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«Wenn es um ein Menschenleben geht, zählt jede Minute»

Ein tragischer Reitunfall in Unterägeri wirft Fragen zur Einsatzkoordination der Zuger Feuerwehren auf. Die zuständige Gebäudeversicherung Zug äussert sich nur zurückhaltend zum Vorfall. Nun beschäftigt sich auch die Politik mit dem Thema.
Rahel Hug

Matthias Merz ist noch immer tief betroffen, wenn er über den Vorfall vom 26. März spricht. Es war ein Montagnachmittag, als der 34-jährige Unterägerer mit einem Bekannten aus dem elterlichen Reitstall einen Ausritt ins Gebiet Sibrisboden machte.

Sein Kollege ritt einige Meter hinter ihm, als es passierte: Matthias Merz hörte einen Schrei, blickte zurück und sah, wie Pferd und Reiter eine Böschung hinunterfielen. Das Pferd blieb auf dem Oberkörper seines Kollegen liegen. «Das Ross regte sich nicht. So ein Tier ist etwa 600 Kilogramm schwer, ich konnte es also unmöglich bewegen», erzählt Matthias Merz.

Die Unfallstelle und die Feuerwehrstandorte

Merz alarmierte den Polizeinotruf 117. Es folgten bange Minuten des Wartens. «Nachdem ich etwa 11 Minuten am Telefon war, konnte ich das Pferd aufscheuchen. Ich merkte, dass mein Kollege bereits tot war.» Ein Schock für den jungen Mann. Das tragische Ereignis nagt an ihm - umso mehr, weil er das Gefühl hat, bei der Einsatzkoordination der Rettungskräfte sei einiges schief gelaufen.

«Es dauerte rund 20 Minuten, bis die ersten vor Ort waren. Es erschien mir wie eine Ewigkeit und ich fühlte mich allein», erzählt Merz. Nicht die Feuerwehr Unterägeri sei ausgerückt, sondern die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Zug (FFZ). «Das ist für mich unverständlich», sagt er. «Die Ortsfeuerwehr hätte in sieben Minuten vor Ort sein können.»

«Ortsfeuerwehr kennt das Gelände»

Er habe erfahren, dass bei Unfällen mit Personen offenbar die Regelung gelte, dass die FFZ und nicht die jeweilige Ortsfeuerwehr ausrücken müsse. «Dabei hätte die Feuerwehr Unterägeri eine professionelle Ausbildung und kennt zudem das Gelände am besten. Vielleicht hätte aber in diesem Fall auch schon reine Manpower etwas genützt.» Dass ein früheres Eintreffen der Rettungskräfte etwas an der Situation geändert hätte, bezweifelt Merz. «Ich finde einfach generell, dass jede Minute zählt, wenn es um ein Menschenleben geht. Dies auch im Hinblick auf allfällige künftige Unfälle.»

Ausserdem frage er sich, weshalb die Zuger Polizei den tödlichen Unfall nicht kommuniziert habe. «Es bleibt das ungute Gefühl, dass hier etwas unter den Teppich gekehrt werden soll. Ich habe zudem den Eindruck, dass die Feuerwehren des Ägeritals von der Gebäudeversicherung nicht wirklich ernst genommen werden.» Das Ereignis habe im Dorf zu reden gegeben, der Unmut in der Bevölkerung sei gross.

SVP-Kantonsrat hat Interpellation eingereicht

Das bestätigt Thomas Werner, SVP-Kantonsrat aus Unterägeri. «Ich bin mehrmals darauf angesprochen worden», sagt er. Er hat am 30. April eine Interpellation zum Thema eingereicht. «Je schneller Hilfe vor Ort ist, desto besser», schreibt er im Vorstoss einleitend. «Es erscheint unlogisch und nicht effizient, wenn bei einem Unfall im Ägerital die FFZ und nicht die Feuerwehr Unterägeri oder Oberägeri, welche viel schneller vor Ort wären, alarmiert werden.»

Werner will von der Regierung unter anderem wissen, wie die Alarmierungskette im Kanton Zug im Detail funktioniert und welche Einsatzzentralen involviert werden. Zum konkreten Fall fragt er, warum die Feuerwehr Unterägeri nicht aufgeboten worden sei. Und weiter: «Sieht der Regierungsrat Handlungsbedarf, damit die Bergregionen im Kanton Zug in Notfällen besser versorgt werden?»

Werner ergänzt, dass es in der Vergangenheit auch Fälle gegeben habe, in denen man lange auf den Rettungsdienst habe warten müssen. «Im Ägerital fühlen wir uns in dieser Hinsicht etwas abgeschnitten», sagt er. Bei medizinischen Notfällen oder Unfällen könne man es sich nicht leisten, Zeit zu verlieren. «Die Regelungen müssen dringend überprüft werden.»

Ein Maulkorb für die Feuerwehr?

Marco Lüthold, der Kommandant der Feuerwehr Unterägeri, äussert sich nicht zum Thema. Er verweist auf die Gebäudeversicherung Zug. Roland Fässler, Leiter Feuerwehr und Feuerwehrinspektor, gibt Auskunft, allerdings zurückhaltend. Im Zusammenhang mit dem Reitunfall sei eine Interpellation eingereicht worden. «Weil ich der Beantwortung nicht vorgreifen möchte, verzichte ich auf eine umfangreiche Stellungnahme», schreibt er.

Fässler führt aber aus, wie der allgemeine Alarmierungsprozess aussieht. Gemäss kantonalem Feuerschutzgesetz unterhalte jede Gemeinde eine den örtlichen Verhältnissen angepasste Feuerwehr. «Gewisse Aufgaben und Mittel werden kantonal und zentral geregelt.» Diesbezüglich seien der FFZ, zusätzlich zu ihren Aufgaben als Ortsfeuerwehr der Stadt Zug, vom Kanton die Aufgaben der kantonalen Stützpunkt-Feuerwehr übertragen worden. Dazu gehören laut Fässler beispielsweise die Unterstützung der Ortsfeuerwehren bei Brand- und Elementarereignissen mit zusätzlichen Mitteln, technische Hilfeleistungen oder Strassenrettungen.

Je nach Einsatzart würden die entsprechend benötigten Einsatzkräfte und Mittel nach vordefinierten Alarmierungsdispositiven durch die Einsatzleitzentrale alarmiert. «Den Alarmierungsprozess ‹Feuerwehr› analysieren wir laufen», so Fässler. «Wenn wir einen Handlungsbedarf feststellen, initiieren wir entsprechende Anpassungen.» Beim Vorfall «Personenrettung» würden der Stützpunkt und die Ortsfeuerwehr mit den entsprechenden Mitteln sowie der Rettungsdienst aufgeboten.

Aus Unterägeri hört man, die lokale Feuerwehr habe in dieser Sache einen Maulkorb verpasst bekommen. Dazu äussert sich Roland Fässler wie folgt: «Die Rede- und Meinungsfreiheit erachte ich als ein Grundrecht, weshalb es mir fern liegt Maulkörbe zu verpassen. Gegenüber nicht Beteiligten möchte ich nach Möglichkeit einheitlich kommunizieren können, sodass keine Gerüchte und Falschmeldungen durch widersprüchliche Aussagen entstehen.»

Pikett-Offizier entscheidet über Aufgebote

Was die Fragen zum konkreten Fall in Unterägeri betrifft, verweist der Feuerwehrinspektor an die Zuger Polizei. Die Kommunikationsverantwortliche Judith Aklin führt aus, wie die Alarmierungskette funktioniert. Bei Personenrettungen und -bergungen werde im Kanton Zug gemäss Vorgaben des Feuerwehrinspektorats zuerst die Stützpunktfeuerwehr Zug (FFZ) durch die Einsatzleitzentrale der Zuger Polizei alarmiert.

«Der Pikett-Offizier der FFZ entscheidet über die notwendigen Aufgebote und teilt dies dem Disponenten auf der Einsatzleitzentrale mit.» Danach würden die geforderten Aufgebote durch die Einsatzleitzentrale der Zuger Polizei erfolgen. Konkrete Fragen zum Vorfall in Unterägeri, so Aklin, würden durch die hängige Interpellation beantwortet.

Und weshalb hat die Zuger Polizei den tragischen Unfall nicht kommuniziert? «Die Medienstelle kommuniziert, wenn das Gesetz es erlaubt und ein Ereignis von öffentlichem Interesse ist und nicht überwiegende private oder ermittlungstaktische Interessen gegen eine Kommunikation sprechen», erklärt Judith Aklin. In der Regel kommuniziere man beispielsweise Verkehrsunfälle mit Todesopfern oder Schwerverletzten, schwere Verkehrsdelikte oder Ereignisse von grossem Ausmass.

«Es gibt auch schwerwiegende Ereignisse, die wir aus Rücksicht auf Opfer, Angehörige oder auch aus ermittlungstaktischen Gründen nicht kommunizieren können. Dazu gehören beispielsweise aussergewöhnliche Todesfälle, bei denen eine strafbare Handlung ausgeschlossen werden kann.» Beim Reitunfall in Unterägeri habe es sich um einen solchen aussergewöhnlichen Todesfall gehandelt.

Die Geschichte erinnert an einen Vorfall im Jahr 2015. Damals hatte sich ein Auto bei einem Sturz über eine Böschung in Oberägeri mehrmals überschlagen. Es sorgte bei der Oberägerer Feuerwehr für Ärger, dass die Ortsfeuerwehr nicht informiert wurde. Die FFZ habe damals den Unfallort zunächst nicht gefunden und sich verfahren, hiess es seitens der Feuerwehr Oberägeri.

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