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Wenn der Ehemann zuschlägt

Die Zuger Herberge für Frauen bietet von Gewalt betroffenen Frauen Schutz – vorübergehend.
Fabian Gubser
In der Herberge für Frauen in Zug (Bild) finden von Gewalt betroffene Frauen vorübergehend Schutz.Bild: Maria Schmid (24. September 2019)

In der Herberge für Frauen in Zug (Bild) finden von Gewalt betroffene Frauen vorübergehend Schutz.Bild: Maria Schmid (24. September 2019)

Andrea(*) sitzt in einem unauffällig eingerichteten Besprechungszimmer der Zuger «Herberge für Frauen». Einzig der Taschentuchspender gibt einen Hinweis darauf, dass hier keine alltäglichen Gespräche stattfinden. Die junge Frau Anfang 30 erzählt rückblickend, wie gut sie sich mit ihrem Mann zu Beginn der Ehe verstanden hätte. Einige Zeit später realisierte das Paar jedoch, dass es sich auseinandergelebt hatte. Er sieht die «Schuld» alleine bei ihr und beginnt, sie zu schlagen. Eine Bekannte riet ihr, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Selbst hätte ich nie den Mut dafür aufbringen können», erinnert sich Andrea. Auf diese Weise kam sie mit ihrem Kind in die Herberge für Frauen, die sich an einem versteckten Ort befindet.

Von den Liebfrauenschwestern gegründet

(gub) Im vergangenen Jahr nutzten 61 Frauen und 48 Kinder das Angebot der Herberge für Frauen. Bis zu sechs Monate lang dürfen sie jeweils in einem der acht Zimmer bleiben. Finanziert wird die Herberge grösstenteils durch die Stiftung Liebfrauenhof Zug. Die Liebfrauenschwestern führten die Herberge von 1996 bis 2010. Aus Altersgründen übergaben sie 2011 die Trägerschaft der Herberge an die Stiftung Liebfrauenhof. Heute betreuen 3 Sozialarbeiterinnen, eine Sozialpädagogin und 10 weitere Betreuerinnen die Betroffenen rund um die Uhr.

Wichtig sei, dass die Frauen ihr Zuhause rasch und unkompliziert verlassen könnten, denn der Leidensdruck sei enorm, bis sie sich zum Weggang entscheiden, sagt Marianne Bucher, Leiterin der Herberge für Frauen. Manchmal verstreiche vom Anruf bis zum Ankommen einer Betroffenen nur eine halbe Stunde. Auch Andrea traf kurzfristig ein – und war erleichtert: «Hier konnte ich mich von der extrem stressigen Situation ausruhen.» Bei den Beratungsgesprächen mit den Fachfrauen aus dem Sozialbereich vor Ort fühlte sie sich in sicheren Händen.

«Von der Polizei nicht ernst genommen»

Bei Andrea eskalierte die Situation nicht von heute auf morgen. Nachdem das Paar sich auseinandergelebt hatte, verlangte Andreas Partner, dass sie ihren Job kündigen sollte – um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Andrea kam seinem Wunsch nach. «Ich stand unter einem extremen Druck.» Irgendwann, als sie wieder einmal geschlagen und bedroht wurde, nahm sie all ihren Mut zusammen und rief bei der Polizei an. Diese bat Andreas Mann ans Telefon. Nach dem Anruf gab Letzterer Andrea das Gefühl, die Polizei auf seiner Seite zu wissen.

«Diesen geschilderten Sachverhalt können wir so nicht bestätigen», sagt eine Sprecherin der Zuger Polizei auf Anfrage. Sie betont: «Erhalten wir Anrufe von Bürgerinnen oder Bürgern, dass sie oder andere Hilfe benötigen, rücken wir immer aus und überprüfen die Situation vor Ort.» Einsätze wegen häuslicher Gewalt bräuchten viel Fingerspitzengefühl. Delikte verfolge man strafrechtlich – gleichzeitig nehme die Fachstelle häusliche Gewalt Kontakt mit den beteiligten Parteien auf, um sie zu beraten.

Von da an traute sich Andrea nicht mehr, den Notruf zu wählen. Mit der Familie sprach sie nicht über die Schläge – die werde ihr Problem nicht verstehen, meinte Andreas Mann dazu. Dazu bemerkt Marianne Bucher, dass Frauen von ihren Männern oft gezielt kontrolliert und isoliert werden. Frauen, die in der Schweiz aufgewachsen und deshalb sozial besser vernetzt sind, könnten sich eher schneller Hilfe holen.

Andreas Auszeit in der Herberge währte nicht lange: Bald meldete sich ihr Mann und setzte sie erneut unter Druck. Wenn sie nicht nach Hause komme, würde sie das Sorgerecht für das Kind verlieren. Als Andrea dieser (erfundenen) Drohung keine Beachtung schenkte, drohte er, sich selbst etwas anzutun. Gleichzeitig versprach er ihr, sich zu bessern. Wenige Tage später kehrte Andrea nach Hause zurück – doch nach zwei Tagen begann ihr Mann, sie wieder zu schlagen.

Nicht unbedingt die Beziehung, sondern die Gewalt beenden

Marianne Bucher erklärt: Viele Frauen äusserten, dass sie nicht unbedingt die Beziehung beenden möchten, aber dass die Gewalt aufhören müsse. Dies habe mit der Dynamik bei Häuslicher Gewalt zu tun, die sich in einem sogenannten «Gewaltkreislauf» zeige. Dieser drehe sich im Laufe der Zeit immer schneller und auch intensiver. Nach einem Gewaltausbruch folge eine Phase der Reue und Zuwendung, die bei den Opfern die Hoffnung auf eine Veränderung bewirke. In dieser Phase gehen sie wieder nach Hause, ziehen ein eingereichtes Eheschutzgesuch zurück oder stellen den Antrag, das Strafverfahren provisorisch einzustellen. In der nächsten Phase wird die Verantwortung für die Gewalt von den Tätern abgeschoben und beim Opfer oder äusseren Umständen gesucht. Danach kommt es wieder zu einem Spannungsaufbau, der erneut in einer Gewalteskalation endet.

Ein paar Wochen danach entschied sich Andrea, ihren Mann definitiv zu verlassen. Noch einmal suchte sie als Übergangslösung die Herberge für Frauen auf. Marianne Bucher betont, dass es normal sei, dass die Betroffenen mehrere Anläufe bräuchten, um sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen, und ein zweites Mal in die Herberge kämen.

Opfer fühlte sich im Stich gelassen

Da während des Aufenthalts von Andrea in der Herberge zivilrechtlich im Rahmen eines Eheschutzverfahrens (noch) nichts entschieden war, stellte sich die Frage, wie und in welcher Form ihr Mann das Recht, das gemeinsame Kind zu treffen, wahrnehmen könne. Da Andrea ihrem Mann zu diesem Zeitpunkt nicht alleine begegnen wollte, stellte sie dies vor eine grosse Herausforderung – denn die Herberge für Frauen macht keine Besuchsbegleitungen. Marianne Bucher sagt:

«Aus diversen Gründen können wir keine Begleitungen anbieten, organisieren aber bei einer Gefährdung ein begleitetes Besuchsrecht durch spezialisierte Fachstellen oder suchen individuelle Lösungen.»

Andrea fühlte sich in diesem Bereich von der Herberge im Stich gelassen. Glücklicherweise fand sich ein Familienmitglied, bei dem die Besuche des Vaters stattfinden konnten. Auf diese Weise musste sie mit ihrem Mann nicht direkt in Kontakt treten.

Aufenthalt nur im Notfall – der Kinder wegen

Als Mutter empfehle Andrea den Aufenthalt in Frauenhäusern nur im Notfall – weil der Schutz der Kinder bei Treffen ausserhalb von Frauenhäusern nicht gewährleistet sei. Würde die Polizei nach Aufnahme von Gewalttaten konsequent eine Wegweisung aussprechen, wären gemäss Andrea das Verstecken und der Stress für die Kinder nicht nötig.

Innert kürzester Zeit hat Andrea dann eine Wohnung gefunden – was laut Marianne Bucher nicht selbstverständlich sei. Denn die Wohnungssuche im Kanton Zug stelle gerade für Sozialhilfeempfängerinnen eine grosse Herausforderung dar. Teilweise werden bis zu 70 Bewerbungen verschickt. Nach dem Umzug in die eigene Wohnung half die Arbeitslosenkasse Andrea vorübergehend, über die Runden zu kommen. «Ich hatte Existenzängste», sagt sie. Die Suche nach einem neuen Job zog sich hin, doch schliesslich wurde sie fündig. «Jetzt bin ich glücklich, nach dieser langen Zeit endlich wieder auf eigenen Beinen stehen zu können.» Im Nachhinein beurteilt Andrea ihre Rolle selbstkritisch: Sie habe zu viel gemacht – sich um den ganzen Haushalt gekümmert, das Kind betreut und gleichzeitig Vollzeit gearbeitet.

Hinweis: (*) Name geändert.
Wer in einer Notsituation ist und vorübergehend ein Zuhause braucht, erreicht die Herberge für Frauen Zug jederzeit unter Telefon 041 727 76 86.

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