WEBSITE: Raum für Ideen und Spinnereien

Eine Gondelbahn von Zug nach Oberägeri oder farbige Häuser für Rotkreuz. Das Gedankenspiel 890millionen.ch bringt interessante und utopische Projekte hervor.

Samantha Taylor
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Eine Gondelbahn oder ein Schrebergarten beim Siemensparkhaus: Das möchten Zuger. (Bild: Screenshot)

Eine Gondelbahn oder ein Schrebergarten beim Siemensparkhaus: Das möchten Zuger. (Bild: Screenshot)

Samantha Taylor

Was kann man alles mit 890 Millionen Franken machen? Viel. Das wäre die wohl kürzestmögliche Antwort. Etwas ausführlichere und interessantere Vorschläge findet man auf der Website www.890millionen.ch. Die Macher der Seite bezeichnen das Projekt als «Gedankenspiel». Auslöser dafür ist das aktuell wohl am meisten diskutierte Grossprojekt: der Zuger Stadttunnel. An diesem Vorhaben orientiert sich denn auch der Betrag. Die Kosten für den Stadttunnel inklusive Zentrum Plus belaufen sich nämlich auf ebendiese 890 Millionen Franken.

Präziserweise müsste jedoch die Rede von 235 Millionen Franken sein. Denn nur dieser Betrag wird über die Staatsrechnung finanziert. 255 Millionen Franken kommen aus der Strassenbaurechnung, 100 Millionen Franken müsste die Stadt Zug beisteuern und rund 300 Millionen Franken würden die Autofahrer über die Motorfahrzeugsteuer berappen. Doch das nur am Rande.

«Gemeinschaftlicher Charakter»

Die Entwickler dieses Gedankenspiels wollen in erster Linie zu Kreativität anregen, und zwar für «viele kleine Projekte». Sie fordern die Bevölkerung auf, für ihre Wünsche und Ideen für den Kanton Zug auf der Homepage entsprechende Anträge zu stellen. Diese werden von einem Gremium – das aus fünf fiktiven Personen besteht – beurteilt und bewilligt oder verworfen. Die Vorhaben müssen grundsätzlich einen «gemeinschaftlichen Charakter, Zweck und/oder Nutzen für die Region Zug» haben. Wer einen Antrag stellt, der muss diesen mit einem kurzen Beschrieb und der ungefähren Summe versehen. Dazu gibt es ein entsprechendes Online-Formular.

Ein Personenkatapult

Bis heute sind auf der Website einige Ideen zusammengekommen. Insgesamt 21 bewilligte Anträge finden sich dort derzeit. Einige davon erscheinen realistisch, andere ganz und gar nicht. Da es sich laut den Machern jedoch lediglich um ein Spiel handelt, dürften auch gewisse «Spinnereien» Platz haben.

Unter diesem Titel könnte man wohl den Vorschlag unter Punkt 17 verbuchen: ein Personenkatapult als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr. Die Idee stammt von Gregor V. aus Baar. Es handle sich um eine interessante Technik der speditiven Personenbeförderung, die allerdings stiefmütterlich vernachlässigt oder gar nicht beachtet werde. «Zug könnte hier eine Pionierrolle einnehmen», ist der Antragssteller überzeugt. Das grundlegende Prinzip wäre einfach. «Jeder Fahrgast muss das Katapult vor Antritt der Reise selber spannen. Dazu dienen grosse, seitlich angebrachte Kurbeln. Damit könnten beispielsweise die Buslinien 8 und 6 entlastet werden.» Kostenpunkt: 1,2 Millionen Franken. Das Gremium weist hier darauf hin, dass es durchaus wisse, dass dieser Vorschlag derzeit unrealistisch erscheine. «Doch wer hätte vor 150 Jahren gedacht, dass einmal durch ein Kistchen hindurch bildlich miteinander kommuniziert werden kann.»

Noch 555 Millionen offen

Daneben beschäftigt sich ein beachtlicher Teil der Anträge mit Verkehrsprojekten. So fordert etwa Peter R. aus Zug, dass beim Brüggli eine neue Stadtbahnhaltestelle erstellt und im Gegenzug der Parkplatz aufgehoben werde. Kostenpunkt: 3,7 Millionen Franken. Florian M. aus Menzingen möchte die Berggemeinden an das Eisenbahnnetz anschliessen – für 130 Millionen Franken. Herr Toni wünscht sich, dass die Zugerberg-Bahn bis zum See hinunter weiterfährt (14 Millionen Franken) und Herr Hui aus Zug schlägt eine Gondelbahn zwischen Zug und Oberägeri für 50 Millionen Franken vor. Neben den Infrastrukturprojekten finden sich auch kleinere Anliegen. So etwa öffentliche Bücherboxen, die dem Büchertausch dienen (60 000 Franken), ein Schrebergarten auf dem Stadtzuger Siemensparkhaus oder – das wünscht sich die elfjährige Sarah – farbige Häuser für Rotkreuz (150 000 Franken).

Die geschätzten Kosten für all die bisher bewilligten Projekte belaufen sich auf rund 335 Millionen Franken. Es stehen demnach noch 555 Millionen Franken für Vorschläge zur Verfügung.

Macher unbekannt

Die Macher von 890millionen.ch ihrerseits wollen anonym bleiben. Auf Nachfrage unserer Zeitung, wer hinter dem Projekt stehe, erhielten wir keine weiteren Auskünfte. Es dürfte sich dabei wohl aber um eine Gruppe handeln, die dem Stadttunnel eher kritisch gegenübersteht. Auf ihrer Seite halten Projektleiter fest, dass auch die Namen und Personen des Beurteilungsgremiums rein zufällig gewählt und nicht real seien. Trotzdem betonen sie: «Sollten in den nächsten Monaten in der Region Zug 890 Millionen Franken verfügbar werden, behält sich 890Millionen.ch vor, die eingesandten Anträge einem realen Gremium zukommen zu lassen.»