Die Zuger Polizei braucht mehr Spezialisten

Die Kriminalität im Kanton Zug ist tief und sinkt weiter, wie die Polizeistatistik zeigt. Doch die Problemfelder werden komplexer. 

Laura Sibild
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Die Fälle von Cyberkriminalität im Kanton Zug steigen an.

Die Fälle von Cyberkriminalität im Kanton Zug steigen an.

Bild: Getty

Die Polizeiliche Statistik 2019 weist für den Kanton Zug wiederum eine stabile Sicherheits-, Kriminalitäts- und Verkehrslage aus. Die Anzahl registrierter Straftaten hat im vergangenen Jahr erneut abgenommen, um 287 auf 5376. Die Aufklärungsquote blieb mit 56 Prozent gleich hoch wie im Vorjahr. Bei den Straftaten aus dem Strafgesetzbuch haben sich 2019 im Kanton Zug 32,2 Straftaten pro tausend Einwohner ereignet. Damit liegt Zug deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt, der bei 50,6 Straftaten pro tausend Einwohner liegt.

«Erfreulicherweise zahlte sich auch einmal mehr die präventive Tätigkeit bezüglich Einbrüche aus. So sind die Einbruchdiebstähle im Berichtsjahr um 17 Delikte auf 286 gesunken», schreibt Thomas Nabholz, Chef der Kriminalpolizei, in der Statistik. Somit setze sich der nationale Trend der letzten Jahre fort. Einem weiteren nationalen Trend folgt die Zuger Polizei bezüglich Cyberkriminalität: Diese hat 2019 nämlich wiederum stark zugenommen.

Cyberkriminalität, Gewaltschutz und mehr Herausforderungen

Die Fälle von Cyberkriminalität stiegen im Kanton Zug von 222 auf 294 Delikte. Insbesondere handelte es sich wie in den letzten Jahren um Cyberbetrug, Cybermobbing, Datendiebstahl und -beschädigung sowie Erpressung. «Die Cyberermittler der Zuger Polizei sind fachkundig und arbeiten erfolgreich, wobei die starke Zunahme der Delikte für alle Polizeikorps eine grosse Herausforderung darstellt», betont Sicherheitsdirektor Beat Villiger. Derzeit besteht der Fachbereich Cyberermittlung der Zuger Polizei aus drei Stellen, er wurde per 2020 um eine Stelle aufgestockt. Zusätzlich setzt die Zuger Polizei auf die Zusammenarbeit mit ausgebildeten Polizisten in den Regionen.

Durch die gute Vernetzung mit anderen Kantonen, dem Bund und anderen Ländern könnten nicht nur Delikte in der eigenen Zuständigkeit geklärt werden, sondern es könnten auch anderen Polizeikorps wertvolle Hinweise geliefert und Ermittlungen koordiniert werden. Der Fachbereich Cyberermittlung der Zuger Polizei wurde vom Bundesamt für Kommunikation als erst drittes Polizeikorps der Schweiz als Stelle zur Bekämpfung der Cyberkriminalität anerkannt. Der Zuger Fachbereich Cyberermittlung ist damit unter anderem in der Lage, Domains direkt bei den Registerbetreibern sperren zu lassen. Ein weiterer personeller Ausbau mit zusätzlichen Cyberermittlern sei aber unerlässlich, um die von der Regierung geforderten Legislaturziele zu erreichen, heisst es in der Statistik weiter. Zu tun hat dies mit den komplexer werdenden Problemstellungen. «Themen wie Gewaltschutz, Bekämpfung von Cyberkriminalität, Terror oder Bedrohungsmanagement sind aktuell und erfordern ein grosses Spezialwissen. Deshalb ist es erforderlich, dass sich Mitarbeitende der Polizei entsprechend spezialisieren», erklärt der Sicherheitsdirektor. Darüber hinaus habe das vergangene Jahr gezeigt, dass spezialisierte Mitarbeiter in den Regionen wichtig sind. Cyberdelikte würden oft in den Polizeiposten angezeigt und viele Personen würden sich mit spezifischen Fragen an die Polizisten wenden.

Broschüre Polizeiliche Statistik 2019.pdf

Kantone wollen vermehrt zusammenspannen

Auf der anderen Seite wächst der Kanton Zug – Bevölkerung, Firmen, Fahrzeuge und Pendler nehmen stetig zu und wachsen prozentual schneller als die Grösse des Polizeikorps. Aktuell kommt im Kanton Zug ein Polizist auf 536 Einwohner. Der Schweizer Durchschnitt liegt hingegen relativ konstant bei einem Polizisten auf 454 Einwohner. «Die polizeiliche Grundversorgung darf nicht vernachlässigt werden, denn die sichtbare Präsenz und Bürgernähe hilft, Alltagsdelikte zu verhindern. Um den Anforderungen und dem Wachstum gerecht zu werden, braucht die Zuger Polizei entsprechende personelle Ressourcen», betont Beat Villiger weiter. Wichtig sei es aber, dass die spezialisierten Polizisten aufgebaut werden könnten, ohne dass die polizeiliche Grundversorgung darunter leide, ergänzt Polizeikommandant Thomas Armbruster. «Das heisst mit anderen Worten: Nur wenn dem Polizeikorps zusätzliche Stellen zukommen, können die umfassenden Aufgaben tatsächlich ohne Abstriche bewältigt werden.»

Laut Villiger wird zunächst intern optimiert. Im vergangenen Jahr hat die Zuger Polizei ihre Organisation überprüft, in einem nächsten Schritt werden Strukturen und Prozesse optimiert sowie Schwerpunktverlagerungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Kantonen und dem Bund überprüft. Dabei seien die Ressourcenzuteilung und nötige Polizeistellen ein zentrales Thema, so Villiger. «Falls nach unserer Reorganisation noch immer zusätzliches Personal nötig ist, werden wir die Stellen mit dem Regierungsrat besprechen und im Rahmen des Budgets dem Kantonsrat beantragen.»

Häusliche Gewalt erkennen und Rückfälle verhindern

(haz) Die Interventionen in Fällen von häuslicher Gewalt sind im Jahr 2019 wieder leicht rückläufig und gingen von 439 auf 404 zurück, ist der Polizeilichen Statistik 2019 zu entnehmen. 154 Fälle hatten eine Strafanzeige zur Folge. In 62 Prozent aller Fälle haben Opfer auf eine Strafanzeige verzichtet oder diese dann wieder zurückgezogen.

Trotz der leicht rückläufigen Fallzahlen befassen sich die Strafverfolgungsbehörden intensiv mit dem Phänomen der häuslichen Gewalt. Seit dem 1. April ist die Fachstelle Häusliche Gewalt personell aufgestockt. «Seit 2017 konnten wir aufgrund fehlender Ressourcen keine persönlichen Kontaktaufnahmen nach polizeilichen Interventionen mehr machen. Dies ist nun wieder möglich», lässt sich der Chef der Zuger Kriminalpolizei Tom Nabholz dazu zitieren.

Gemeinsam mit der Zuger Staatsanwaltschaft wolle man weiterhin wirksam gegen die häusliche Gewalt vorgehen. Wie Sicherheitsdirektor Beat Villiger ausführt, versuche man in einem ersten Schritt Rückfälle verhindern. «Die Thematik der häuslichen Gewalt ist komplex und hat diverse Anknüpfungspunkte», erklärt Beat Villiger. «Mit dem laufenden Projekt wollen wir in einem ersten Schritt die interne Prozesskette, die sich mit den Fällen von häuslicher Gewalt befasst – von der Polizei, über die Staatsanwaltschaft bis zum Vollzugs- und Bewährungsdienst – nach Lücken und Handlungsbedarf im heute vorhandenen Instrumentarium durchleuchten. Gleichzeitig werden die internen Abläufe und der Austausch unter den involvierten Stellen optimiert.»

Wiederholungstäter sind den Behörden bekannt

Gemäss Sicherheitsdirektor Beat Villiger sei die Frage zu beantworten, wie Rückfälle von häuslicher Gewalt möglichst verhindert werden können. Das bedinge, dass die internen Fachleute den Ursachen der häuslichen Gewalt auf den Grund gehen können. «Der Vorteil bei diesem Vorgehen ist, dass an konkreten Beispielen gearbeitet werden kann, weil die Fälle und die betroffenen Personen behördlich bekannt sind», führt Villiger aus. Laut Villiger seien es gerade die Wiederholungstäter, die für viele, auch schwere Fälle verantwortlich seien. Antworten, die allenfalls weiteren Handlungsbedarf aufzeigen, erwartet die Sicherheitsdirektion in rund einem Jahr. Dann werde auch über die weiteren Schritte entschieden. In das Projekt involviert sind neben der Projektleitung im Direktionssekretariat der Sicherheitsdirektion, die Staatsanwaltschaft, die Fachstelle Häusliche Gewalt der Zuger Polizei und der Vollzugs- und Bewährungsdienst des Amts für Justizvollzug, wie Villiger erläutert.

Auch wenn es momentan eher ruhig zu sein scheint in Bezug auf häusliche Gewalt, Sicherheitsdirektor Beat Villiger warnt vor einer allfällig zu trügerischen Ruhe. «In der derzeitigen Situation mit dem Coronavirus und den Anweisungen, zu Hause zu bleiben, kön­nte es wieder vermehrt zu Übergriffen in den eigenen vier Wänden kommen.»

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