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WALCHWIL/SEDRUN: «Ich werde nie ein Politiker sein»

Vom Managerbüro ins Bergdorf: Seit rund drei Monaten ist Beat Roeschlin Gemeindepräsident von Tujetsch. Dort hat der Unterländer bereits für Wirbel gesorgt.
Rahel Hug
Beat Roeschlins neuer Wirkungskreis: Das Dorf Sedrun, Hauptort der Bündner Gemeinde Tujetsch. (Bild: PD)

Beat Roeschlins neuer Wirkungskreis: Das Dorf Sedrun, Hauptort der Bündner Gemeinde Tujetsch. (Bild: PD)

Rahel Hug

Heute stehen nicht mehr Meetings in Beat Roeschlins Terminplan, sondern «Radunonzas». Bestimmte rätoromanische Worte benützt der neue Gemeindepräsident von Tujetsch bereits mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Das Lesen der Amtssprache funktioniert schon recht gut. Längeren Diskussionen kann er erst am Rande folgen, ganze Sätze fallen ihm noch schwer. Doch Roeschlin bleibt dran: «Ich lerne intensiv. Ich verstehe schon vieles», sagt er. Über drei Monate ist es nun her, seit der Unterländer ins Amt gewählt wurde, seine Schriften von Walchwil in die obere Surselva verlegt hat und sein bisheriges Ferienhaus in Rueras zu seinem Hauptwohnsitz gemacht hat.

Mit 98 Prozent gewählt

Zur Wahl gestellt hatte sich der HSG-Absolvent, Manager und ehemalige CEO der Inseratefirma Publicitas, nachdem die Berggemeinde keine Kandidaten für das Amt des Präsidenten gefunden und die Stelle schliesslich ausgeschrieben hatte. Am Wahlsonntag vom 8. März schliesslich erzielte er ein Glanzresultat: Die Tujetscher Stimmbürger wählten ihn mit 514 von 525 gültigen Stimmen. Dann ging alles schnell: Bereits am 9. März tagte der nun wieder komplette Gemeindevorstand zum ersten Mal. «Ich war sehr nervös», erinnert sich Beat Roeschlin. Vor allem, dass die Protokolle auf Rätoromanisch verfasst würden, habe ihm zu Beginn Schwierigkeiten bereitet. Kurz darauf folgte die erste Gemeindeversammlung, die Roeschlin leitete. Die Stimmbürger verabschiedeten ein Fahrverbot auf Wald- und Feldstrassen. «Ich habe zuerst nicht viel verstanden, und der Ablauf war für mich ganz neu», erzählt er. Seine Kollegen vom Gemeindevorstand hätten ihn aber tatkräftig unterstützt und übersetzt.

Schnell eingelebt

Trotz der Sprachbarriere: Der 60-Jährige hat sich schnell eingelebt – und gleich mit seiner ersten Amtshandlung für Wirbel im Tal gesorgt. So kündigte er vor kurzem die Zusammenarbeit mit der Tourismusorganisation Disentis. «Dort fehlt eine klare Zielsetzung», sagt der Gemeindepräsident. Die Kündigung sei kein Schnellschuss gewesen, er habe die Strategie der Organisation lange analysiert. «Wir müssen uns auch gegen Westen hin öffnen – dort, in Andermatt, liegt unsere Zukunft.» Sein Entscheid hat im Tourismusverein und in der Nachbargemeinde Disentis/Mustér für rote Köpfe gesorgt – ja gar einen kleinen «Shitstorm» ausgelöst, wie Roeschlin berichtet.

Mehrere Jahre in Südkorea

Doch das lässt den neuen Gemeindevorsteher kalt. «Ich werde nie ein Politiker sein, sondern einzig und allein mit der Ratio des Betriebswirtschafters entscheiden. Bei mir geht es immer um die Sache», betont er. Diese Vorgehensweise könne andere vor den Kopf stossen, doch damit müsse er leben. Der Walchwiler, der mehrere Jahre in Südkorea gelebt hat und für internationale Unternehmen tätig war, ist ein Geschäftsmann durch und durch. So gibt er auch zu, dass die politischen Prozesse für ihn manchmal zu langsam ablaufen: «Ich bin ein unruhiger Typ und würde am liebsten an allen Fronten anpacken.»

Im 1400-Seelen-Ort fühlt sich Beat Roeschlin wohl. Und zwar «saumässig», wie er selber sagt. Nach den Sitzungen trinken die Herren des Gemeindevorstands gemeinsam ein Bier am Stammtisch, ein Ratskollege nimmt den Zuger jeweils mit auf die Jagd. «Ich bin tief beeindruckt von den Leuten hier. Sie haben eine gesunde Einstellung und sind auf dem Boden geblieben», hält Roeschlin fest. Ihn fasziniere auch, welchen Wert die Tujetscher der Familie beimessen würden.

Neben dem Tourismus will sich Roeschlin im Tal für die Altersversorgung, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sowie für die Standortförderung einsetzen. Wie so manches Bündner Bergdorf kämpft auch die Gemeinde Tujetsch gegen die Abwanderung. «Hier ist man froh um jeden Schüler, um jeden Arbeiter, der hier bleibt», sagt Beat Roeschlin. Es gelte deshalb, am Ort Wertschöpfung zu generieren, die hiesigen Handwerksbetriebe zu fördern und ihre Arbeit zu exportieren. Der Gemeindepräsident könnte sich auch vorstellen, einen Technologiepark oder ein Trainingscenter in Tujetsch aufzubauen. «Heute ist man übers Internet mit der ganzen Welt verbunden. Viele Arbeiten kann man auch hier oben machen.» Doch dafür sei eine bessere Verkehrsanbindung nötig. Roeschlin zeigt sich überzeugt, dass man die Probleme in der Talschaft jetzt anpacken müsse – und erklärt die Situation mit dem Eisenhower-Prinzip: «Es ist wichtig und dringend.»

Der See fehlt

Findet Roeschlin bei all diesem Tatendrang überhaupt noch Zeit für Walchwil, wo er während zwölf Jahren gewohnt hat, und wo seine Frau nach wie vor lebt – jetzt, da er sechs von sieben Tagen in Tujetsch verbringt und alle Hände voll zu tun hat? «Meine Frau ist oft in Rueras, und wenn ich zu Hause bin, laden wir viele Leute ein.» Anfänglich hätten seine Freunde ihn einen Spinner genannt, doch jetzt fänden sie seine neuen Aufgaben spannend. Ist er in Walchwil, freut sich Beat Roeschlin über den See, den er in der Surselva manchmal vermisst. Der Walchwiler Hausberg, die Rigi, jedoch hat bei ihm mittlerweile einen schweren Stand: «Sie hat starke Konkurrenz erhalten», sagt Beat Roeschlin und lacht herzlich.

Beat Roeschlin, als er am 16. Januar an der Gemeindeversammlung seine Kandidatur für das Gemeindepräsidium von Tujetsch bekannt gab. (Archivbild Keystone/Gian Ehrenzeller)

Beat Roeschlin, als er am 16. Januar an der Gemeindeversammlung seine Kandidatur für das Gemeindepräsidium von Tujetsch bekannt gab. (Archivbild Keystone/Gian Ehrenzeller)

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