Was Zuger Schulen gegen Hass im Internet tun

Jeder fünfte Jugendliche wurde schon einmal Opfer von Cybermobbing. Die Schulen scheinen im Falle des Falls gewappnet zu sein.

Laura Sibold
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Über Plattformen wie Instagram und Snapchat verbreiten sich Inhalte heute rasend schnell.

Über Plattformen wie Instagram und Snapchat verbreiten sich Inhalte heute rasend schnell.

Symbolbild: Maria Schmid

Laut der neuesten Pisa-Studie fühlen sich in keinem anderen Land Europas mehr Schüler von Mobbing betroffen als in der Schweiz. Viele Anfeindungen finden online statt, wie ein Blick auf die James-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigt: Demnach gibt jeder fünfte Jugendliche an, dass er selber bereits im Internet fertiggemacht worden ist. Cybermobbing kann Kinder und Jugendliche stärker treffen als Anfeindungen auf dem Pausenplatz. Denn in den sozialen Medien fehlt die Kontrolle darüber, wie viele Personen die Beleidigung gesehen haben und die Nachricht kann noch lange Zeit weiterverbreitet werden.

Entsprechend häufig ist man in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Zug mit dem Thema konfrontiert. Sie bemerke, dass unter den zu behandelnden Fällen Mobbing in den vergangenen Jahren zugenommen habe, sagt Chefärztin Regula Blattmann:

«Ich werde jede Woche mit Fällen von Mobbing konfrontiert. Etwa 50 der 500 Jugendlichen, die sich pro Jahr bei uns melden, tun dies, weil sie von Mobbing betroffen sind.»

Die Betroffenen – meist zwischen 15 und 17 Jahre alt – fänden erst spät den Mut, sich an die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu wenden. Dann werde mit den Eltern und der Schule eine Lösung gesucht und falls nötig die Polizei beigezogen.

Eltern und Lehrpersonen sind gleichermassen gefordert

Frank Kleiner, Mediensprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden, bestätigt, dass Fälle von Cybermobbing immer wieder vorkämen, aber nicht an der Tagesordnung seien. Auch seien Anzeigen eher selten. 2017 gingen bei der Zuger Polizei 9 Fälle wegen Cybermobbing ein, 2018 waren es 10 Fälle. Die Polizei arbeitet eng mit Schulen und Behörden zusammen, um die Jugendlichen für das Thema zu sensibilisieren. Damit allein sei es aber nicht getan: «Cybermobbing lebt immer auch von den Zuschauern, die sich für die Angriffe interessieren, ohne selbst aktiv mitzumachen. Es gilt also, diese mehr oder weniger Unbeteiligten davon zu überzeugen, dass es wichtig ist, sich gegen Cybermobbing zu wenden und den Opfern zu helfen», erklärt Kleiner.

Daher sei es zentral, dass Eltern und Lehrpersonen das Thema Medienkompetenz mit Kindern und Jugendlichen detailliert besprechen. Das sieht auch Chefärztin Regula Blattmann so:

«Es gibt immer mehr Jugendliche, die online Inhalte teilen, von denen sie gar nicht wissen, dass sie sich damit die Grenze des Legalen überschreiten.»

Das könnten rassistische und pornografische Inhalte oder Gewaltdarstellungen sein. Hier genauer hinzuschauen und die Jugendlichen in der Schule über Gefahren und illegale Handlungen aufzuklären, sei daher zentral.

Welche Konsequenzen Cybermobbing haben kann, zeigt der Fall einer 13-jährigen Bezirksschülerin aus Spreitenbach AG: Céline nahm sich im Sommer 2017 das Leben, nachdem sie auf Snapchat blossgestellt und diffamiert worden war. Es war der erste öffentlich thematisierte Fall von Cybermobbing in der Schweiz. Spätestens dann wurden auch die Schulen aktiv und erkannten eine Verantwortung.

Der Fall Céline

(ls) Am Mittwoch, 26. Februar, wird der Fall Céline vor dem Jugendgericht Dietikon verhandelt. Der Exfreund der 13-jährigen Céline Pfister aus Spreitenbach schickte 2017 ein freizügiges Bild Célines an eine weitere Exfreundin, die es auf Snapchat teilte. Innerhalb kurzer Zeit sahen 500 Personen das Bild. Nachdem sich der Konflikt verbal zugespitzt hatte, nahm sich Céline das Leben. Die Jugendanwaltschaft Limmattal/Albis verurteilte die beiden Täter im Februar 2019 wegen Nötigung zu kurzen Arbeitseinsätzen. Die Eltern fechten den Strafbefehl des Exfreundes an, die Massnahme sei zu mild. Sie haben eine Niederlage vor Gericht einkalkuliert, fordern aber die Schaffung eines Straftatbestandes für Cybermobbing.

Auch die Schulen nehmen das Thema ernst. Obwohl die Volksschulen der drei grössten Gemeinden Zug, Baar und Cham angeben, dass Cybermobbing nur selten vorkomme, wird dem Thema viel Platz eingeräumt. Dies sei notwendig, betont Raphael Arnet, Prorektor der Schulen Baar. Zwar gebe es nur alle zwei Schuljahre einen Vorfall und bisher immer ausserhalb der Schulzeit. «Doch die Fälle wirken in die Schule hinein. Darum werden alle Primar- und Oberstufenschülerinnen und -schüler regelmässig für Cybermobbing sensibilisiert.» Der Lehrplan 21 definiert ab dem Kindergarten Kompetenzstufen für einen verantwortungsvollen Medienumgang, das Fach Medien und Informatik wird in der 5. bis 8. Klasse unterrichtet.

Alle Schüler müssen eine Charta unterschreiben

«Im Unterricht wird mit den Schülerinnen und Schülern diskutiert, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie mit Cybermobbing oder anderen unangenehmen Situationen mit digitalen Medien konfrontiert werden», erklärt Urs Landolt, Rektor der Stadtschulen Zug. Neben Workshops, Projekttagen, Elternabenden und weiteren Sensibilisierungsanlässen legt auch die Zuger Polizei beim Besuch der 6. Primarklassen einen Fokus auf Sexting und Cybermobbing. Darüber hinaus verfügen die Schulen Zug, Baar und Cham allesamt über eine Charta zur Nutzung digitaler Medien. Diese wird von allen Eltern und Schülern unterzeichnet und definiert klare Regeln im Umgang mit Medien.

Tritt in einer Schule dennoch ein Cybermobbing-Fall auf, so thematisiert die Lehrperson in Zusammenarbeit mit der Schulleitung und bei Bedarf mit der Schulsozialarbeit den Vorfall in der betroffenen Schülergruppe oder in der Klasse. Auch die Eltern werden einbezogen und die notwendigen Massnahmen – darunter je nach Schweregrad des Falles eine Abklärung mit der Polizei – eingeleitet. Alle drei Schulen betonen, dass Eltern ihre Befürchtungen der Lehrperson frühzeitig mitteilen sollen. Die umfangreiche Präventionsarbeit trage bereits erste Früchte, sagt Monika Bühler, stellvertretende Rektorin der Schulen Cham. Es lasse sich eine zunehmende Sensibilisierung feststellen, die Wirkung zeige.