Leserbrief

Wer kennt denn noch Simone de Beauvoir?

«Die Rettung seiner Ehre», Ausgabe vom 14. März

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Wenn ich Briefe von und an Philipp Etter aus den 30er-Jahren lese, dann fällt mir auf, dass es von Männlichkeit nur so strotzt. Tatkraft, Mut usw., sind männliche Tugenden. Auch in seinen Reden an das Schweizer Volk 1939 ist von Vaterschaft, von mannhaftem Volk, von staatsmännischer Handlung die Rede, die geistige Vaterschaft ist wichtig. Wenn die Frau erwähnt werden musste, dann nicht als Schweizerin oder Bürgerin, sondern als Mutter, als Inhaberin der mütterlichen Fruchtbarkeit. Ich will damit Etter nicht Frauenfeindlichkeit vorwerfen, denn es steht weder in der Biografie von Thomas Zaugg noch in seinen Reden von 1939 oder von 1953 etwas Negatives von ihm gegenüber den Frauen. Er war ein Kind seiner Zeit und musste auch danach handeln. Frauen sind geachtet, als Mütter. Dies hatte sich übrigens 1949, als Simon de Beauvoir das «andere Geschlecht» veröffentlichte, noch nicht geändert! Die Frau wurde vor allem als Mutter wahrgenommen. Das «andere Geschlecht» ist übrigens auch heute noch äusserst lesenswert, wobei man als Mann wohl offenen Geistes sein muss, um etwas zu profitieren.

Um was es mir geht, ist, dass die Frauen im Vergleich zu 1939 oder 1949 wohl massiv profitiert haben. Eine solche Sprache würde wohl kein Politiker mehr verwenden, und auch von den Zuständen betreffend die Situation der Frau, wie von de Beauvoir beschrieben, sind wir meilenweit entfernt. Es geht mir aber nicht darum, nun zu behaupten, alles sei in Butter. Rechtlich, gesellschaftlich sind wir von einer Gleichstellung noch weit entfernt. Die Zeit, in der sich Mann und Frau unter Akzeptanz der biologischen und mentalen Unterschiede auf Augenhöhe respektvoll begegnen, ist noch nicht angebrochen. Aber, wenn Genderprofessorinnen Zeit haben, sich mit gendersprachlichen Forderungen lächerlich zu machen, in der irrigen Annahme, dass man mit der Form den Inhalt ändern kann, dann stimmt etwas mit der Stossrichtung des Feminismus nicht mehr! «Le Deuxième Sexe» lautet der Originaltitel des Werkes, «Das andere Geschlecht». Die Übersetzung von 1951 spricht jedoch nicht vom zweiten Geschlecht, denn damit würden die existenzialistischen Wurzeln dieses Werkes verkannt und ich hege die Befürchtung, dass ein Grossteil der heutigen Genderanhängerinnen erstens null Ahnung vom Existenzialismus haben und somit zweitens Simon de Beauvoir gar nicht verstehen – wenn sie sie überhaupt noch kennen.

Michel Ebinger, Rotkreuz