Was diesen Zuger Ökonomen zu einer 180-Grad-Kehrtwende veranlasste

Der Hünenberger Ralf Nacke verfolgte lange eine klassische Karriere als Berater – jetzt setzt er sich für eine nachhaltige Wirtschaft ein.

Fabian Gubser
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Zu Hause in Hünenberg: Nachhaltigkeitsberater Ralf Nacke.

Zu Hause in Hünenberg: Nachhaltigkeitsberater Ralf Nacke.

Bild: Stefan Kaiser (31. Januar 2020)

«Input reingeben und selber umsetzen, wobei sogenannte Community-Effekte stattfinden: also Wertschätzung, Respektierung, Sich-in-Menschen-miteindenken.» Ralf Nacke weiss, wie man neue Ideen in einem Unternehmen umsetzt. Der promovierte Jurist und Volkswirtschaftler war ein halbes Leben lang als Berater in Sanierungs- und Restrukturierungsprojekten tätig. In den vergangenen Jahren hat sich der 62-jährige Vater von zwei Kindern verändert – persönlich und beruflich. Bei einem Glas Süssmost bei sich zu Hause in Hünenberg erzählt er, welche Umstände dazu führten.

Grosse Herausforderungen für das heutige System

Der Wandel beginnt 2010, etwa vier Jahre nachdem Nacke des Berufes wegen in die Schweiz gezogen ist: Er entdeckt die Bücher des amerikanischen Philosophen Ken Wilber, der mit seinen Fragen einen Nerv bei Nacke trifft. Der mittlerweile eingebürgerte Deutsche sagt: «Für mich war die innere Situation – also was macht mich und andere Menschen glücklich, was ist unsere Aufgabe und wie funktionieren Gemeinschaft und zwischenmenschliche Beziehungen – schon immer wichtig.»

Gleichzeitig beschäftigt sich Nacke intensiv mit der Finanzkrise und der Umweltthematik. Der ausgebildete Ökonom beäugt das System, in dem er ausgebildet wurde, kritisch: «Der Mainstream-Neoliberalismus führt zu einer Reihe von Fehlentwicklungen und die Politik hat wegen der Globalisierung und der zunehmenden Macht einiger weniger Grosskonzerne keine Chance, hierauf entsprechend mit Regulierungen zu reagieren.» 2012 wird Nacke auf die Gemeinwohl-Ökonomie aufmerksam, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt und Lösungsansätze verfolgt, die auch ihm durch den Kopf gehen (siehe Box). Privat installiert er Solarpanels auf seinem Haus und stellt seine Ernährung um. Ein Erlebnis gibt Nacke schliesslich den Anstoss, sich auch beruflich zu verändern: Bei einer namhaften Firma soll er eine Produktionsverlagerung ins Ausland umsetzen und wird enorm enttäuscht. «Das Management wollte nicht hören, wie sich das Unternehmen entwickeln könnte, sondern nur, wie man es verkaufen kann.» In der Folge macht er sich als KMU-Nachhaltigkeitsberater selbstständig und unterstützt den Aufbau des Vereins Gemeinwohl-Ökonomie Schweiz. Zudem doziert Nacke heute an mehreren Hochschulen.

Was ist «Gemeinwohl-Ökonomie»?

Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist laut der Website www.gwoe.ch das «gute Leben für alle». Unternehmen, die nachhaltig und sozial wirtschaften, sollen im Vorteil sein. Heute sei das durch mehr Glaubwürdigkeit schon der Fall, in Zukunft wolle man dazu auch auf rechtliche Anreize wie niedrigere Steuern setzen. Das alternative Wirtschaftsmodell baut auf einem Buch des österreichischen Politaktivisten Christian Felber auf. Eine Gruppe von Unternehmern arbeitete daraufhin die Gemeinwohl-Bilanz aus, das Herzstück der Transformationsbewegung. Im Gegensatz zu bisherigen Nachhaltigkeitsberichten ist sie gemäss Ralf Nacke online kostenlos verfügbar und gründlicher. Das Geschäftsmodell der Berater umfasst das Unterstützen bei der Ausarbeitung einer Gemeinwohl-Bilanz, beim damit verbundenen Transformationsprozess und bei der Zertifizierung. (gub)

Grösser könnte der Kontrast zu seinem ehemaligen Umfeld kaum sein. Denn Ralf Nacke wuchs in Kassel und Frankfurt in einer bürgerlichen Familie auf, die weiss, wie man Unternehmen führt: Der Grossvater besass eine Drogerie, die Grossmutter ein Sportgeschäft und der Stiefvater eine Firma, die Rohstoffe aufbereitete. Andererseits sagt er in Abgrenzung zu den heutigen Managern auch: «Ich bin so erzogen worden, dass ich dafür zu sorgen habe, dass es auch den Menschen im Unternehmen gut geht.»

In der Schweiz fehlten bisher grössere Firmen

Und wieso haben nicht schon mehr Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz? «Du brauchst beseelte Führungskräfte, die das Thema in ihr Unternehmen einbringen.» In der Schweiz fehlten grössere Unternehmen mit «Leuchtturm-Wirkung» – in Deutschland sei man bereits bei der Sparda-Bank München oder dem Sportartikel-Hersteller Vaude erfolgreich gewesen, sagt Nacke. «Vielleicht haben wir aber noch nicht verstanden, die grossen Unternehmen richtig anzusprechen.» Auch im Kanton Zug habe bis jetzt noch kein Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Aktuell sei er aber mit den katholischen Pfarreien und mit dem Bildungshaus Lassalle im Gespräch. Zudem gebe es gute Resonanz bei Öbu, dem Schweizer Verband für nachhaltiges Wirtschaften.

Auf die Frage, ob er seinen Wandel je bereut habe, sagt Nacke: «Seit Greta da ist, habe ich das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Erst sie löste eine emotionale Betroffenheit aus.» Unternehmen hätten eine geradezu «panische Angst», dass sich die Erwartungen der Kunden änderten. Für die Zukunft sei er deswegen optimistisch. Und: «An den Hochschulen spüre ich eine grössere Offenheit für diese Themen als in meiner Generation.» Dies kann man sich gut vorstellen, denn Ralf Nackes Begeisterung wirkt ansteckend. Die braucht er auch, verfolgt er doch ein ambitioniertes Ziel: die Gemeinwohl-Ökonomie als neuer Standard im sogenannten Non-Financial-Reporting.