Wenn das Schlachten auf dem Hof beginnt

Die Hof- und Weidetötung soll klar geregelt werden. Im Kanton Zug steht man der Neuerung offen gegenüber.

Zoe Gwerder
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Ein Hof irgendwo in der Schweiz: Das Rind geht wie jeden Tag um diese Zeit fressen. Dass heute noch ein Tierarzt und ein Metzger bei seiner Mahlzeit zuschauen, scheint es nicht wahrzunehmen – es wird seine letzte Mahlzeit sein. Der Metzger hält das Bolzenschussgerät an die Stirn des Rinds. Das Tier geht zu Boden. Der Metzger schneidet die Halsschlagadern auf. Das Rind ist tot und bereit, zu Fleisch verarbeitet zu werden – ohne dass es zu Lebzeiten seine gewohnte Umgebung verlassen musste. In etwa so läuft eine Hoftötung ab. Bei der Weidetötung wird das Tier auf der Weide von einem Jäger aus Distanz geschossen und vor Ort entblutet.

Bisher war es zwar möglich, Tiere auf dem Hof schlachten zu lassen. Das Fleisch durfte aber nur für den Eigengebrauch verwendet werden. Die Tötung auf dem Hof für Fleisch, das man verkaufen kann, war bis jetzt im Gesetz nicht geregelt. Dies soll sich noch dieses Jahr ändern. «Bisher hiess es, die Schlachtung müsse in einer Schlachtanlage stattfinden», erklärt Eric Meili. Er ist einer der schweizweiten Verfechter solcher Hof- und Weidetötungen und berät Landwirte, die ihren Betrieb für diese Art der Tötung einrichten wollen. Gemäss Meili hätten alle Kantone das Gesetz unterschiedlich interpretiert. Im Kanton Zug hätten Landwirte eine entsprechende Ausnahmebewilligung erhalten. Gemäss dem Kantonstierarzt Rainer Nussbaumer wurde bisher aber keine erteilt.

Es gibt im Kanton Zug jedoch ein Landwirt, der sich in diese Richtung entwickeln will. Die Bewilligung steht noch aus. Der Ball liege nun bei ihm, betont Kantonstierarzt Nussbaumer. Trotz mehrfachem Anrufen und einer Sprachmitteilung war der Landwirt für eine Auskunft gegenüber unserer Zeitung nicht erreichbar.

Die Zeit ist ein zentraler Faktor

Wie Nussbaumer und Meili bestätigen, ist es der einzige Hof, der die Hof- und Weidetötung einführen will. Dies, obwohl der Kanton Zug mit seiner Kleinräumigkeit eigentlich prädestiniert wäre für das Vorgehen. Denn der Faktor Zeit ist ausschlaggebend. Vom Entbluten, bis zum im Schlachthof fertig ausgenommenen und enthäuteten Tierkörper darf es nicht länger als 45 Minuten dauern (siehe Grafik). Gemäss Daniel Kenel, Betriebsleiter des Schlachthofes Walterswil darf der Fahrtweg alleine höchstens 30 Minuten dauern. «Dann haben wir genug Luft für die Arbeiten vor und nach der Fahrt.» Bei den meist kurzen Wegen im Kanton Zug wäre dies von vielen Höfen aus möglich. Trotzdem scheint die Tötung der Tiere vor Ort für die meisten Fleischproduzenten kein Thema zu sein. Eine Umfrage bei einzelnen Landwirten, zeigt die möglichen Gründe. Insbesondere der zusätzliche Aufwand ist hier ein Thema. Ein Bauer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt, er sei zwar schon der Meinung, dass die Hoftötung gut für die Tiere sei. Aus personellen, zeitlichen und finanziellen Überlegungen sei es aber schwierig. Er gibt zu bedenken, dass die Zusatzkosten für Tierarzt und Metzger auf den Konsumenten abgewälzt werden müssten – er wolle aber nicht unnötig teurer werden. «Die letzten vier Stunden sind in Sachen Tierwohl nicht so entscheidend. Hauptsache sie haben es ein Leben lang gut», ist er überzeugt.

Der Zuger Landwirt Philipp Freimann mag sich noch an Zeiten erinnern, in denen bei ihnen auf dem Hof «gemetzget» wurde. Für ihn ist die Hoftötung – für welche es auch mit dem neuen Gesetz eine Bewilligung benötigt – jedoch kein Thema. «Wir haben wenig Direktverkauf und der Transportweg zum Schlachthaus in Walterswil ist sehr kurz.» Dies könne er selber mit seinem Viehanhänger bewältigen. «Wir nehmen uns dazu jeweils Zeit.» Er stelle den Anhänger schon etwas früher hin, sodass die neugierigen Tiere das Gefährt erkunden können. «Oft steigen die Tiere gar selber in den Anhänger.» Zudem verwende er Seitengitter, die die Tiere gewohnt sind und das Streu stamme ebenfalls aus dem Stall.

Verwilderung durch Haltung auf der Weide

Dass die Hoftötung trotzdem Aufwind erhalten könnte, liegt gemäss dem Präsidenten des Zuger Bauernverbandes Thomas Rickenbacher, auch an den gewandelten Haltungsformen der Tiere. «Früher war der Landwirt zweimal täglich mit seinen Tieren in Kontakt. Mit der zunehmenden Weidehaltung werden die Tiere wilder. Sie sind es nicht mehr gewohnt, verladen zu werden.» Mit der Hof- und Weidetötung könne entsprechend die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier verringert werden.

Dies ist auch ein Anliegen des Betriebsleiters des Schlachthofs Walterswil, Daniel Kenel. Für ihn und seine Mitarbeiter ist das Schlachten im Schlachthof jedoch sicherer als jenes auf dem Hof, wie er erklärt. Läuft ein Gesuch um Bewilligung – wie jenes des am Textanfang erwähnten Bauerns – inspiziert er den Hof und die Einrichtung, in der die Tiere zum Bolzenschuss befestigt werden.

Sollten sich im Kanton Zug weitere Landwirte für die Tötung auf ihrem Hof entscheiden, wäre Kenel parat, wie er sagt. «Wir finden schon Kapazität für Hoftötungen.» Für ihn müsse einfach die Qualität des Fleisches stimmen – wobei er diesbezüglich auch Bedenken habe. Insbesondere bei der Weidetötung könne diese beeinträchtigt werden. «Wenn das Tier, nach dem es zu Boden gegangen ist, nicht sorgfältig verladen wird, büsst das Fleisch an Qualität ein.»

So läuft die Hoftötung ab

Bauernverbandspräsident Rickenbacher ist trotzdem überzeugt, dass es durchaus ein Kundenstamm geben könnte, der bereit ist, mehr zu bezahlen, wenn das Tier in seiner gewohnten Umgebung getötet wurde. «Insbesondere im Direktverkauf von Fleisch, wäre dies eine Nische.» Klar sei jedoch, dass mittels Hof- und Weidetötung grössere Mengen – zur Belieferung von Grossverteilern etwa – wohl nicht zu bewältigen sind.

Das Töten auf dem Hof ist bei der Wild-Zucht Usus

Etwas einfacher geht es bei der Tötung von Wildtieren aus Zuchtbetrieben. Gemäss dem Kantonstierarzt Rainer Nussbaumer benötigt es dort ebenfalls die Begutachtung durch einen Tierarzt. Diese kann aber auch pauschal für den Betrieb erfolgen. Die geschossenen Wildtiere können direkt – ohne sie erst zu entbluten – zum Schlachtbetrieb gefahren werden. (zg)