Wenn Corona auf die Psyche schlägt

Seit Beginn der Pandemie haben Beratungsstellen mehr zu tun. Doch Tricks im Alltag können für mehr Ausgeglichenheit sorgen.

Laura Sibold
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Die Isolation kann zu Depressionen führen.

Die Isolation kann zu Depressionen führen.

Foto: Roland Schlager

Die Coronapandemie verändert den gewohnten Alltag stark. Die Angst vor einer Ansteckung, die Aufforderung, zu Hause zu bleiben, Homeoffice, Fernunterricht und die Einschränkung sozialer Kontakte können die Psyche belasten. Diese Verunsicherung bemerkt auch die Dargebotene Hand Zentralschweiz. Normalerweise klingelt das Telefon monatlich rund 1200 Mal, nun ist dies deutlich öfter der Fall.

«Seit dem 9. März führen wir eine Coronastatistik. Vor vier Wochen waren es noch 27 zusätzliche Telefonate pro Woche, mittlerweile sind es über 220», sagt Geschäftsführer Klaus Rütschi in der Ausgabe dieser Zeitung vom 4. April. Viele seien verunsichert, hätten Angst, erlitten Panikattacken und schliefen schlecht. Auch Existenzängste seien ein Thema. Psychische Erkrankungen wie Depressionen würden durch die aktuelle Situation verstärkt.

Routinen, viel Geduld und gute Gespräche

Dass das verordnete Zuhausebleiben viele Menschen aus der Routine wirft, nimmt man auch im Kanton Zug wahr. Der Alltag müsse nun neu gestaltet werden, sagt Sarah Müller, Fachpsychologin psychische Gesundheit beim kantonalen Amt für Sport. «Paare und Familien sind auf engstem Raum zusammen, und das erzeugt Konfliktpotenzial. Insbesondere, wenn Kinder zu Hause sind, benötigt es von allen viel Geduld, gute Kommunikation und Verständnis.» Sarah Müller betont, dass für Ausge­glichenheit Routinen helfen können. Auch kleine Bewegungsübungen oder Achtsamkeitsübungen könnten zu Hause integriert werden. Es sei zudem hilfreich, wenn ein Platz zum Arbeiten eingerichtet werde, der nur dafür genutzt werde. «Wir sind alle gefordert, in dieser Situation immer wieder Licht­blicke zu finden. Vielleicht ist es Zeit, endlich eine vor sich hergeschobene Arbeit zu erledigen oder ein lang gewünschtes Hobby anzufangen, das zu Hause ausgeübt werden kann.» Personen, die Angst haben, sollten das Gespräch mit Menschen in ihrem Umfeld suchen.

Auf der Website www.psgz.ch der «Psychischen Gesundheit Zug» finden Interessierte einen Überblick zu Angeboten im Kanton. Darüber hinaus gibt die Website alltagsnahe Anregungen zur Stärkung der psychischen Gesundheit. Fachpersonen schreiben zu Themen wie Sport, Achtsamkeit oder Entspannung. Unter «Sport und Bewegung zu Hause» findet man «Loop-it», eine Youtube-Challenge, die Bewegungsideen für Familien sammelt, sowie das Gorilla-Schulprogramm für Kinder. Spezifisch für Senioren gibt es Links zu massgeschneiderten Trainings online oder im Fernsehen, wochentags um 10 Uhr auf Tele1. Daneben sind auf der Website analoge Spielideen für Familien sowie Tipps zur Organisation des Alltags zu finden.

Diverse Anlaufstellen für Erwachsene

Die Website der Psychischen Gesundheit www.psgz.ch gibt in der Rubrik «Rat & Hilfe» einen Überblick zu allen Angeboten – darunter Beratung für Jugendliche, für Familien, für Eltern oder bei häuslicher Gewalt. Unterstützungsangebote vermittelt auch die Website www.wie-gehts-dir.ch. Sie basiert auf einer Kampagne, welche die Deutschschweizer Kantone und Pro Mente Sana durchführen und gibt Anregungen, was der Psyche im Moment guttun könnte. Wer nicht mehr weiter weiss, kann sich rund um die Uhr an die Dargebotene Hand unter Tel. 143 wenden. Pro Mente Sana berät unter 0848 800 858 sowie www.promentesana.ch/de/beratung telefonisch und per E-Mail bei psychosozialen und rechtlichen Fragen rund um psychische Gesundheit. Darüber hinaus stehen im Kanton Zug die Ambulanten Psychiatrischen Dienste unter 041 723 66 00 zu Bürozeiten zur Verfügung.

Jugendliche suchen mehr Hilfe

Durch die Coronakrise sind auch Kinder und Jugendliche mehrheitlich zu Hause und von ihrem Freundeskreis isoliert. Zudem belasten die Unsicherheiten, welche die Krise mit sich bringt, die Jugendlichen in einer kritischen Lebensphase zusätzlich. Das bemerkt auch die Pro Juventute. Zwar werte man nur nationale Zahlen aus, aber diese gälten auch für die Region Zentralschweiz, betont Mediensprecher Bernhard Bürki. «Wir registrieren seit Beginn der Pandemie bei der Kinder- und Jugendberatung eine Zunahme um 4 Prozent. Bei der Elternberatung sind es sogar 20 Prozent», sagt Bürki. Bei der «Beratung und Hilfe 147» meldeten sich derzeit viele junge Menschen, die sich vor der aktuellen und sich möglicherweise noch verstärkenden Isolation fürchten. «Wir bemerken zudem, dass sich die Probleme von vorbelasteten Jugendlichen noch verstärken. Wir führen mehr telefonische Beratungen zu schwerwiegenden persönlichen Problemen wie Suizid­gedanken, depressiven Stimmungen oder Angstzuständen durch», erklärt Bürki. 
Für Kinder und Jugendliche, die Redebedarf oder ein Problem haben, steht die Nummer 147 rund um die Uhr zur Verfügung, zudem hat Pro Juventute einen Chat mit Gleichaltrigen aufgegleist, der auf der Website www.147.ch zu finden ist. Auch die Schulsozialarbeiter vieler gemeindlicher Schulen sind derzeit weiterhin telefonisch erreichbar. Darüber hinaus führt Pro Juventute eine Elternberatung, die unter 058 261 61 61 kontaktiert werden kann. Auch der Elternnotruf unter 0848 35 45 55 steht mit Rat zur Seite. Pro Juventute rät Kindern und Jugendlichen, die Hilfe brauchen, sich zu melden und sich mit anderen auszutauschen. Auch sich einen Plan für den Alltag zu Hause zu machen mit fixen Terminen fürs Auf­stehen, die Hausaufgaben und Sport könne helfen. (ls)