WEIHNACHTEN: «Ich weiss, wie es ist, wenn die Einsamkeit die Strasse hochkommt»

Graziella Christen Terrani hat ein grosses Herz und einen langen Atem. Über drei Jahrzehnte schon sorgt sie dafür, dass sich Menschen an Heiligabend nicht allein fühlen müssen.

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Weihnacht für jedermann: Graziella Christen Terrani in «ihrer» guten Stube. (Bild: Stefan Kaiser (Rathauskeller, Zug, 20. Dezember 2016))

Weihnacht für jedermann: Graziella Christen Terrani in «ihrer» guten Stube. (Bild: Stefan Kaiser (Rathauskeller, Zug, 20. Dezember 2016))

Interview: Susanne Holz

An einem kalten und dunklen Abend ein paar Tage vor Weihnachten trifft man Graziella Christen Terrani im Zuger Gasthaus Rathauskeller zum Gespräch. Gestern, an Heiligabend, hat hier die traditionelle «Zuger Wiehnacht» stattgefunden – so etwas wie das Kind der mittlerweile 69-jährigen Zugerin. Alle dürfen kommen, Einsame, Arme, Reiche, Traurige, nach Gesellschaft Suchende. Auch gestern wieder sass man zusammen, bastelte, schmückte einen Baum, sang Weihnachtslieder. Wir sprachen mit Graziella Christen Terrani über das jährliche Fest der Christen in der dunkelsten Zeit und über das Leben an sich.

Graziella Christen Terrani, was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Es ist für mich gleichbedeutend mit der Geburt von Licht in der dunkelsten Jahreszeit. Wir erinnern uns an ein Kind, das Jesuskind, ein göttliches Wesen, das Mensch wurde.

Sie selbst sind ein «Beinahe-Christkind», geboren im Dezember 1947.

Ja, und ich kam in der längsten Nacht des Jahres 1947 zur Welt – die längste Nacht ist nämlich nicht jedes Jahr vom 21. auf den 22. Dezember, sondern auch mal einen Tag vorher oder nachher. Und ich bin ein typischer Steinbock.

Mögen Sie eigentlich das Weihnachtsfest?

Ja, weil es ein Fest voller Licht ist – die Tage werden wieder länger. Und: Weihnachten hat für mich mit Begegnung und Herzenswärme zu tun. Bei unserer «Zuger Wiehnacht» im Rathauskeller verbringt man miteinander Zeit, ohne sich wahnsinnig viel Regeln aufzuerlegen.

Wie feiern Sie persönlich den ersten und zweiten Weihnachtstag? Müssen Sie sich da vom ganzen Trubel an Heiligabend erst mal erholen?

Ich bin dann sehr, sehr dankbar für etwas Ruhe. Höre Musik und gehe spazieren. Manchmal treffe ich noch eine bekannte Familie, deren Kinder ich früher gehütet habe – viel mehr unternehme ich nicht.

Was sind Ihre Kindheitserinne­rungen an die Heilige Nacht?

Wir hatten immer einen Christbaum. Den hat meine Mama geschmückt, während meine drei älteren Geschwister und ich einen langen Spaziergang machten. Damals hatte es noch Schnee. (lacht) Danach gab es eine kalte Platte. Und plötzlich hat es geklingelt – das war der Engel –, und die Stubentüre ging auf. Der Blick fiel auf den geschmückten Baum und das leicht geöffnete Fenster. Den Engel bekamen wir nie zu Gesicht, der war immer schon davongeflogen. Ich persönlich habe dann den ganzen Abend am liebsten gesungen – die Geschenke waren mir eher egal.

Heute feiern Sie den Heiligen Abend bewusst und ungezwungen mit vielen Menschen. Fürchten Sie die Einsamkeit?

Ich kenne das Gefühl. Sehr. Vor 33 Jahren habe ich es noch nicht gekannt. Aber später dann, als ich nach einem Krankenhausaufenthalt auftragslos war. Niemand wollte mich und meine Arbeit bezahlen. Ich erinnere mich an das Gefühl der Verlorenheit, wenn ich an der Bushaltestelle stand. Ich weiss, wie es ist, wenn die Einsamkeit die Strasse hochkommt. Ich kenne aber auch die schöpferische, die gute Einsamkeit.

Stimmt, Sie sind ja einmal drei Monate lang mit einem Esel durch Andalusien gezogen.

Ja, damals war ich Ende zwanzig. Ich hatte drei Jahre lang geholfen, in Zürich eine Werbeagentur aufzubauen. Danach zog es mich nach Spanien, wo ich zwischen 1970 und 1975 viel Zeit verbrachte. Obwohl meine Vorfahren mütter­licherseits aus Italien kommen, hatte ich immer das unbestimmte Gefühl, in Spanien Wurzeln zu haben. Damals löste ich Hab und Gut in der Schweiz auf und zog gen Süden. In Andalusien kaufte ich mir einen Esel – drei Monate wanderte ich mit ihm übers Land und schlief unter freiem Himmel. Acht weitere Monate verbrachte ich allein in einem alten Bauernhaus auf Ibiza. Ich lebte sehr einfach mit und in der Natur. Ich war sehr abenteuerlustig damals.

Und heute schützen Sie Singles und auch Familien vor dem Gefühl des Verlassenseins an Weihnachten.

Die Tage vor Weihnachten und Weihnachten selbst sind heikle Tage für die Seele. Es gibt Menschen, die an diesem Fest durch jedes Raster fallen. Und den Halt verlieren. Die «Zuger Wiehnacht» will auch eine Stube sein für Familien, die als solche einsam sind. Wenn zum Beispiel die Kinder nach einer Scheidung sagen: Mama, am 24. gehen wir irgendwo hin. Zu anderen Leuten, es ist so traurig daheim. Derartige Gefühlslagen gibt es immer mehr.

Seit 1983 organisieren Sie die offenen Weihnachten in Zug. Eine reife Leistung!

Anfänglich organisierten wir den Abend als Gruppe. Seit einigen Jahren mache ich es allein. Aber Gastgeber Stefan Meier ist immer an meiner Seite. Und es finden sich jedes Jahr sehr viele freiwillige Helfer. Jeden Oktober schaue ich übrigens Stefan Meier tief in die Augen, und er nickt dann: «Ja, wir öffnen unsere Türen wieder an Heiligabend.» 33 Jahre «Zuger Wiehnacht» – das ist schon eine immense Freude.

Was war die Motivation vor 33 Jahren, diesen Anlass ins Leben zu rufen?

Es gab damals kein Jugendzentrum in Zug und Jugendunruhen. 1982 besetzten Junge die ehemalige Kaserne an der St.-Oswalds-Gasse und machten einen Treff daraus. Ich selbst nahm 1982 an Heiligabend an einer Nachtwanderung der reformierten Kirche teil und wollte auf dem Weg dorthin noch irgendwo eine Kleinigkeit essen. Doch alle Restaurants waren geschlossen, selbst das Bahnhofbuffet, das in früheren Jahren noch auf hatte. Das fuhr mir unglaublich ein. Ich besprach das anschliessend mit Freunden und redete mit dem Wirteverband. Meine Freunde befanden auch: Irgendwer muss an Heiligabend aufhaben. Gemeinsam fragten wir alle Lokalitäten am Landsgemeindeplatz an. Ohne Erfolg. Dann ging es in die Altstadt. Im Rathauskeller hatten gerade die Wirtsleute gewechselt. Hubert Erni hörte von unserem Wunsch und bot von sich aus an, das «Projekt» unter Stefan Meier und ihm im renommierten Gasthaus Rathauskeller wahr werden zu lassen. Erni und Meier konnten sich mit unserer Idee identifizieren: eine Suppe zu servieren, einen Baum zu schmücken. Den Baum kauften wir anfangs selbst, mittlerweile spendet ihn die Korporation Zug, und der Werkhof stellt den Ständer und die Sandsäcke.

Wer kommt alles zur «Wiehnacht» in den Rathauskeller?

Menschen zwischen 3 und 86 Jahren. Es kommen ganz verschiedene Leute zu uns, Familien, wie gesagt, aber auch Einzelne. Beispielsweise eine frühere Wirtin, die jahrelang für ihre Stammgäste gekocht hat an Heiligabend. Jetzt kommt sie zu uns. Und bringt einen ihrer früheren Gäste mit: Der ist weit über 80 und strahlt die Welt an von seinem Stuhl aus, wenn er das Bäuchlein voll hat. Die Wirtin wandert nach dem Besuch bei uns weiter in die Mitternachtsmesse.

Wie voll wird es jeweils in der guten Stube?

Manchmal ist es sehr voll, manchmal weniger. Die Gäste kommen meist in Wellen.

Kommen immer die Gleichen?

Einige Gesichter sieht man jedes Jahr wieder. Diese treuen Gefährten kommen zum Singen oder auch nur, um Grüezi zu sagen. Es sind aber auch alljährlich neue Gäste zu begrüssen.

Finden auch Auswärtige zu Ihnen?

Ja. Ich frage die Leute manchmal, woher sie kommen. Mal ist es ein Geschäftsmann, der in Zug hängen geblieben ist, mal sind es ein paar junge Leute, die im Auto unterwegs waren und auf Radio Sunshine von uns gehört haben.

Gibt es bei Ihnen alles gratis an diesem Abend?

Alles, ausser Alkohol.

Betrinkt sich mancher Gast auch?

Das kommt auf den Wochentag an, auf den der Heiligabend fällt. Ist es ein Freitag und haben viele den ganzen Tag schon mit anderen Menschen auf die Festtage angestossen, dann kann es sein, dass der eine oder andere etwas «käppelet» bei uns am Tisch sitzt. So einen hat an einer «Wiehnacht» mal ein Bub gefragt, ob er ihm beim Basteln helfen könne. Der Mann musste seinen Finger auf diverse Schleifchen und Ähnliches legen und war alsbald wieder nüchtern. Das tönt jetzt fast wie Weihnachten. (schmunzelt) Hubert Erni, der heute nicht mehr mit dabei ist, hatte es zudem allzeit gut im Griff, wem er nur noch alkoholfreies Bier ausschenken durfte. Es kommen immer wieder traurige Menschen zu uns, die vielleicht gerade jemanden verloren haben. Da bricht dann was durch. Es findet sich aber stets jemand, der tröstet und auffängt. Sehr gut darin war lange Zeit der Pfeifenraucher George. Ein Geschäftsmann, der alle Jahre zu uns kam und die Ruhe weghatte. Er konnte Menschen gut auffangen und schöne Gespräche führen. Vor vier Jahren ist er gestorben.

Wann verlassen die letzten Gäste für gewöhnlich die Stube?

Gegen Mitternacht. Letztes Jahr verliessen Stefan Meier und ich als Letzte das Haus; um halb drei Uhr morgens.

Feiert Wirt Stefan Meier mit?

Seine Familie stellt ihn für diesen Abend frei.

Gibt es auch Geschenke?

Die Läden aus dem Umfeld schenken uns Gebäck, Torten, Brot, Schöggeli. Auch Blumen und Rosen. Einmal haben wir zwei Körbe mit Zöpfen und Säckli dazu bekommen. So haben wir einen Gabentisch.

Zusammen essen, singen, basteln und den Baum schmücken. Was ist für die Gäste das Schönste?

Ich glaube, das Schönste ist für viele das zwanglose Miteinandersein. Die Bastelarbeiten am gemeinsamen Tisch. Die Hände sind beschäftigt, das Herz ist erfüllt. Das Singen um den Baum muss ich immer steuern, damit es nicht zu spät wird. Wir haben ein zwölfseitiges Liederbuch mit alten Weihnachtsliedern. Zuletzt singen wir jedes Jahr «Stille Nacht».

Verspüren Sie das eine oder andere Jahr den Wunsch, Heiligabend mal wieder zu Hause zu feiern?

Nein, die «Wiehnacht» gehört zu meinem Leben. Sie ist vollauf das Schönste für mich. Sollte sie aber einmal nicht mehr sein, dann weiss ich, was ich machen werde: Ich werde die Stille geniessen, das kann ich nämlich auch. Ich werde am See oder im Wald spazieren gehen. Laut Stefan Meier soll es die «Wiehnacht» allerdings geben, solange er den Rathauskeller führt. Die «Zuger Wiehnacht» ist zwanglos, bescheiden, ein Geschenk – man kann sie nicht kaufen. Das ist der Gedanke des Abends: Es wird nicht ausgeschlossen, sondern es wird aufgeschlossen.

Was gibt Ihnen persönlich dieser Abend?

Eine grosse Freude.

Sind an diesem Abend schon Freundschaften entstanden?

Viele. Nicht nur bei mir. Ich denke, da sind schon Lebensschicksale entschieden worden. Da fällt mir doch gerade noch Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie ein: Was ist kostbarer als das Licht? Das Gespräch.

Ihr schönstes Weihnachts­geschenk?

Anderen eine Freude zu machen. Es gibt nichts Höheres. Das klingt jetzt sehr ideell, aber ich bin wirklich so.

Sind Sie religiös?

Ich bin tief religiös, im Sinne einer Liebeserklärung an alles Lebendige. Aber ich bin keiner Kirche steuerpflichtig – so hat es der Schriftsteller Heinrich Böll einst in «Ansichten eines Clowns» formuliert. (schmunzelt) Mein Urvertrauen ist dieses: Zwischen Mensch, Natur und Kosmos gibt es eine Verbindung.

Ist unser Anspruch an Harmonie an Weihnachten vielleicht auch zu hoch?

Da habe ich noch nie näher drüber nachgedacht. Viele haben vermutlich Stress wegen der Geschenke. Solchen Stress gibt es in meinem Leben genauso wenig wie ausgedehnte Shopping-Touren, ich lebe mit dem Minimum. Wichtig sind mir die inneren Werte. Zu viel Harmonie? Aus meiner Erfahrung mit der «Zuger Wiehnacht» weiss ich auf jeden Fall, dass die Menschen an Heiligabend eine grosse Sehnsucht nach Frieden haben.

Entzaubert der hohe Konsum das Weihnachtsfest?

Wachsen und wachsen und wachsen – das ist die Entwicklung unserer Gesellschaft, auch im wirtschaftsstarken und kosmopolitischen Zug. Andererseits mischen sich die Kulturen, und es gab schon Heilige Abende, an denen ich alle fünf Sprachen gebrauchen konnte, die ich spreche: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch.

Weihnachten ohne Christbaum? Undenkbar, auch für Graziella Christen Terrani. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 20. Dezember 2016))

Weihnachten ohne Christbaum? Undenkbar, auch für Graziella Christen Terrani. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 20. Dezember 2016))