WEIHNACHTEN: «Glaube ist auch sinnlich»

Heute sind alle in der Krippe versammelt: Maria und Josef, das Jesuskind, Ochs und Esel. Ist diese Inszenierung nur religiöse Folklore? Gemeindeleiter Bernd Lenfers von der katholischen Pfarrei St. Johannes in Zug gibt interessante Einblicke.

Interview von Wolfgang Holz
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Ein Krippenklassiker im Kanton Zug: die romantische Monumentalkrippe in der Baarer St. Martinskirche. (Bild: Werner Schelbert (21. Dezember 2016))

Ein Krippenklassiker im Kanton Zug: die romantische Monumentalkrippe in der Baarer St. Martinskirche. (Bild: Werner Schelbert (21. Dezember 2016))

Interview von Wolfgang Holz

wolfgang.holz@zugerzeitung.ch

Bernd Lenfers, Gemeindeleiter der katholischen Pfarrei St. Johannes in Zug. (Bild: Stefan Kaiser / ZZ (Zug, 24. August 2012))

Bernd Lenfers, Gemeindeleiter der katholischen Pfarrei St. Johannes in Zug. (Bild: Stefan Kaiser / ZZ (Zug, 24. August 2012))

Bernd Lenfers, nun sind wieder in allen katholischen Kirchen die Weihnachtskrippen aufgestellt. Warum macht man das eigentlich?

Damit Menschen die Geburt Jesu verinnerlichen können. Der Messias, der Friedensbringer kommt in einer provisorischen Notunterkunft zur Welt. Aber die Krippen finden sich nicht nur in Kirchen. Im Hertiquartier freue ich mich jedes Jahr über die Krippe im Schaufenster der Zunft der Letzibuzäli. Und zu Hause in den Wohnungen bauen viele Menschen mit Sorgfalt und Hingabe die Weihnachtsgeschichte auf. Für mich selber ist das eine meditative Übung. Unsere Krippe stammt aus Südamerika und besteht aus winzig kleinen Tonfiguren. Am Heiligabend 1996 bin ich nach 10 Stunden Flug in Boston gelandet. Das erste, was ich im Hotelzimmer gemacht habe, war, die kleine Krippe aufzustellen. Und ich war daheim.

Sind Krippen einfach religiöse Folklore und Tradition?

Vorsicht mit dem Wort «einfach». Folklore kommt von «Folk» (= Volk) und «lore» (= Überlieferung). Folklore ist also der sichtbare Ausdruck der Tradition. Sie zeigt, was Menschen wichtig und heilig ist. Katholisch sein heisst, die Bibel ernst zu nehmen und das, was Menschen als Tradition daraus machen. In unserer Stadtzuger Pfarrei St. Johannes ist es Tradition, dass Freiwillige jedes Jahr die Krippe «neu» aufbauen. Sie haben dazu acht fast lebensgrosse Figuren. Jedes Jahr sind diese anders gekleidet und gruppiert. Dieses Jahr fehlen Hirten fast ganz, dafür leuchten mehrere Friedensengel.

Seit wann etwa stellt man Krippen in der Kirche auf?

Schon in den ersten Jahrhunderten sind Krippendarstellungen bekannt, ursprünglich nur mit Jesus, dem Ochsen und dem Esel. Tausend Jahre später wird der heilige Franziskus zum Krippenfan. Er stellt ja die Weihnachtsszene mit lebendigen Tieren und Menschen nach. Damit hat er etwas Geniales in Gang gebracht. Glaube ist auch sinnlich, körperlich.

Das Christkind in der Krippe ist auf blossem Stroh in einem Stall gebettet. Wie kommt diese Botschaft an angesichts dessen, dass viele von uns ja Weihnachten in gut bürgerlichen Verhältnissen feiern?

Ich hatte in dieser Vorweihnachtswoche ein langes Seelsorgegespräch mit einem Menschen aus dem Kulturkreis des Islam. Der war echt erstaunt und berührt, als ich sagte: An Weihnachten feiern wir: Gott wird Mensch. Gott zeigt sich im wehrlosen Kind. Und die meisten – auch Reiche – verstehen die Botschaft: Alles Leben ist ausgesetzt, begrenzt, zerbrechlich, letztlich wehrlos. Der Stall und das Stroh sind ein Bild für dieses Wissen der Seele: Am tiefsten Punkt kommt Gott zur Welt.

Kann man denn sagen, dass Maria und Josef zusammen mit dem Jesuskind in der Krippe eine Art Urfamilie oder Idealfamilie verkörpern?

Eher eine arme Patchwork-Familie, die unfreiwillig unterwegs ist. Das Ideal ist im Glauben nichts zum Zuschauen, es lädt ein zum Handeln: vorbeizugehen, etwas zu bringen, Freude und Licht. Geschenke wie die der Hirten. Oder Frieden wie die Engel. Ja, Frieden ist ein Ideal. Aber er entsteht doch im Kleinen, im überschaubaren Nahbereich.

Um und in den Krippen gibt es sehr viele Nebendarsteller: Ochs und Esel, Schafe, Hirten. Sind die nur Dekoration?

Hirten waren damals die Outsider der Gesellschaft. Hirten traute man nicht über den Weg. Wunderbar, dass sie die Ersten sind, die den Messias entdecken. Der Prophet Jesaja schreibt schon vom Ochsen und Esel, die ihr Daheim kennen. Heimat hat Stallgeruch. Und diese Heimat ist sogar grösser als alles Sichtbare: Engel verkünden die Botschaft: Friede auf Erden.

In vielen Krippen ist die Geschichte der Heiligen Drei Könige dargestellt, die das Jesuskind besuchen und mit wertvollen Geschenken ausstatten. Ist das ein Appell an Reiche, zu teilen?

Wo Liebe ist, wird geteilt. Etwas abgeben, ist nicht genug. Gerade die Könige, in der Bibel heissen sie Magier, stehen für die Sehnsucht, dass der Erlöser gefunden wird, und Gottes Friede kommt. Drei Suchende in den drei Hautfarben der Menschheit gehen dafür weite Wege und geben ihr Bestes: Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Viele haben zu Hause Krippen aufgestellt. Da geht über die Jahre so manches zu Bruch.

Scherben bringen Glück. Im Ernst: Der Jesus in der Krippe meiner Eltern ist mehrfach geklebt. Als Kinder haben wir mit ihm gespielt und gelernt, behutsam mit ihm umzugehen. Das hat nicht immer geklappt. Vor einigen Jahren durfte ich Weihnachten wieder einmal bei meiner Mutter verbringen. Da hat sie mich zur Krippe geführt. Ich war erstaunt: Die alten, 50-jährigen Figuren schienen neu zu sein. Sie hat dann das Geheimnis gelüftet und mir erzählt, dass sie mit Feuereifer alle Farben neu aufgetragen habe.