Was bringen die «Multis» dem Kanton Zug?

«Multinational meets local: Wie viele Konzerne verträgt die Region?», lautete das ambitionierte Thema des Roche Turmgesprächs am Donnerstagabend. 

Christopher Gilb
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Moderatorin Marina Villa (ganz links) und die Diskussionsteilnehmer (v.l.n.r.): Adrian Risi, Bernhard Neidhart, Annette Luther und Peter Hausherr.

Moderatorin Marina Villa (ganz links) und die Diskussionsteilnehmer (v.l.n.r.): Adrian Risi, Bernhard Neidhart, Annette Luther und Peter Hausherr. 

Vom 14. Stock des Roche-Hochhauses hat der Betrachter eine wundervolle Aussicht auf den Zugersee und die umliegenden Berge, es ist aber unübersehbar wie rasant die Ennetseegemeinde Risch wächst: Da ist die Suurstoffi mit dem neuen Gartenhochhaus Aglaya, dereinst soll das Areal rund 2500 Arbeitsplätze bieten. Auch die Roche als grösster Arbeitgeber im Kanton Zug hat, wie diese Woche zum 50-Jahr-Jubiläum von Roche Diagnostics bekannt gegeben wurde, Ausbaupläne. Längerfristig könnte sich die Belegschaft damit verdoppeln. Die Rischer Bevölkerung hat sich seit der Jahrtausendwende bereits mehr als verdoppelt, keine Gemeinde im Kanton wächst schneller. 

«Multinational meets local: Wie viele Konzerne verträgt die Region?», lautete passend das Thema der Veranstaltungsreihe «Roche Turmgespräche» am Donnerstagabend.  Je ein Satz dazu was positiv und was negativ an der rasanten Entwicklung ist, wollte Moderatorin Marina Villa von den Teilnehmern hören. Der Rischer Gemeindepräsident Peter Hausherr, erfreut sich an der Architektur. Annette Luther, die Roche Standortleiterin, findet die Gegensätze wertvoll, das bodenständige der Region, dass sich mit dem international ausgerichteten Konzern kombinieren lasse. Für Bernhard Neidhart, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zug, ist die internationale Kultur, die Neues schaffe, das spannende. Für Adrian Risi, Unternehmer und SVP-Kantonsrat (Zug), bieten die internationalen Konzerne seit 20 Jahren einen guten Nährboden fürs heimische Gewerbe. Als negativen Aspekt nennen alle den gleichen: Den Verkehr.

Steuereinnahmen versus knappes Land

Hausherr brachte die Ambivalenz wie folgt auf den Punkt: «Man ist stolz, wenn man die schönen Gebäude ansieht. Dann steht man aber im Stau, der vielleicht auch mit den grossen Firmen in Verbindung gesetzt wird.» Er stellt eine gewisse Wachstumsmüdigkeit in der Gemeinde fest, die sich darin niederschlagen könne, das auch mal ein Bebauungsplan abgelehnt werden könne, «um ein Zeichen zu setzen». Auch Gewerbler Risi sieht eine Ambivalenz: Auf der einen Seite stünden die wichtigen Steuereinnahmen und die Arbeitsplätze. Anderseits könnten sich kleinere Firmen wegen des knappen Lands nicht mehr ansiedeln.

Für Bernhard Neidhart ist das entscheidende, «dass die Grosskonzerne zukunftsträchtige und wertschöpfungsstarke Arbeitsplätze bringen». Er selbst habe vier Kinder. «Solche Konzerne machen unsere Kinder fit für die Zukunft.»  Wie gross das Problem sei, sei zudem auch eine Frage der Wahrnehmung. Wenn jemand von Zug nach Sins ins Freiamt ziehe, sage er, er wandere aus. Wenn jemand von Zürich nach Schlieren umziehe hingegen, sei das zügeln. Der Wirtschaftsraum Zug sei in Wahrheit eben viel grösser als der Kanton, so Neidharts Fazit.

Konzerne müssen sich zeigen

Wie gehen Konzerne mit Vorbehalten in der Bevölkerung um? Sich zu zeigen, in die Gremien zu gehen, Veranstaltungen durchzuführen und im Dialog zu sein, lautet Annette Luthers Konzept. 

«Man darf kein abgeschlossener Koloss sein.»

Wer zudem bei Roche den Arbeitsplatz in 35 Minuten mit dem ÖV erreichen kann, erhalte kein Parkplatz auf dem Areal, sagt sie zur Verkehrsproblematik. Aus dem Publikum will jemand wissen, wie sehr Roche in dieser Hinsicht auch flexible Arbeitszeitmodelle fördere. «Roche arbeitet mit Jahresarbeitszeit», erklärt Luther. Während jedoch Expats diese selbstverständlicher nutzen, würden inländische Angestellte oft immer noch strikt von 8 Uhr bis 17 Uhr arbeiten. «Und Punkt 12 Uhr Mittag machen.» Was auch mit den ausserberuflichen Aktivitäten etwa in Vereinen zusammenhängen.

Zum Abschluss stellte die Moderatorin noch einmal konkret die Frage, was nun der grösste Gewinn aus dem Zusammenspiel von Region und multinationalen Konzernen sei. Für Hausherr ermöglicht die hohe Wertschöpfung wichtige Investitionen im Bereich des Service Public und der Infrastrukturen und trage so zur hohen Lebensqualität bei. Und für Unternehmer Risi: «So wie die grossen Unternehmen das Gewerbe gezwungen haben, sich in den letzten 20 Jahren zu professionalisieren, werden sie uns jetzt in die Zukunft ziehen.»

Roche hat in Rotkreuz Grosses vor

Seit 50 Jahren ist Roche in Rotkreuz präsent. Nun hat der Basler Konzern Land gekauft, um den Diagnostik-Standort in Zug weiter auszubauen. Die Belegschaft könnte sich langfristig verdoppeln.
Maurizio Minetti