WASSERVÖGEL: Die Suche nach den gefiederten Gästen

Am Sonntag zählt der Zuger Vogelschutz wieder die Vögel auf dem Zugersee – die Anzahl sinkt seit Jahren.

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Am Sonntag ist Adrian Zimmermann vom Zuger Vogelschutz bei der Zählung der Wasservögel dabei. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Am Sonntag ist Adrian Zimmermann vom Zuger Vogelschutz bei der Zählung der Wasservögel dabei. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Rund eine halbe Million Wasservögel überwintern gemäss Vogelwarte Sempach jährlich in der Schweiz von Oktober bis März. Wie viele und welche Arten in den Wintermonaten auf dem Zugersee zu Gast sind, weiss Adrian Zimmermann vom Zuger Vogelschutz ganz genau. Seit 35 Jahren nimmt er an der internationalen Vogelzählung teil, die nun am Sonntag wieder in ganz Europa auf dem Programm steht. Hier in Zug übernimmt der Zuger Vogelschutz das Zählen. Der ganze Zugersee ist in verschiedene Beobachtungsstrecken eingeteilt – bis zu 15 Helfer werden im Einsatz sein und die entsprechenden Uferabschnitte ablaufen. «Vom Land aus beobachten wir die Vögel auf dem See und tragen die Beobachtungen in ein standardisiertes Blatt ein – die Daten werden dann an die Vogelwarte geschickt», erklärt Zimmermann.

Mantelmöwe als neuer Gast

Und was hat sich in den letzten Jahren merklich verändert? «Es gibt weniger Vögel, aber dafür mehr Arten.» Im vergangenen Jahr wurden am Tag der Zählung im Januar auf dem Zugersee 4185 Wasservögel registriert, die von 17 Arten stammen. Seit 1967 werden die Vögel im Winter auf dem See gezählt: Durchschnittlich wurden seither jährlich 6228 Tiere erfasst. Rekordzahl war im Jahr 1979, als rund 11 400 Vögel beobachtet wurden.

«Zu den neuen Gästen zählt unter anderem die Mantelmöwe. Sie ist die grösste Möwe Europas und lebt eigentlich an den Meeresküsten im Norden oder Osten.» Auch die Silbermöwe – die vorwiegend an der Ostsee, Nordsee, am Ärmelkanal oder an der Atlantikküste lebt – überwintert neu ab und zu am Zugersee. Ebenso die Knäkente aus dem Norden, die im Süden überwintert und am Zugersee öfters Zwischenhalt macht oder sogar überwintert, ist eine neue Art. Das Gleiche gilt für die Krickente.

Diese neu zu beobachtenden Arten sind vor allem hier, wenn wie jetzt in der Schweiz kein strenger Winter herrscht und die Vögel von den tiefen Temperaturen im Norden fliehen, wo aktuell viel Schnee liegt.

Weniger Vögel überwintern hier

Grundsätzlich überwintern aber in der Schweiz weniger Vögel als früher. Grund: Die Winter im Norden sind milder geworden, und die Gewässer frieren nicht mehr jedes Jahr zu. Die Temperaturen sind in den nördlichen Gebieten im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten um rund 4 Grad Celsius angestiegen. «So sind weniger Vögel gezwungen, vom Norden her bis in die Schweiz zu fliegen. Sie finden im nördlichen und östlichen Teil von Europa genügend Nahrung. Deshalb hat im Winter die Anzahl der Wasservögel im Norden stark zugenommen, während sie hier sinkt», schreibt die Vogelwarte Sempach.

Reiherente am häufigsten

«Der Zustand des Zugersees hat sich seit den 1980er-Jahren merklich verbessert», freut sich der Zuger Ornithologe. Die Artenvielfalt sei deshalb gestiegen – das sei ein klares Indiz für die verbesserte Wasserqualität. «Es gibt wieder Fische wie die Seeforelle, die entsprechende Wasservögel anziehen. Zudem ist viel Fläche um den Zugersee nicht bebaut, sodass die Wasservögel genügend ungestörten Lebensraum finden, so Zimmermann.

Und welche Arten sind nun im Winter auf dem Zugersee am häufigsten zu beobachten? Unter den 4185 Wasservögeln von 2014 war die Reiherente (26 Prozent) am häufigsten zu sehen, gefolgt von Blässhuhn (21 Prozent), Tafelente (14 Prozent), Stockente (9 Prozent), Lachmöwe (8 Prozent) und Haubentaucher (6 Prozent).

Die Brutgebiete der Reiherente befinden sich im westlichen und im nördlichen Europa sowie im nördlichen Teil Asiens. Eine konstante Zunahme der Reiherente wird in Westeuropa und Mitteleuropa beobachtet. In den nördlichen Verbreitungsgebieten gilt die Reiherente als Zugvogel und zieht ab September in die Winterquartiere nach Mittel- und Südeuropa, wobei sie sich auch am Zugersee niederlässt.

Im Kanton Zug dürfen von November bis Ende Januar Stockenten (Abschüsse 2013 gemäss eidgenössischer Jagdstatistik: 276), Reiherenten (52), Tafelenten (10), Blässhühner (8) und Kormorane (25) gejagt werden. Gegessen wird die Brustmuskulatur der Wasservögel.

Luc Müller

Weniger Kormorane

Lebten in den 1980er-Jahren am Zugersee noch rund 2500 Kormorane, zählt die Kormorankolonie in Risch aktuell 100 bis 150 Vögel. In den 80er-Jahren gab es im Zugersee wegen der schlechten Wasserqualität viele Weissfische, der Fisch war Nahrungsgrundlage für die Kormorane. Der Weissfisch ist inzwischen aus dem See fast verschwunden. Zudem seien im Zugersee die Beutefische wegen der Tiefe für die Kormorane heute zu wenig gut erreichbar, wie Fischereiaufseher Felix Ammann erklärt. Die Vögel fressen bis zu 0,5 Kilogramm Fisch pro Tag. Kormorane dürfen in Zug gejagt werden: Im letzten Jahr gab es 25 Abschüsse.