Welche Beleuchtung ist die «richtige»?

Der Zuger Regierungsrat beantwortete einen Vorstoss zum Thema Lichtverschmutzung – eine Interpellantin zeigt sich nur bedingt zufrieden.

Fabian Gubser
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Hell erleuchtete Stadt: Blick auf das nächtliche Zug.

Hell erleuchtete Stadt: Blick auf das nächtliche Zug.

Bild: Stefan Kaiser (27. Januar 2020)

Wer nachts den Sternenhimmel sehen möchte, muss in die Berge. Denn in den dicht besiedelten Gebieten ist die Beleuchtung von Wohnbauten und Strassenlaternen oft zu stark. Der dafür verwendete Begriff heisst Lichtverschmutzung (siehe Box). Zu diesem Thema hat die ALG 2019 im Kantonsrat eine Interpellation eingereicht. Um sie zu verstehen, lohnt sich zuvor ein Blick auf die aktuelle Situation, wie sie der Regierungsrat in seiner kürzlich aufgeschalteten Antwort auf den Vorstoss schildert.

Im Kanton Zug sind grundsätzlich die Gemeinden für die Beleuchtung zuständig (siehe Box). Das Amt für Umwelt berät sie – unter anderem mit einem Merkblatt, das online verfügbar ist. Die Baudirektion des Kantons sei lediglich für die Kantonsstrassen verantwortlich. Dort setze man seit 2012 nur noch auf LED-Technik. Diese sei sowohl günstiger als auch umweltfreundlicher als die bis dahin genutzten, sogenannten Natriumdampf-Hochdrucklampen, heisst es in der Antwort des Regierungsrats. Bei LED ist der Lichtkegel konzentrierter, weshalb es zu weniger Lichtverschmutzung kommt. Die neue Strassenbeleuchtung sei zwar in der Anschaffung teurer, aber im Unterhalt viel billiger als die alten Lampen. Die Baudirektion lässt die alte Beleuchtung jeweils nach Ablauf der Lebensdauer von 25 Jahren ersetzen. Normalerweise geschieht das gleichzeitig mit Strassensanierungen.

Ausserorts wird nicht überall beleuchtet

Ausserdem verzichtet die Baudirektion seit 2012 an gewissen Orten auf eine Beleuchtung: ausserorts bei Kreuzungen ohne Ampeln, Kreiseln, auf offenen Strecken sowie auf Velo- und Fusswegen. Dabei räumt der Regierungsrat ein, dass diese «seit Jahren etablierte Praxis» bisweilen bei Gemeinden und der Bevölkerung auf Unverständnis stosse. Das sei dort der Fall, wo bisherige Lampen ersatzlos entfernt wurden.

«Vorauseilende» Beleuchtung

(gub) Auch in den Zuger Gemeinden ist LED mittlerweile Standard für die Strassenbeleuchtung. Projekte für eine «intelligente Beleuchtung» haben aber offenbar erst wenige Gemeinden umgesetzt. Dabei wird das Licht dank miteinander kommunizierender Sensoren «vorauseilend» eingeschaltet. Auf Anfrage verweist die Baudirektion auf den Fussweg Baar–Inwil oder den Parkplatz Lättich, die mit einem Bewegungsmelder versehen sind. Auch der Chamer Veloweg vom Lorzen­uferweg in Richtung Fröschenmatt ist entsprechend ausgerüstet. Nach Recherchen unserer Zeitung hat Steinhausen beispielsweise auf der Rigistrasse und der Unterdorfstrasse solche Beleuchtungen installiert.

In der eingangs erwähnten Interpellation warnten die Alternativen – die Grünen nun davor, dass die neuen Lampen mit einer höheren Farbtemperatur arbeiten. Eingereicht hatten den Vorstoss Stéphanie Vuichard (Zug), Marianne Hess (Unterägeri) und Andreas Lustenberger (Baar). Bei Farbtemperaturen von über 3000 Kelvin seien die negativen Folgen von Lichtverschmutzung deutlich stärker, argumentieren sie und stützen sich unter anderem auf Angaben des Fachvereins Dark-Sky. Tatsächlich liegt die Farbtemperatur bei den neuen LED-Lampen im Kanton Zug bei 4000 Kelvin (eher blau-weiss), bei den vorher genutzten Lampen bei 2000 Kelvin (eher gelb-orange).

Aus der Antwort des Regierungsrats geht hervor, dass dieser an den bisherigen LED-Lampen festhält. Auf Anfrage erklärt Baudirektor Florian Weber: Je höher der Kelvin-Wert sei, desto eher wirke eine Lampe wie Tageslicht und umso besser sei die Sicht im Verkehr. «Sowohl die Energieeffizienz als auch die Lichtverschmutzung sind höher als bei Leuchten mit tieferen Kelvin-Werten.» Auf den Kantonsstrassen sei aber die Verkehrssicherheit höher zu gewichten. Ausserhalb von Kantonsstrassen könne es aber Sinn machen, auf Strassenlampen mit maximal 3000 Kelvin zu setzen – beispielsweise auf wenig befahrenen Quartierstrassen.

Interpellantin widerspricht dem Regierungsrat

Die Mitinitiantin Stéphanie Vuichard ist mit der Antwort nur teilweise zufrieden. Sie begrüsse zwar die Ansätze bezüglich der reduzierten Beleuchtung ausserorts und das Merkblatt zum Thema. Jedoch sei der Regierungsrat auf das wichtige Thema der Farbtemperatur nicht wirklich eingegangen. Dieses sei sowohl im Merkblatt als auch im aktuell gültigen und zitierten Beleuchtungsreglement von 2008 nicht erwähnt.

Zudem lässt sie das Argument der Sicherheit nicht gelten. «Dafür ist nicht die Farbtemperatur entscheidend, sondern unter anderem, wie gleichmässig die Strasse beleuchtet wird», sagt Vuichard. Sie bezieht sich dabei auf Experten des Fachvereins Dark-Sky. Mit den alten Lampen, die nur 2000 Kelvin aufwiesen, habe es nicht mehr Unfälle gegeben als mit der neuen LED-Beleuchtung. Vuichard führt Frankreich als Vorbild an, das die öffentliche Beleuchtung 2018 gesetzlich auf 3000 Kelvin und an sensiblen Orten auf 2400 Kelvin begrenzt hatte. Die Kenntnisnahme der Interpellation ist für die Kantonsratssitzung vom Donnerstag traktandiert.

Lichtverschmutzung: Was ist das?

(gub) Gemäss der Webseite des Fachvereins Dark-Sky versteht man darunter nicht nur die künstliche Aufhellung des Nachthimmels, sondern auch die störende Auswirkung von Licht auf Mensch und Natur. Konkret störe Lichtverschmutzung den menschlichen Schlafrhythmus. Bei den Zugvögeln werde die Orientierung beeinträchtig, wodurch die Tiere nachts etwa in Bürotürme prallten. Insekten sterben vor Erschöpfung, weil sie stundenlang um Strassenlampen schwirren, die sie anlocken. Auch das Wachstum von Pflanzen sei dadurch beeinträchtigt. Noch sind nicht alle Auswirkungen der Lichtverschmutzung bekannt. Es sei zusätzliche Forschung nötig, schreibt der Verein.