Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

WALCHWIL: Der Geistliche, der sich verlieben wollte

Der neue katholische Gemeindeleiter Ralf Binder (51) spricht ebenso gern über Gott wie über die Welt. Im Himmel faszinieren ihn auch Raumschiffe.
Raphael Biermayr
Ralf Binder (vor der Kirche und dem Pfarreizentrum in Walchwil) freut sich auf die neue Herausforderung. (Bild Werner Schelbert)

Ralf Binder (vor der Kirche und dem Pfarreizentrum in Walchwil) freut sich auf die neue Herausforderung. (Bild Werner Schelbert)

Ralf Binder legt das Handy zur Seite. «Es ist schon erstaunlich, wie die Technik unser Leben beeinflusst», sagt er. Er meint das nicht vorwurfsvoll. Der neue Gemeindeleiter in Walchwil bezeichnet sich als «Technikfreak». Er sei bis heute Trekkie, also ein Anhänger der Raumschiff-Fernsehserie «Star Trek». Ob er sich – wie für einen echten Trekkie üblich – manchmal auch originalgetreu verkleidet? «Nein», sagt Binder lachend, «ich verkleide mich in der Kirche schon oft genug.» Witz und Selbstironie charakterisieren den 51-Jährigen, der am Sonntag im Rahmen des 10-Uhr-Gottesdiensts die Amtseinsetzung feiern wird.

Er ist dank seiner Familie mit zwei Kindern welterfahrener als andere. In manchen Worten des Diakons liegt zwar die Symbolik Geistlicher, doch er versucht, die Symbole mit konkreten Inhalten zu füllen. Dazu braucht er den Austausch mit Menschen und ihren Anliegen. Nach zwölf Jahren in Zeiningen AG merkte er, dass er neue Begegnungen sucht. «Nach so einer langen Zeit wird man betriebsblind und den Menschen etwas überdrüssig», sagt er offen. Es gebe «in unserer Branche» eine ungeschriebene Regel, wonach man nach zehn Jahren die Gemeinde wechseln sollte.

Begegnung im November

Als er im Café auf dem Dorfplatz von Walchwil davon erzählt, wirkt Binder hungrig. Nicht auf das Gipfeli, das unangetastet im Korb liegen bleiben wird, sondern auf die Herausforderung. Diese ist in Walchwil besonders gross. Einerseits, weil er in der Pfarrei St. Johannes der Täufer die Nachfolge des 16 Jahre amtenden Pfarrers Mijo Rogina antritt. Andererseits, weil die Gemeinde eine deutliche Widersprüchlichkeit von Erhalt und Veränderung in sich vereint. Damit erinnert sie an die katholische Kirche selbst. Nach einem Besuch im vergangenen November stand für Binder fest, dass er diese Stelle unbedingt will. Ausschlaggebend sei gewesen, dass der Sigrist René Bielmann bei seinem ersten Besuch direkt auf ihn zugekommen sei, ohne ihn gekannt zu haben, und ihm die Tür zur Kirche aufgeschlossen habe. «Ich fühlte mich sofort willkommen», sagt der eingebürgerte Deutsche.

Die vielen Expats in der Gemeinde seien für ihn ein zusätzlicher Antrieb gewesen. Die besondere Konstellation im Dorf mit den vielen Zuzügern und den einflussreichen alteingesessenen Familien lässt den Diakon unbeeindruckt. «Letztlich sind wir alle Migranten, also irgendwann von irgendwoher zugezogen», erklärt er seine Einstellung. Entsprechend will er «nicht nur denen ein Ohr schenken, die etwas zu sagen haben, sondern für alle da sein». Das gelte auch glaubensübergreifend, was ein viel versprechender Ansatz ist, angesichts des tiefsten Katholikenanteils aller Gemeinden im Kanton (46,5 Prozent). Doch denkt Binder tatsächlich, als katholischer Geistlicher als Brückenbauer wahrgenommen zu werden? «Leider kriegt man den Stempel katholisch› aufgedrückt», schickt er voraus, «aber ich habe festgestellt, dass der Austausch mit Nichtkatholiken oft lockerer ist als mit Katholiken. Ich habe natürlich auch Freunde, die nicht diesem Glauben angehören, mit denen kann ich mich ebenso gut unterhalten.»

Dass sein Horizont über den Taufstein hinausreicht, erkennt man auch an seinem Büro im Pfarramt, einem mit Büchern vollbepackten Kabäuschen. Vor allem deutsche Klassiker finden sich darin, aber auch Werke von und über Philosophen. Während seiner Schulzeit in einem Vorort Mannheims, sagt Binder, hätten ihn die Bücher der Schweizer Schriftsteller Max Frisch und Gottfried Keller angesprochen, «weil es darin um Menschen auf der Suche geht». Es liegt nah, dass das ein Geistlicher sagt. Aber im Fall von Binder geht es bei der Suche nicht nur um seine «Berufung zum Seelsorger», wie er sagt, sondern um sein Leben grundsätzlich. Während des Theologiestudiums in Rom ist ihm etwas klar geworden: «Ich wollte mich verlieben und eine Familie gründen.» Dabei sei keine Frau im Spiel gewesen, «darauf bin ich stolz», sagt Binder. Trotz seiner Abkehr vom Zölibat, der für die Priesterweihe und für die Diakonenweihe unverheirateter Männer vorausgesetzt wird, prangt er diesen nicht an, sondern sieht ihn eher als gesellschaftliche Entwicklung: «Heutzutage ist ja jeder Dritte solo. So langsam aber sicher ist die Ehe das Ungewöhnliche.»

Treffpunkt Pfarreizentrum

Ungewöhnlich sind auch die Dimensionen des 2015 eingeweihten Pfarreizentrums in Walchwil. Es ist enorm geräumig und edel eingerichtet. Binder ist sichtlich beeindruckt davon. Er hat in seiner ehemaligen Gemeinde andere Verhältnisse kennen gelernt, was er in einem witzigen Gedanken ausdrückt: «In Zeiningen war der Pfarreisaal puritanisch und damit wohl eher im Sinne von Papst Franziskus. Wenn er das Pfarreizentrum hier sehen würde, würde er wohl sagen: Aufgepasst vor dem Luxus!» Binder führt durch die Gänge des Gebäudes und skizziert währenddessen seine Pläne, die Cafeteria im Erdgeschoss zu beleben. «Sie soll jedermann offenstehen, zum Austausch untereinander und natürlich auch mit mir.» Dabei denkt er in erster Linie nicht an Gespräche über Gott, sondern über die Welt.

Raphael Biermayr

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.