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Erste weibliche Offiziere im Care-Team des Zivilschutzes Zug

Chris Oeuvray sorgt bei Schicksalsschlägen mit dem Care Team für psychologische Nothilfe. Seit Freitag ist die 52-jährige Zugerin Offizierin in der kantonalen Zivilschutzorganisation – und sorgt damit für eine Premiere.
Stephan Santschi
Chris Oeuvray (links) und Anna-Maria Schärer wurden zu den ersten weiblichen Offizieren ernannt.

Chris Oeuvray (links) und Anna-Maria Schärer wurden zu den ersten weiblichen Offizieren ernannt.

Die Polizei überbringt nach einem tödlichen Autounfall die traurige Nachricht an die Hinterbliebenen. Begleitet werden sie von zwei Mitgliedern des Care Teams Zug. Die Familie kann nicht fassen, was sie von den Beamten zu hören bekommt. Dann übernehmen die Care-Giver den Lead und helfen bei der Verarbeitung des Schicksalsschlags. «Wir sorgen dafür, dass die Menschen nicht im Schock erstarren. Wir leisten psychologische Nothilfe», sagt Chris Oeuvray.

Die 52-jährige Zugerin leitet mit David Frick und Anna-Maria Schärer das Care Team, das aus 20 Personen besteht. Pro Jahr werden sie rund 30 Mal aufgeboten, meistens dann, wenn etwas Aussergewöhnliches geschehen ist – so wie beim eingangs beschriebenen Beispiel. «Wir kommen zum Einsatz, wenn für die Menschen zu schnell zu viel passiert ist.» Bei Grossereignissen wie dem Amoklauf in Menznau 2013 hilft man auch kantonsübergreifend aus.

Oeuvray empfiehlt Frauen den Eintritt in den Zivilschutz

Chris Oeuvray macht diese Freiwilligenarbeit seit über zehn Jahren. Ursprünglich war sie im Verein «Care Team Zentralschweiz», der 2009 aufgelöst wurde. Seither sind die Kantone für die Sicherstellung der psychologischen Nothilfe zuständig. In Zug ist das Care Team der Zivilschutzorganisation unterstellt. «Unser Angebot ist gratis», sagt Oeuvray und betont: «Uns ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass sie unsere Dienste in Anspruch nehmen können. Auch dann, wenn sie nach einem Ereignis nicht weiter wissen.»

Seit der Zivilschutz für das Care Team zuständig ist, haben sich die Arbeitsbedingungen verbessert. «Wir sind versichert, erhalten einen Sold und auch für die Weiterbildung ist gesorgt», erklärt Oeuvray. In den letzten zwei Wochen wurden sie und Anna-Maria Schärer im Zivilschutz zu Offizierinnen ausgebildet – am Freitag, 10. Mai, fand die Brevetierung in Sempach statt. «In der heutigen Form der Zuger Zivilschutzorganisation sind wir die ersten weiblichen Offiziere», bemerkt Oeuvray nicht ohne Stolz. Für ihre leitende Funktion im Care Team sei diese Ausbildung sehr hilfreich. «Ich lerne, was es für grössere Einsätze braucht. Ich bewahre den Überblick und kenne die Nahtstellen zum Zivilschutz.» Generell habe sie festgestellt, wie zeitgemäss und volksnah die Arbeit des Zivilschutzes sei. «Ich bin sehr beeindruckt, was er alles zugunsten der Gemeinschaft leistet.» Anderen Frauen könne sie darum den freiwilligen Eintritt in den Dienst der Bevölkerung nur empfehlen. «Ausländerinnen sind ebenso willkommen wie Schweizerinnen.»

Auf die Auszeit in der Karibik folgt die Neuorientierung

Im Dienst der Bevölkerung steht Chris Oeuvray nicht nur im Zivilschutz, sondern auch beruflich. Seit 2001 führt sie in Zug eine eigene Praxis als Lebensberaterin und Mentaltrainerin. Ihr Werdegang ist speziell, davor war sie nämlich in leitender Funktion in der Finanzbranche tätig. «Mir war klar, dass dies nicht meine Endstation sein würde. Ich liebte die analytische Arbeit, doch ich fragte mich auch: Was will ich noch?»

Oeuvray nahm eine Auszeit und da sie sehr reisefreudig ist, kam es auf der mexikanischen Karibik-Insel Cozumel zu einem zweijährigen Engagement als Tauchlehrerin. «Ich kam auf ganz andere Weise mit Menschen in Kontakt. Mit meiner Hilfe haben sie die Ängste unter Wasser überwunden. Das Strahlen in ihren Gesichtern danach bereitete mir grösste Freude.» Zurück in der Schweiz rüstete sie sich mit verschiedenen Ausbildungen und Kursen für die neue Herausforderung. «Ich habe früh erkannt, dass ich die Ruhe selbst bleibe, wenn um mich herum das Chaos herrscht. Aus dieser Eigenschaft wollte ich etwas machen.» Seither hilft sie Menschen in schwierigen Lebenslagen, und so war der Schritt in den damaligen Verein «Care Team Zentralschweiz» eine logische Folge ihrer Neuorientierung. «Ich bin nicht der Typ, der Geld spendet. Ich schenke der Gesellschaft lieber Zeit.»

Sie stehen mit beiden Beinen im Leben

Im Care Team Zug sind dabei Menschen am Werk, die über einiges an Lebenserfahrung verfügen, «die auch schon persönliche Krisen gemeistert haben und mit beiden Beinen im Leben stehen», wie Oeuvray anmerkt. Wenn sie von der Polizei aufgeboten werden, kommen sie in Zivil, bei Grossereignissen tragen sie eine blaue Weste.

Im Rucksack befinden sich Taschentücher, Stofftiere und Farbstifte für Kinder, Wasser und ein Informationsblatt über emotionale Reaktionen. «Im ersten Moment müssen wir mit dem ganzen Regenbogen an Gefühlen rechnen. In erster Linie geht es dann darum, diesen Gefühlen Raum zu geben.» Mitunter entlädt sich die Verzweiflung an den Care-Givern, deshalb sind sie zur gegenseitigen Unterstützung mindestens zu zweit unterwegs. «Meist teilen wir uns die Arbeit auf, betreuen die Menschen in Gruppen. Damit sorgen wir für Struktur und Ordnung.»

Bei ihr kommen die Emotionen erst nach dem Einsatz

Anschliessend wird erörtert, wie es weitergehen soll. «Mit wem können die Betroffenen reden? Wo können sie schlafen? Es geht darum, dass sie durch ihr persönliches Netz mit Familie und Freunden aufgefangen werden.» Wenn eine weitere psychologische Betreuung notwendig ist, erfolgt der Verweis an den Hausarzt oder an die Opferhilfe. «Für uns endet der Auftrag spätestens nach 48 Stunden.» Im Anschluss folgt eine Nachbesprechung mit den Care-Givern und 30 Tage später erkundigen sie sich jeweils bei den Betroffenen, wie es ihnen gehe. «80 bis 90 Prozent der Menschen nehmen unsere Hilfe in Anspruch. Die meisten sagen uns, wie froh sie waren, dass wir da gewesen seien», berichtet Chris Oeuvray.

Sie selber werde erst emotional, wenn das Ereignis vorüber sei. Dann gehe sie nach Hause, dusche lange und ziehe sich neue Kleider an. «Ich habe eine liebevolle Familie um mich. Zwei, drei Tage hängt mir das Erlebnis noch nach, dann ist es für mich wieder gut.»

Website: www.zg.ch/azm

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