familie als Selbstversorger auf dem Hof in Unterhünenberg durch, aber die Eisenbahn war dennoch allgegenwärtig. «Mein Vater fuhr manchmal auf den Furka zu den Baustellen der dortigen Bahn und brachte den Arbeitern von der Ernte übrig gebliebene Erbsen für die Suppe mit», erzählt Walter Gretener. Sein verstorbener Bruder arbeitete ebenfalls für die SBB, seine Schwester hat einen Bähnler geheiratet. Er selbst musste auf Geheiss des Vaters «zuerst eine rechte Lehre machen». So lernte er Sanitär in Zug, bevor er mit 20 Jahren im Gleisbau tätig wurde. Später bildete er sich weiter und arbeitete zuletzt in der SBB-Buchhaltung in Bern, wo er vor zehn Jahren pensioniert wurde. Diesem Schritt liegt weniger Überzeugung zu Grunde als vielmehr Vernunft: «Wegen Änderungen im Betrieb hätte ich einige Lohnklassen eingebüsst – das wollte ich natürlich nicht», sagt er.

Weil früher vieles besser gewesen sei, hielt sich seine Trauer darüber aber in Grenzen. Deshalb kann er auch gut verschmerzen, dass von seinen vier Kindern keines die Bähnler-Familientradition weitergeführt hat. Was den Unterhalt des alten Häuschens in Walchwil künftig anbelangt, macht er sich noch keinen Kopf. Die umstrittene Doppelspur, die nach seiner Meinung «sicher kommen wird», tangiert das Gebäude nicht. «Und ich habe ja immer noch den Plausch daran», sagt Gretener. Damit ist er nicht allein. Die Denkmalpflege hat sich das Gebäude bereits angeschaut. Und manchmal kommen Kameraden aus dem Militärschiessverein oder der Männerriege auf ein Bier vorbei. Seine Frau gönne ihm diese Freude. «Auch sie hat gern Züge. Seit ein paar Jahren haben wir beide das 1.-Klasse-GA und machen Ausflüge», sagt Gretener und hebt die Hand: Der nächste Zug fährt ein.

Raphael Biermayr

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