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Literatur in Zug: Wenn einer eine Reise tut...

Seit Jahren bieten die «Residenzen» der Landis & Gyr Stiftung Gastautoren eine Plattform. Am Montag stellte der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš seinen Bestseller «Winterbergs letzte Reise» vor.
Haymo Empl
Autor Jaroslav Rudiš im Gespräch mit Moderator Martin Zingg im Burgbachkeller.Bild: Stefan Kaiser (Zug, 30. September 2019)

Autor Jaroslav Rudiš im Gespräch mit Moderator Martin Zingg im Burgbachkeller.Bild: Stefan Kaiser (Zug, 30. September 2019)

Er gibt sich bescheiden. Eine Attitüde, die hierzulande gut ankommt und den tschechischen Autor Jaroslav Rudiš live vor Publikum äusserst sympathisch macht. Bereits im Jahr 2007 wurde Rudiš zu den 30 einflussreichsten tschechischen Persönlichkeiten gewählt, 2014 wurde der heute 47-jährige Schriftsteller mit dem Usedomer Literaturpreis beehrt und eben gerade mit dem Chamisso-Preis/Hellerau-Preis.

Was aber am Montagabend viel mehr faszinierte, war die enorme Energie, welche der Autor ausstrahlte. Eine positive Unruhe, eine fröhliche Rastlosigkeit in Kombination mit glühender Leidenschaft für Geschichten und Geschichte. Selten zeigte sich im eher düsteren Burgbachkeller ein Autor an einer Lesung so strahlend und positiv wie Jaroslav Rudiš: Selbst im normalen Plauderton mit (dem hervorragend vorbereiteten!) Moderator Martin Zingg erwies sich der Autor als verbales Feuerwerk.

Eine Residenz für Autoren

Wenn Jaroslav Rudiš liest, gestikuliert er, zupft sich am T-Shirt, ordnet seine Frisur, um sie danach wieder desaströs zu zerstören, wippt im Takt des geschriebenen Worts. Vielleicht rührt diese Energie daher, dass der Autor im Rahmen der «Residenzen» der Landis und Gyr Stiftung genügend Zeit hatte, seine Batterien aufzuladen.

Nach der Wende zu Beginn der 1990er-Jahre beteiligte sich die Landis & Gyr Stiftung massgeblich am Aufbau der «Institutes for Advanced Study» in Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Sie trug damit zum innereuropäischen Austausch im geisteswissenschaftlichen Bereich und somit zur Annäherung zwischen Ost- und Westeuropa bei. Seit bald 20 Jahren werden ­insbesondere Schreibende aus (Süd-) Osteuropa für mehrmonatige Aufenthalte in das stiftungseigene Atelierhaus auf dem Klosterareal Maria Opferung nach Zug eingeladen. «Im Jahr 2011 wurde die Veranstaltungsreihe ‹Residenzen› ins Leben gerufen», erklärt Evelyne Lohm, Stipendienbeauftragte der Landis & Gyr Stiftung. «Die Leseabende bieten unseren schreibenden Gästen in Zug eine Plattform, um ihre Werke einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen», so Evelyne Lohm weiter.

Am Montagabend hat Jaroslav Rudiš aus seinem neusten Buch «Winterbergs letzte Reise» gelesen. Der tschechische Autor fasst das Werk, welches er komplett in deutscher Sprache geschrieben hat, wie folgt zusammen: «Winterberg ist 99 Jahre alt und leidet an der Geschichte. Er bittet seinen Krankenpfleger Jan Kraus, mit ihm eine letzte Reise zu machen, und zwar von Berlin nach Sarajevo über Prag, Wien und Budapest. Winterberg will noch etwas gutmachen, etwas auch begreifen.»

Ein brillanter Geschichtenerzähler

Wie sehr der Autor das Handwerk des Geschichtenerzählens beherrscht, wird klar, wenn man die ersten Seiten des Buches liest – oder am Montag in der glücklichen Lage war, es sich vorlesen zu lassen. Denn der Tscheche versteht es, auch in Deutsch facettenreich und farbig zu fabulieren, die Figuren sind liebevoll und detailliert gezeichnet, der Inhalt niemals geschwätzig. «Es ist ein sehr tragikomisches Buch für alle, die Züge, Geschichte, Mitteleuropa und Bahnhöfe mögen», so der Autor über sein über 500-seitiges Werk. «Und Bier!», ergänzt er lachend.

Ein Buch in Deutsch zu schreiben als «Nicht-Muttersprachler», ist eine Herausforderung. Der Autor aber relativiert: «Es war viel leichter, als man vielleicht denken würde. Zu meinem Land, Tschechien, gehören ja die beiden Sprachen. Viele in Tschechien waren früher zweisprachig. Ich mag die beiden Sprachen sehr und möchte in beiden Sprachen unterwegs sein. Ich lebe ja auch in beiden Ländern – in Deutschland und in Tschechien, in Berlin und in einem kleinen Ort Lomnice nahe Popelkou im ‹Böhmischen Paradies›, wie die Gegend heisst», führt Jaroslav Rudiš aus. Und ergänzt schon beinahe erwartungsgemäss: «Das Bier dort ist wirklich paradiesisch gut.»

Ein Buch in Deutsch zu schreiben als ‹Nicht-Muttersprachler›, ist eine Herausforderung.

Wie sicher er sich in der deutschen Sprache fühlt, spürt man auch daran, dass er sich traut, neue Wortschöpfungen zu kreieren, wie beispielsweise einen Berg zu «überschienen». Wenn also eine Eisenbahnschiene gelegt wird, dann ist das bei Jaroslav Rudiš ein klarer Fall von Überschienung. Amüsantes Detail: Wenn Rudiš frei spricht – und das tut er schnell und viel –, hört man wenig von seinem Akzent. Sobald er aber liest, ist die slawische Färbung markant und äusserst charmant.

Bahnfan auf dem Klosterareal

Seit August ist der kosmopolitische Autor nun «writer in residence» in Zug. Was macht man dort, im Klosterareal, wenn man nicht schreibt? Es sei ruhig, aber nie langweilig, erklärt der Autor. «Man geht viel spazieren. Man kocht. Man geniesst die Ruhe. Man geht auch ins Kino, wenn nicht in Zug, dann in Zürich. Und überdies bin ich am Nachmittag, als grosser Bahnfan, viel mit dem Zug unterwegs. Einfach so.» Jaroslav Rudiš ist auch nicht zum ersten Mal in der Schweiz. «Ich kenne das Land eigentlich ziemlich gut, ich habe ja schon 1994 kurz in Zürich studiert. Aber das stimmt – es ist sehr still hier bei uns oben. Daher treffen wir uns öfters am Abend, kochen und machen ein wenig Rock’n’Roll. Doch die Stille, die geniesse ich eigentlich sehr.»

An der Lesung hatte Moderator Martin Zingg unter anderem die Aufgabe, im unverbindlichen Talk die Essenz des Buches «Winterbergs letzte Reise» herauszufiltern. Kein Leichtes bei einem Autor, der ganz offensichtlich das Leben liebt, so über ziemlich alles Bescheid weiss und sich für fast alles interessiert, sich also nicht nur auf dem schriftstellerischen Parkett wohlfühlt. Die Reduktion auf das Wesentliche und dennoch den Autor spür- und erlebbar zu machen, ist Martin Zingg hervorragend gelungen; denn zwischen amüsanten Belanglosigkeiten ging es ja doch um eine schwierige Thematik: Tod, dramatische und längst verflossene Liebschaften, Politik und damit verbunden auch Krieg.

Faszinierend dabei war, wie durch das Gespräch die Welt des Autors transportiert wurde: Selbst belanglose, alltägliche Situationen wie Zugfahren sind durch die Augen eines Jaroslav Rudiš spannend, interessant und bunt.

Hinweis
Nächster «Residenzabend» im Burgbachkeller, Zug: Montag, 21. Oktober, 20 Uhr. Mit Christoph Ransmayr, Übersetzer und Schriftsteller, und Lajos Adamik, Übersetzer aus Ungarn.

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