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Wie ein Zuger Barbier vor Saddams Giftgasbomben flüchtete

Arkan Nuri ist in den Wirren des Iran-Irak-Kriegs geboren, schützte sich mit Holzkohle und Salz gegen Giftgas und liess sich als Dreizehnjähriger von Schleppern aus seiner Heimat führen. Eine Geschichte über eine Flucht, die in der Zuger Altstadt endete.
Pascal Studer
Arkan Nuri schnürt seine Barbier-Schürze in seinem Geschäft in der Zuger Altstadt. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 23. September 2019)

Arkan Nuri schnürt seine Barbier-Schürze in seinem Geschäft in der Zuger Altstadt. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 23. September 2019)

Arkan Nuri lacht, als ihn ein Mädchen in der Zuger Altstadt begrüsst. «Wie geht es dir?», fragt er sie lächelnd, als er sich zu ihr hinunterbeugt und sie sich gegenseitig zur Begrüssung abklatschen. Sie sei Schwimmen gewesen, erzählt sie. Ihr Haar ist noch immer etwas feucht, ihre blauen Augen strahlen: Sie freut sich offensichtlich, Nuri zu sehen.

Das Mädchen ist Nuris Nachbarin. Zusammen mit anderen Kindern würden sie sich in seinem Barbier-Laden in der Zuger Altstadt manchmal mit Capri Sonne bedienen, erklärt er. Dann öffnen die Kinder jeweils den Kühlschrank, der gleich neben dem Ladeneingang an der Ober Altstadt 14 steht, während der 35-jährige Nuri leichtfüssig um den roten Friseurstuhl herumgeht, mit Scheren und Kämmen seine Kunden perfektionistisch frisiert: «So zeige ich ihnen mein Werk». Seine Wortwahl verdeutlicht sein künstlerisches Arbeitsethos.

Inzwischen wird das Mädchen zu Hause angekommen sein. Wahrscheinlich hat ihre Mutter ihr Abendessen gekocht. Vielleicht erzählt sie ihren Geschwistern, wie sie heute vom Sprungturm des Seebads Seeliken gehüpft ist, ihren ganzen Mut zusammengenommen hat. Arkan Nuri wird an diesem Abend erzählen, wie er in ihrem Alter um sein Leben fürchten musste.

Mit Holzkohle und Salz gegen Giftgasbomben

Nuri sitzt im Althus Bistro und nippt an seinem Espresso. Es dunkelt langsam ein auf dem Landsgemeindeplatz. Seine makellos weissen Zähne blitzen auf, als er von seiner Kindheit erzählt, zunächst über den Iran-Irak-Krieg, zu dessen Zeit er 1984 geboren wurde. Dann schildert er, wie sich Saddam Hussein Giftgasbomben bediente, um das kurdische Volk im Norden Iraks auszulöschen. Nuri ist Kurde, die Bomben galten auch ihm. Er erzählt, wie seine Familie eigenständig Atemschutzmasken zusammenschusterte, ein simples Stoffstück mit Gummizügen, gefüllt mit Holzkohle und Salz, um das Gift vor dem Eindringen in die Atemwege abzuhalten. Wenn die Sirenen durch seine Heimatstadt Sulaimaniyya dröhnten, befand er sich jedes Mal in Lebensgefahr.

Sein muskulöser Körper bleibt ruhig, als er sich an seine Kindheit erinnert. Innerlich dürfte er beben. «Ich hatte Todesangst», sagt er mit leiser Stimme. Mit 12 Jahren entschied er sich, zu flüchten.

«Damit wir überleben»

Seine Familie, seine Freunde, den Barbier-Laden, in dem er schon mit 11 Jahren beginnt, zu arbeiten: Dies alles lässt er zurück, als er sein Vorhaben ein Jahr später in die Tat umsetzte. «Um mein Leben selber in die Hände zu nehmen», sagt Nuri. Er verlässt mit einer kleinen Gruppe von sieben Personen, zu der auch sein Cousin und ein Schlepper gehört, sein Heimatland und gelangt über den Iran in die Türkei. Dann flüchtet er mit einem anderen Schlepper nach Griechenland. Nuri erzählt: «Wir hatten wochenlang kein Essen, haben Weinblätter in dreckigem Wasser aufgekocht und getrunken. Damit wir überleben.» Krankheit, Hunger, Tod: Nuris Leben hing an seidenem Faden.

Während seiner Flucht landete Nuri mehrmals im Gefängnis. Dort hat man ihn meistens normal behandelt. Manchmal hätten ihn die Gefängniswärter aber getreten oder gar mit einer Kalaschnikow geschlagen. Ob er dann medizinisch versorgt wurde? Nuri blickt ungläubig und sagt:

«Medizinische Versorgung gab es keine, auch wenn du manchmal stark geblutet hast.»

Auf eigene Faust schafft es Nuri trotzdem nach Griechenland. Er kommt in Thessaloniki an, fährt mit dem Bus weiter nach Athen. Weil er aber nach Patra will, um dort über das Meer nach Italien zu gelangen, braucht er Geld. Er gewinnt ein Billard-Turnier, handelt mit Zigaretten. Dann fälscht er einen französischen Pass. In Patra angekommen, hilft ihm ein Kapitän, sich auf seinem Schiff zu verstecken. «Ein Engel», sagt Nuri, als er sich an die Überfahrt nach Italien erinnert.

Nuri ist Zuger geworden

Bevor Nuri in die Schweiz kommt, geht seine Flucht weiter über die Niederlande und dann nach Deutschland. Für fast zwei Jahrzehnte lebt er in Deutschland, arbeitet dort unter anderem bei Burger King. Sein Cousin überredet ihn dann, in die Schweiz zu kommen, und hilft ihm, in der Zuger Altstadt seinen Barber-Laden zu eröffnen. Dort arbeitet er seit bereits dreieinhalb Jahren als Selbständiger. Dank seines deutschen Passes ist er in der Schweiz nicht mehr Flüchtling, sondern ein normaler Einwanderer und entsprechend arbeitsberechtigt.

Die Beleuchtung auf dem Aussenplatz des Bistros hat mittlerweile eingesetzt. Nuri lehnt sich auf seinem Stuhl etwas zurück, sein Espresso ist schon lange leer. Was für ihn Heimat bedeute? Seine Hände streichen über seine fein tätowierten Arme. «Du hast natürlich immer deine Familie. Aber hier in Zug bin ich erstmals in meinem Leben glücklich.» Seine Mutter habe er erst wiedergesehen, als er bereits ein erwachsener Mann war. Sie habe ihn nicht mehr erkannt. «Da kriege ich sofort Gänsehaut», sagt er. Der Ausdruck in seinen hellbraunen Augen spricht Bände.

Sein Leben hat Nuri in Zug aufgebaut. Er ist seit Kurzem in festen Händen, hat zudem eine treue Kundschaft. «Ich liebe jede einzelne Person, die mir hier den Rücken gestärkt hat. Auf meine Kundschaft bin ich wirklich stolz», sagt der Mann, der als Junge vor dem Krieg geflüchtet war – und nun endlich in Zug seine Heimat gefunden hat.

Vom Ersten Golfkrieg bis zur tödlichen Wirtschaftsblockade – der Irak ist ein gebeuteltes Land

Als Arkan Nuri 1984 als jüngstes Kind in eine irakische Grossfamilie hineingeboren wurde, tobte im Nahen Osten der Iran-Irak-Krieg – häufig auch Erster Golfkrieg genannt. Der Konflikt zwischen den historischen Rivalen dauerte rund acht Jahre und kostete etwa einer Million Menschen das Leben. Zu Beginn des Kriegs unterstützten die westlichen Länder den Irak und lieferten grosse Mengen an Rüstungsgütern nach Bagdad. Berühmt dürfte das Bild des ehemaligen Sondergesandten im Irak und späteren US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sein, der 1983 dem irakischen Diktator Saddam Hussein kollegial die Hand schüttelte. Im späteren Kriegsverlauf schwenkten die USA jedoch um und unterstützten den Iran mit teilweise illegalen Waffenverkäufen. Die amerikanische Schaukelpolitik akzentuierte sich exemplarisch in der Iran-Contra-Affäre.

Zum Ende des Iran-Irak-Kriegs richtete sich Saddam Husseins Zorn gegen das eigene Land. In der Operation Anfal bombardierte er die kurdische Bevölkerung im Norden Iraks mit Giftgas. Um dem Genozid eine religiöse Legitimation zu geben, wurde für die Bezeichnung der Gräueltat das Wort «Anfal» verwendet, welches aus der achten Sure des Korans stammt und übersetzt «Beute» bedeutet. So sollte die Zustimmung der religiösen Sunniten gefördert werden. Gemäss der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kamen bei den Bombardierungen fast 100'000 Kurden um, tausende Dörfer wurden komplett zerstört. Die Organisation deklarierte die Angriffe folglich als Völkermord. Besonders stark gelitten hatten damals die irakischen Kinder: Wie aus einer Studie der wissenschaftlichen Zeitschrift European Child & Adolescent Psychiatry hervorgeht, wurden neun von zehn Kinder stark traumatisiert. Die Operation Anfal dauerte vom 23. Februar bis 6. September 1988.

Als am 2. August 1990 Saddam Hussein seiner Armee befahl, in Kuwait einzumarschieren und der UN-Sicherheitsrat vier Tage später als Konsequenz entschied, eine Wirtschaftsblockade gegen den Irak zu verhängen, verschlimmerte sich die Lage grassierend. Der Irak verlor 97 Prozent aller Importe und 90 Prozent aller Exporte, was einer faktischen Lahmlegung der Handelsbeziehungen gleichkam. Zeitweise wurde sogar die Einfuhr von Nahrungsmitteln, Impfstoffen oder anderen wichtigen Medikamenten untersagt. Gemäss dem deutschen Nahost-Experte Michael Lüders war selbst Aspirin teilweise nur noch auf dem Schwarzmarkt und zu horrenden Preisen erhältlich. Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass mehrere hunderdtausend irakische Kinder aufgrund des UN-Wirtschaftsembargos gestorben seien.

Der ehemalige irische UN-Diplomat Denis J. Halliday, der damals als höchster humanitärer Funktionär im Irak tätig war, war überzeugt, dass das Embargo der Vereinten Nationen «die Tatbestände des Völkermords erfüllt.» Bezugnehmend auf Daten des Kinderhilfswerks UNICEF sagte er, es würden im Irak aufgrund des Embargos «bis zu 5000 Kinder monatlich sterben». Er wolle nicht für ein Programm verantwortlich sein, das zu solchen Zahlen führe. Halliday, wie auch sein Nachfolger Hans-Christof von Sponeck, traten aufgrund der Folgen der Wirtschaftsblockade auf die unschuldige Zivilbevölkerung als humanitäre Koordinatoren aus Protest zurück. Das Embargo dauerte insgesamt 13 Jahre. (stp)

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