WALCHWIL: Die neue gute Fee am Ort der Rätsel

Verena Hürlimann (54) ist zur neuen Sakristanin des Buschenchappeli auf dem Walchwilerberg gewählt worden. Ein Besuch bei ihr an diesem ganz besonderen Fleck.

Raphael Biermayr
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Verena Hürlimann kommt seit Kindertagen ins Buschenchappeli. (Bild: Stefan Kaiser (Walchwil, 31. Januar 2017))

Verena Hürlimann kommt seit Kindertagen ins Buschenchappeli. (Bild: Stefan Kaiser (Walchwil, 31. Januar 2017))

Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Aus dem dichten Dunst taucht es auf. Weiss, von Bäumen umringt, die Ziegel von Moos patiniert und von einem Graben umgeben, den das vom Dach tropfende Wasser in den Schnee gezeichnet hat: das Buschenchappeli auf dem Walchwilerberg. Warum es gebaut wurde, ist genauso rätselhaft wie sein Alter, die Bedeutung seines Namens und der Grund für die Zugehörigkeit zur Korporation Walchwil.

Auch Verena Hürlimann ist überfragt. Die 54-Jährige steht im Innern der Kapelle und tauscht gerade die Gebetskerzen aus, die hier von Besuchern angezündet werden. Sie wurde kürzlich offiziell zur Sakristanin des Buschenchappelis gewählt, nachdem ihre Mutter dieses Amt «über Jahrzehnte» innegehabt hatte. Sie ist vertraut mit den Aufgaben, schliesslich hat sie ihre Mutter bereits vertreten. «Einen Gegenkandidaten hatte ich nicht», sagt Hürlimann mit einem Schalk, der sich häufig offenbart während des Gesprächs. In ihrer Funktion als gute Fee des Buschenchappelis schaut sie zum Rechten, wechselt neben den Kerzen das Reisig aus, fegt den braunen Steinboden oder sammelt Flaschen auf.

Die Kapelle ist immer zugänglich – mit Ausnahme des ­Altarraums, der hinter dem ab­geschlossenen Chorgitter liegt. Dass sich auch mal Jugendliche darin aufhalten, um unbeobachtet zu sein, stört Hürlimann nicht. «Es ist ein Ort für jeden», stellt sie klar. Im kleinen Buschenchappeli wurden sogar schon Taufen und Hochzeiten abgehalten, weiss sie. Mit dem Einverständnis der Korporation könne jedermann sie dafür nutzen – «den Pfarrer muss man aber mitbringen», sagt Hürlimann lachend.

Sie hat ihren eigenen Zugang zu diesem Ort, der ihr «Energie» gebe. Unweit talwärts liegt der Hof, auf dem sie aufgewachsen ist. Mittlerweile wohnt sie im Dorf unten, aber der Berg wird sie immer in seinem Bann halten. «Es ist einfach eine andere Welt hier oben», sagt die Sakristanin.

Auch Tiere suchen hier Zuflucht

Es ist eine Welt, in der Sagen und Überlieferungen ihren Platz im Gedächtnis der Menschen behalten haben. Das Buschenchappeli ist eng mit dem Namen des Marbacher Sepp verknüpft. Der frühere Bäcker Walchwils, um den sich manche Legende rankt, initiierte den Aufbau des Turms mitsamt Glocke im Jahr 1966. Zweimal jährlich läutet sie offiziell: am Bergfest und während des Bittgangs.

Beim Fegen sind Hürlimann gelegentlich Tierhaare in der Kapelle aufgefallen. «Auch Tiere suchen manchmal Zuflucht», sagt sie, ohne zu wissen, um welche Art es sich handeln könnte. Genauso wenig ist ihr bekannt, wie sich ereignet hatte, was sie am Neujahrsmorgen entdeckte. Eine der grossen Kerzen im Altarraum, die sich weiter als eine Armlänge entfernt hinter dem verschlossenen Chorgitter befinden, brannte. Welch passende Anekdote für diesen geheimnisumwitterten Ort.