So lauern Zuger Jäger den Hirschen auf

Ab Montag, 2. September, streifen 151 Jägerinnen und Jäger durch die Zuger Wälder, um Hirsche zu jagen – nur wenige von ihnen haben dabei Aussicht auf Erfolg.

Fabian Gubser
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Gut vorbereitet für die startende Hirschjagd: Jäger Armin Iten beim Üben in Unterägeri. (Bild: Roger Zbinden, 31. August 2019)

Gut vorbereitet für die startende Hirschjagd: Jäger Armin Iten beim Üben in Unterägeri. (Bild: Roger Zbinden, 31. August 2019)

Armin Iten legt an und nimmt sich Zeit. Die Sonne steht im Zenit, ihm ist heiss in seiner Jagdausrüstung, denn neben festem Schuhwerk sind lange Hosen Pflicht. Plötzlich hört Iten für einen Augenblick zu atmen auf und – schiesst. Peng! Mit Schallgeschwindigkeit tritt das sieben Millimeter breite Geschoss aus dem Lauf seines Jagdgewehrs aus und schlägt fast gleichzeitig in der 100 Meter entfernten Zielscheibe ein. Auf dem Bildschirm seiner Kollegen, die sich hinter ihm auf einer Bank postiert haben, leuchtet ein Punkt auf. Getroffen, ein 10i!

Iten ist einer von rund 151 Jägerinnen und Jägern, die dieses Jahr im Kanton Zug Hirsche jagen (siehe Box). Um sich darauf vorzubereiten, trainierte er am Samstag ein letztes Mal am Vereinsschiessen des Zuger Patentjägervereins bei der Chuewart in Unterägeri. «Die Nervosität steigt mit jedem Tag», sagt der Familienvater aus Morgarten beim Gespräch auf dem Feld. Gleichzeitig freut er sich natürlich auch auf die Chance, eines der bis zu 150 Kilogramm schweren und damit grössten Tiere im Zuger Wald erlegen zu können.

Das «Anhocken» und die Treibjagd

«In der ersten Woche werde ich immer auf der Pirsch sein, ab der zweiten je nach Möglichkeit», sagt der selbstständig Erwerbende. Dabei wende man zwei Strategien an: Beim sogenannten «Anhocken» etwa ist der Jäger am Waldrand oder in der Nähe von Pfaden, welche Hirsche oft benutzen, auf der Pirsch. Die Tiere sind vor allem an entsprechenden Spuren erkennbar. Das Warten erfordert viel Geduld.

Bei der Treibjagd hingegen treiben Jäger die Hirsche auf die rundherum wartenden Kollegen zu. «Wir umstellen sozusagen einen Waldteil», erklärt Iten. Dabei habe der Hirsch jedoch gute Chancen zu entkommen, weil er sehr intelligent sei. Nimmt man die Abschusszahlen von vergangenem Jahr zur Hand, beträgt die Wahrscheinlichkeit für einen Abschuss im Kanton Zug nur einen Drittel.

Trotzdem ist es heute weniger schwierig als früher, einen Hirsch zu erlegen. Denn: «Der Hirschbestand im Kanton wächst», sagt Alfred Meier, Präsident des Zuger Patentjägervereins, der – begleitet von seinem zutraulichen Nachsuchehund Artus – durch das Gelände führt. Im 19. Jahrhundert war der Rothirsch in der Schweiz ausgerottet. Danach haben sich die Bestände langsam wieder erholt, vor allem durch die Zuwanderung von Österreich. «Im Kanton Zug dürfen wir Hirsche erst seit 1972 wieder jagen – vorher gab es zu wenige.» Das Ziel der Jagd sei es, die Grösse der aktuellen Population zu erhalten. Wie viele Tiere dies sind, lässt sich nicht genau sagen, weil die Tiere zwischen ihrem Winterquartier und ihrem höher gelegenen Sommerquartier Distanzen von bis zu 30 Kilometern zurücklegen – oft kantonsübergreifend, beispielsweise von Zug nach Schwyz. Bei der letzten jährlichen Zählung seien in Zug deutlich über 120 Tiere gesichtet worden, sagt Meier.

Entscheid innert Sekunden

Zurück zur Kunst des Jagens. Ergibt sich endlich die Chance, einen Schuss abzugeben, ist schnelles Handeln gefragt. Solche Momente kommen während der gesamten Hirschjagd nur ein oder zwei Mal vor (!). In wenigen Augenblicken muss der Jäger erkennen, ob das Tier zum Abschuss frei ist (siehe Box). Im Fachjargon wird dies «Ansprechen» genannt. Dabei spielt vor allem die Kopfform eine Rolle. Das Schwierigste ist das Ansprechen von nicht führenden Hirschkühen – darum werden tendenziell zu wenige von ihnen erlegt.

Mittlerweile ist Armin Iten fertig mit dem Schiesstraining. Sein Ziel: Ein Abschuss schon in der ersten Woche. Bis jetzt hat er, der letztes Jahr die Jagdprüfung bestanden hatte, noch keinen Zuger Hirsch erlegt. Sollte ihm kein Erfolg beschert sein, so ergibt sich schon Anfang Oktober die nächste Gelegenheit, um auf die Pirsch zu gehen: Dann startet nämlich die Rehjagd.

Wann und wieso gejagt wird

(gub) «Die Hirschjagd dauert im Kanton Zug vom 2. bis 24. September», sagt Priska Müller, Leiterin Amt für Wald und Wild. Im Visier seien geweihtragende Hirsche, sogenannte «Schmaltiere» (weibliches Rotwild im zweiten Lebensjahr) und nicht führende Hirschkühe. «Führend» meint, dass die Hirschkuh ihr Kalb begleitet. Ab dem 16. September darf zusätzlich auf Kälber angelegt werden. Insgesamt 151 Jägerinnen und Jäger sind dem Rotwild auf der Spur – sie legen sich vorwiegend in den Berggebieten auf die Pirsch. Die Jagd findet jeweils montags, dienstags, mittwochs und samstags statt. Für die Sicherheit sind die Jäger zuständig – die Bevölkerung hat keine besonderen Regeln zu befolgen. Das diesjährige minimale Abschussziel liegt bei 37 Tieren. «Ein Maximum ist nicht festgelegt, wird aber über die Zahl der Jagdtage gesteuert», sagt Priska Müller. Errechnet werde das Abschussziel mit Zählungen durch die Jäger und die drei kantonalen Wildhüter im Frühling.

Und wieso wird überhaupt gejagt? «Damit wollen wir Schäden am Wald verhindern. Denn die Hirsche fressen – genau wie Rehe – gerne die Keimlinge von Jungbäumen.» Zudem habe die Jagd Tradition und mache die Nutzung einer natürlichen Ressource möglich. Letztes Jahr lag das Jagdziel bei 30 Hirschen. Mit 51 tatsächlich erlegten Tieren wurde damals ein neuer kantonaler Rekord aufgestellt.