Waldseemugge haben ausgestochen

Die Steinhauser Schnitzelbänkler blicken bei ihrem letzten Auftritt auf bewegte 24 Jahre zurück. Ihre Sprüche waren so giftig, dass sie gar verklagt wurden.

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Die vier Giftigen: Peter Hobi, Pia Corrent, Ruth Portmann und Pia Killer (von links). (Bild: Stefan Kaiser/Neue ZZ)

Die vier Giftigen: Peter Hobi, Pia Corrent, Ruth Portmann und Pia Killer (von links). (Bild: Stefan Kaiser/Neue ZZ)

Wie weit Steinhausen von Basel entfernt ist, davon können die vier Schnitzelbänkler der Waldseemugge ein Verschen reimen. Nachdem das Quartett im November zur jährlichen «Klausur» fährt, um das neue Fasnachtsprogramm einzuüben, muss in mühsamer Kleinarbeit übersetzt werden – von Peter Hobis Baseldiitsch ins Zugerische. Nicht dass alle Verse der Waldseemugge von Hobi wären; das Programm der Waldseemugge wird von ihm, von Ruth Portmann, Pia Corrent und Pia Killer gemeinsam erarbeitet. Das ganze Jahr über haben sie die Ohren offen auf der Suche nach Geschichten, die sie in Verse verpacken können.

Humorlose Ärzte

Dabei wird keine Rücksicht genommen auf Empfindlichkeiten oder Prominente. Die Mücken vom Waldsee stechen scharf. Verschont werden weder geizige Gemeinderäte, föhnende Nachbarsfrauen noch kinderreiche Pfarrer. Über humorlose Ärzte drehen die Waldseemugge aber seit elf Jahren eine grosse Luftschleife.

Ein solcher fühlte sich 1998 von den Steinhauser Schnitzelbänklern zu Unrecht verulkt und klagte wegen übler Nachrede durch seinen Anwalt 40 000 Franken ein. Die Waldseemugge flogen zwar glimpflich davon – die zu bezahlende Busse betrug 300 Franken –, doch legten sie danach ein Jahr Pause ein. Zwar fühlen sich die vier Steinhauser noch immer als «Hofnarren», als diejenigen, die «de Finger druf hebid», doch fragen sie heute schon mal nach, ob die Geschichte hinter dem geplanten Vers wirklich wahr ist. Pia Killer geht dieses Jahr nicht davon aus, morgen keine Kollegen mehr im Dorf zu haben: «Wir haben nicht das Gefühl, dass dieses Jahr jemand böse sein wird», sagt sie.

Hohes Anforderungsprofil

Doch jetzt ist Schluss, die Waldseemugge werfen nach 24 giftigen Jahren die Stacheln in den See. «Uns gehen die Verse aus», begründet Peter Hobi schmunzelnd. Für Pia Killer bietet das Schnitzelbankende aber ganz neue Perspektiven: «Jetzt kann ich endlich in eine Guggenmusig.» Doch die Mugge können auch ernsthaft. Der Gedanke an ihre letzte Fasnacht macht die vier wehmütig. «Traurig ist das», sagt Ruth Portmann, und Pia Corrent ergänzt: «Wir hatten immer eine gute Zeit zusammen.» Peter Hobi hat leise Bedenken, dass keine Schnitzelbanknachfolger gefunden werden. Aber die Waldseemugge wären nicht die Waldseemugge, wenn nicht sofort wieder beissende Ironie durch die Luft schwirrte. Hobi: «Wahrscheinlich finden sich keine Nachfolger, das Anforderungsprofil ist sehr hoch: Man muss im Dorf verankert und witzig sein, ein dickes Fell haben und exzellent reimen können.» Und ganz sicher nicht bescheiden sein.

Jonathan Furrer / Neue ZZ