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Hünenberger Jugendliche verzichten eine Woche aufs Smartphone

Ein Leben ohne Smartphone, Computer und Gamekonsole? Für viele heute kaum mehr vorstellbar. Die Klasse von Martin Suter hat den Versuch gewagt und verzichtet für eine Woche. Vier Schüler erzählen.
Sara Schenker, Marvin Durrer, Jonas Schunk und Richard Schäli (von links) und ihre Klassenkameraden machen mit beim Projekt Flimmerpause. (Bild: Stefan Kaiser (Hünenberg See, 11. Juni 2019))

Sara Schenker, Marvin Durrer, Jonas Schunk und Richard Schäli (von links) und ihre Klassenkameraden machen mit beim Projekt Flimmerpause. (Bild: Stefan Kaiser (Hünenberg See, 11. Juni 2019))

230 ungelesene Whatsapp-Nachrichten und 50 E-Mails, die auf eine Beantwortung warteten. Dies die Bilanz des Sechstklässlers Richard aus Hünenberg, als er vor einem Jahr für eine Woche sein Handy ausgeschaltet gelassen hatte. Nicht ganz freiwillig, der «Smartphone-Entzug» erfolgte im Rahmen des Projekts Flimmerpause. Dieses wird heuer zum zweiten Mal im Kanton Zug umgesetzt. Vom 10. bis zum 16. Juni verzichten die teilnehmenden Zuger Schulklassen und Familien auf Bildschirmmedien, um den eigenen Medienkonsum zu reflektieren. Also eine Woche ohne Handy, PC, Spielkonsole und Fernseher.

Mit von der Partie ist auch die 5./6. Klasse von Martin Suter im Kemmatten-Schulhaus. Richard Schäli, Sara Schenker, Marvin Durrer (alle 12) und Jonas Schunk (11) haben sich bereit erklärt, darüber zu sprechen, was sie von der Flimmerpause halten. «Unter all den Nachrichten, die ich bekomme, ist viel Müll», sagt Richard und nimmt Bezug auf die eingangs erwähnte Erfahrung aus dem letzten Jahr. «Trotzdem staut es sich auf, und bei einigen Nachrichten ist es unanständig, nicht zu antworten.» Generell finde er aber die Flimmerpause ein gutes Projekt. Dem pflichtet Sara bei. «Viele Kinder in unserem Alter sind sehr oft am Handy. Durch die Flimmerpause gehen wir wieder mehr raus und treffen Freunde.» Auch Jonas sagt: «Ich überlege mir mehr, was man sonst noch machen könnte. Am Wochenende war ich mit meinem Vater Minigolfen und habe nie an das Smartphone gedacht.» Für Marvin war die Umstellung ziemlich schwierig. «Wenn meine Kollegen keine Zeit zum Abmachen haben, verbringe ich viel Zeit am Handy», bekennt der Schüler.

Youtube-Filme, «Fortnite» und Instagram

Im Gespräch mit den vier Jugendlichen wird klar: Das Handy ist für die meisten der wichtigste «Bildschirm», gefolgt vom Computer und der Spielkonsole. Mit Whatsapp wird kommuniziert, Youtube-Filme sind hoch im Kurs, genau wie bei einem Grossteil der Jungs das Game «Fort­nite». Soziale Medien wie Instagram sind auch ein Thema, aber nicht ganz so wichtig.

Dies bestätigt der Klassenlehrer Martin Suter. In der 5. Klasse hätten erst etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler ein Smartphone, in der 6. Klasse schliesslich fast alle. Das Ziel des Projektes liegt für Suter darin, zu sensibilisieren. «In der heutigen Zeit ganz ohne Bildschirme auszukommen, geht wohl nicht. Es ist ein Experiment, mit dem der sinnvolle Umgang gelernt werden soll. Wenn ein Kind nur schon merkt, dass ohne das Handy Langeweile aufkommt, kann das ein kleiner Erfolg sein.» Bei der Umsetzung ist der Primarlehrer nicht päpstlicher als der Papst, denn ob sich die Schüler zu Hause an die Regeln halten, kann er nicht kontrollieren. Im Unterricht und auf dem Schulareal sei das Handy eh verboten, schildert Suter. Seine Schüler haben einen Vertrag unterschrieben, in dem sie sich verpflichten, die Nutzung des Mobiltelefons auf das Nötigste zu reduzieren und den Fernseher und die Spielkonsolen ganz ausgeschaltet zu lassen. «Wie das Projekt umgesetzt wird, hängt massgeblich von den Eltern ab», führt Suter aus.

Die Eltern von Sara machen selber auch mit, wie sie erzählt. Auch das Mobiltelefon von Richard liegt in einer Schachtel versorgt und bleibt ausgeschaltet. Jonas hat sein Handy seiner Mutter abgegeben. Marvin braucht es zeitweise, wenn auch stark reduziert. «Eigentlich nur, um Musik zu hören», wie er erklärt. Es zeigt sich: Die vier Schüler sind sich sehr wohl bewusst, welche Auswirkungen zu viel «Flimmerei» haben kann. «Es entsteht ein sozialer Druck, wenn immer alle miteinander schreiben», sagt beispielsweise Richard. Für jene, die noch kein Smartphone haben, sei dies eine schwierige Situation. Auch gegenüber sozialen Medien sind sie kritisch eingestellt. «Viele Instagram-Bilder von Promis sind eh bearbeitet oder nicht echt», sind sich Richard und Sara einig. Eine Weile auf Instagram zu verzichten, falle ihm gar nicht schwer, so Marvin. Und: «Wenn wir in die Badi gehen, dann bleibt das Handy fast immer in der Tasche», erklärt Jonas. «Es ist wichtig, miteinander zu reden und die Zeit zu geniessen.»

Das Handy des Lehrers bleibt in der Schublade

Das Projekt Flimmerpause bringt nicht nur die Schüler zum Nachdenken, sondern auch die Lehrpersonen. Martin Suter sagt: «Ich achte selber stärker darauf. Das Handy lasse ich öfters in der Schublade. Und ich versuche, im Unterricht den Einsatz von Bildschirmen zu reduzieren.» Ganz ohne gehe es aber nicht, nur schon weil man interaktive Wandtafeln habe und der Computer das wichtigste Arbeitsgerät der Lehrpersonen sei. Am Schluss der Woche wird der Lehrer eine Auswertung vornehmen, die Schüler werden eine Art «Flimmerpause-Protokoll» ausfüllen. Wie viele ungelesene Nachrichten Richard dieses Mal wohl auf seinem Smartphone finden wird?

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