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Der Dichtestress erreicht die Zuger Wälder

Freizeitnutzer beanspruchen die Natur zunehmend. Wie gehen Waldbesitzer damit um und welche Lösungen gibt es, um die Konflikte zu entschärfen?
Rahel Hug

Bikerinnen und E-Biker, Jogger und Reiterinnen, Spaziergängerinnen und Pilzler, Familien mit kleinen Kindern, Hündeler, Orientierungsläuferinnen und Wanderer – sie alle wollen in den Wald. Das Bevölkerungswachstum und das zunehmende Bedürfnis nach Erholung in der Natur haben Auswirkungen auf die Zuger Wälder. Insbesondere der Sijentalwald, der Städtlerwald, der Steinhauserwald, das Gebiet Lorzentobel-Höllgrotten, der Zuger- und der Gottschalkenberg sowie das Gebiet Raten–St. Jost sind vom «Dichtestress» betroffen. Es sind jene Gebiete, die im Richtplan als Wälder mit besonderer Erholungsfunktion bezeichnet sind.

Zwar lässt sich nicht messen, wie viele Personen die Wälder jährlich besuchen. Doch Martin Ziegler, Leiter des kantonalen Amtes für Wald und Wild, sagt: «Rückmeldungen der Forstbetriebe und der Waldbesitzenden zeigen deutlich auf, dass der Aufwand für die sichere Durchführung von Holzschlägen zugenommen hat.» Zudem würden die Ansprüche an den Wegunterhalt steigen. Auch sei die Zahl der bewilligungspflichtigen Veranstaltungen im Wald gestiegen.

Nutzergruppen haben sich verändert

64 Prozent des Zuger Waldes gehören den Korporationen. Wie gehen sie mit dem «Dichtestress» um? Ruedi Bachmann ist Betriebsleiter Forst bei der Korporation Zug, die 1030 Hektaren Wald besitzt. Das Thema sei vor allem auf dem Zugerberg, auf der Halbinsel Chiemen bei Immensee sowie im Sijentalwald in Rotkreuz aktuell. Die Zahlen der Waldbesucher seien konstant hoch, so die Beobachtung Bachmanns. Doch er stellt fest, dass sich die Nutzergruppen verändern. «Die Biker haben klar zugenommen. Auch Geocaching ist ein neuer Trend.» Dabei handelt es sich um eine Art Schatzsuche per GPS.

Der Grossteil der Wälder im Kanton ist einer Vorrangfunktion zugeteilt. Es handelt sich um Wälder mit besonderer Schutzfunktion gegen Naturgefahren, Wälder mit besonderer Naturschutzfunktion und Wälder mit besonderer Erholungsfunktion. Eine Karte des Kantons, die die Wälder mit besonderen Funktionen zeigt, finden Sie hier.

Die «Hotspots» sind also – politisch gewollt – für Erholung vorgesehen. «Insofern bietet die Korporation Zug Hand für die Nutzung des Waldes. Dies beispielsweise, indem wir Feuerstellen und dazu auch das Holz zur freien Verfügung stellen.»

Ein Wanderweg auf dem Zugerberg. (Bild: Christian H. Hildebrand, 2. August 2019)

Ein Wanderweg auf dem Zugerberg. (Bild: Christian H. Hildebrand, 2. August 2019)

Das ist selbstredend nicht gratis. Ruedi Bachmann bestätigt, was man von Waldbesitzern in der ganzen Schweiz hört: Der Unterhalt kann nicht mehr über die Einnahmen aus der Holzwirtschaft gedeckt werden – wegen des tiefen Holzpreises. «Wir haben aber geringe Finanzierungsprobleme, weil die Korporation Zug Leistungen für die Bevölkerung aus anderen Dikasterien wie Liegenschaften oder Baurechtszinsen unterstützt», erklärt Bachmann. Für die Pflege des Schutzwaldes erhält die Korporation Beiträge vom Kanton. Für Wälder mit besonderer Erholungsfunktion gibt es jedoch keine Gelder. Zusätzliche finanzielle Mittel wären vor einigen Jahren vorgesehen gewesen, fielen jedoch dem Entlastungsprogramm 2015–2018 zum Opfer. Bachmann bedauert dies: «Ich bin der Meinung, die Mehraufwände sollten abgegolten werden.»

Auf Konflikte im Wald angesprochen, sagt er: «Die meisten Waldbesucher verhalten sich anständig.» Probleme hat sein Forstpersonal aber oft, wenn Bäume gefällt werden müssen. «Absperrungen oder Verbote werden immer wieder missachtet», berichtet er. Das heisst: Die Korporation ist an stark frequentierten Orten mit zwei zusätzlichen Leuten vor Ort, um die Sicherheit zu gewährleisten. Vor zwei Jahren habe man für die Räumung nach einem Gewittersturm im Brüggli sogar die Polizei aufbieten müssen. «Die Leute wollten einfach zu ihrem Badeplatz, ohne Rücksicht auf Verluste.»

Biker im Brutgebiet von Auerhühnern

Karl Henggeler, Förster bei der Korporation Oberägeri, die im Besitz von rund 964 Hektaren Wald ist, kennt diese Herausforderungen. «Wenn man auf der Strasse ein Rotlicht überfährt, ist das ein klarer Fall», sagt er. «Im Wald werden Verbote regelmässig missachtet.» Ein Beispiel ist das Flössen am Ägerisee, bei dem das geschlagene Holz vom Bergwald über das Wasser transportiert wird. «Die Arbeiten im steilen Gelände sind sehr gefährlich», führt Henggeler aus. «Wir schreiben die Sperrungen jeweils im Amtsblatt aus, stellen im Dorf Schilder auf und auf dem Weg Abschrankungen. Trotzdem gibt es Leute, die das alles ignorieren.»

Zielkonflikte sieht der Förster auch, wenn Downhill-Biker beispielsweise in das Brutgebiet von Auerhühnern auf der Hügelkette Höhronen eindringen. «Das ist sehr heikel, diese Brut darf nicht gestört werden.» Der Vogel gilt als stark gefährdet. Hier setzt die Korporation auf eine «Vergrämungstaktik», wie es Henggeler nennt: Die Forstleute legen Bäume und Äste auf die Wege, damit sie nicht wieder befahren werden. Er ist überzeugt: «Für die Biker wird es künftig strengere Regeln brauchen. Wir können zwar mit den Clubs reden, doch viele sind individuell unterwegs.»

Das Auerhuhn, das im Gebiet Höhronen brütet, gilt als stark gefährdet. (Bild: PD)

Das Auerhuhn, das im Gebiet Höhronen brütet, gilt als stark gefährdet. (Bild: PD)

Generell stellt Henggeler fest, dass der Wald zu einem «24-Stunden-Betrieb» geworden ist. Jogger seien heute bei jeder Witterung und oft auch bis spät in die Nacht unterwegs. Er fordert: «Kantone, Gemeinden und Waldbesitzer müssen an einen Tisch sitzen. Die Bewirtschaftung unseres Erholungsraumes und die Finanzierung wird eine Daueraufgabe sein.» Dem pflichtet Martin Ziegler vom Kanton bei: «Mit dem steigenden Erholungsdruck und den damit einhergehenden Einschränkungen und Mehraufwendungen fordert die Waldeigentümerschaft seit Jahren, dass der Kanton in diesem Bereich aktiver wird. Das Amt für Wald und Wild muss sich dieser Forderung stellen.»

Sensibilisierungskampagne in Steinhausen

An einen Tisch gesessen sind die Gemeinde Steinhausen und die Waldgenossenschaft (WGS) als Eigentümerin des Steinhauser Waldes, der rund 75 Hektaren umfasst. Letztes Jahr haben sie ein Erholungskonzept verabschiedet, welches die Grundsätze und Ziele für den Naherholungsraum definiert.

Der Waldweiher im Steinhauser Wald. (Bild: Stefan Kaiser, Steinhausen, 29. Mai 2018)

Der Waldweiher im Steinhauser Wald. (Bild: Stefan Kaiser, Steinhausen, 29. Mai 2018)

«Das Konzept ist eine gute Basis, um miteinander zu arbeiten. Vorher hat dieser Dialog wenig stattgefunden», sagt Beda Schlumpf, Präsident der WGS. Er macht ein Beispiel: Neu kann die WGS Aufwendungen, die mit der Sicherheit auf und direkt neben den Waldwegen und -strassen zu tun haben, rapportieren und der Gemeinde in Rechnung stellen. Gemeinsam mit der Gemeinde will man zudem bis Ende Jahr eine Sensibilisierungskampagne starten. Konkret sind Tafeln an verschiedenen Stationen geplant. «Viele Leute wissen gar nicht, wem der Wald gehört und welche Rechte und Pflichten damit zusammenhängen. Darüber wollen wir aufklären», so Schlumpf. Das «Erholungskonzept Steinhauser Wälder» finden Sie hier.

Dies sei wichtig und nötig, ergänzt er, denn: «Wir haben tagtäglich verschiedene Nutzergruppen im Steinhauser Wald.» Er berichtet etwa von der Fussgängerin mit Kinderwagen, die sich an den Pferdeäpfeln stört und dies der WGS rückgemeldet habe. Und wie sich an schönen Wochenenden die Autos im Waldbereich aneinander reihen – auch auf Plätzen, die eigentlich für den Holzumschlag vorgesehen wären. «Diese Probleme möchten wir in den Griff kriegen», ist Schlumpf überzeugt.

Das Konzept macht einen Anfang. Er erhalte Anfragen aus der Westschweiz und dem Tessin, das Interesse am Konzept sei gross. «Auch Waldbesitzer aus Baar und Unterägeri haben das Thema auf ihrer Agenda», freut sich der WGS-Präsident. Für ihn steht fest: «Es muss gehandelt werden, Waldbesitzer dürfen nicht einfach die Faust im Sack machen.»

Der Bike-Trail als gelungenes Beispiel

Ein Beispiel, wie den Konflikten auch begegnet werden kann, ist der Zugerbergtrail, eine Abfahrt für Biker, die 2016 eröffnet wurde. Für Ruedi Bachmann von der Korporation Zug eine erfreuliche Sache: «Es ist gelungen, die Nutzung der Natur durch die Biker zu kanalisieren. Man hat miteinander Regeln aufgestellt und respektiert diese. Es ist ein Geben und Nehmen.»

Der Biketrail auf dem Zugerberg wurde im Mai 2016 eröffnet. (Bild: Roger Zbinden, Zug, 14. Mai 2016)

Der Biketrail auf dem Zugerberg wurde im Mai 2016 eröffnet. (Bild: Roger Zbinden, Zug, 14. Mai 2016)

Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft für den Wald haben 20 schweizerische Organisationen im letzten Jahr zehn Tipps für einen respektvollen Waldbesuch erarbeitet. Mit einem Augenzwinkern werden die Waldbesucher aufgefordert, ein paar einfache Hinweise zu beachten, damit es dem Wald und uns allen gut geht. Die Cartoons zum Wald-Knigge zeichnete Max Spring. Den Wald-Knigge finden Sie hier.

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