Musik
Die Wiedergeburt des Komponisten Joachim Raff

Alles im gleichen Konzert: Begegnung mit dem Komponisten Joachim Raff, Gastspiel des Cello-Solisten Julian Steckel, ausgezeichnete Gesamtleistung der Zuger Sinfonietta und erfreulich zahlreiches Publikum.

Jürg Röthlisberger
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Cellist Julian Steckel und die Zuger Sinfonietta überzeugten in Schumanns Cellokonzert in a-Moll.

Cellist Julian Steckel und die Zuger Sinfonietta überzeugten in Schumanns Cellokonzert in a-Moll.

Matthias Michel als Präsident der Zuger Sinfonietta eröffnete die neue Saison, indem er den damals mittellosen Schweizer Komponisten Joachim Raff (1822–1882) mimte, welcher nach Basel marschiert war, um dort sein Idol Franz Liszt zu treffen. Als Rahmen des ersten Abo-Konzerts im Chamer Lorzensaal erlebte das Publikum gleich zwei Werke zum 200-Jahr-Jubiläum des gegen Ende seines Lebens sehr berühmten, aber im 20. Jahrhundert weitgehend vergessenen schweizerisch-deutschen Tondichters.

Seit 1972 bemüht sich eine Joachim-Raff-Gesellschaft unter der Leitung des Lacheners Res Marti mit einigem Erfolg um eine Wiederbelebung des umfangreichen Werkes. Dass die Zuger Sinfonietta gleich zwei Werke brachte, war kein Zufall: Intendant Lion Galluser ist Vorstandsmitglied der Joachim-Raff-Gesellschaft, und ihr Archiv-Mitarbeiter Severin Kolb präsentierte die Konzert-Einführung.

Das Charakterstück «Abends», Opus 163b, war als Konzertabschluss die Umarbeitung eines Klaviersatzes hochromantischer Stimmung in einen dichten Orchesterklang. Die zu Beginn gespielte Ouvertüre «Die Eifersüchtigen» gehörte zu einer kurz vor dem Tod geschriebenen Oper, welche vor wenigen Wochen in Arth-Goldau ihre Uraufführung erlebte – also fast 150 Jahre nach ihrer Komposition.

Dirigent Daniel Huppert verstand es ein weiteres Mal, in sehr kurzer gemeinsamer Vorbereitungszeit mit den Profis einen homogenen, in sich geschlossenen Klangkörper zu formen. Seine Präsenz im Konzert konzentrierte sich voll auf die Gestaltung, was mit diesem Ensemble voll gelang; ein Laienensemble wäre durch den nicht immer vollständigen Nachvollzug der rhythmischen Strukturen wohl überfordert gewesen.

Musikalisch und technisch abgerundet

Eigenartige Formen beherrschten das Cellokonzert in a-Moll, Opus 129, von Robert Schumann. Julian Steckel – er war übrigens einigen Leuten vom «Sommerklänge»-Quartett am 17. Juli dieses Jahres bekannt – erbrachte eine in gleicher Weise musikalisch und spieltechnisch abgerundete Leistung.

Ebenbürtig gestaltete er aus den drei nahtlos ineinander übergehenden Sätzen die wilden Sprünge des Finales neben dem viel schlichteren Mittelsatz, wo er mit gegenseitig angepasstem Klang vom Orchester-Cellisten Jonas Iten sekundiert wurde. Obwohl Robert Schumann selber kein Streichinstrument spielte, kam sein Begleitsatz unter kundiger Führung durch den Dirigenten dem möglichen Klangvolumen des Solisten entgegen. Stets wirkte das Gleichgewicht natürlich und in sich abgerundet.

Noch um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts galten die ungradzahligen Beethoven-Sinfonien – unter der Führung der Fünften und der Neunten – grundsätzlich als musikalisch bedeutender verglichen mit den Gradzahligen. Gerade die Wiedergabe der Achten durch die Sinfonietta bestätigte, warum dieses Schema heute in Wanken geraten ist.

Beethoven nannte sie zwar «kleine» Sinfonie, im Gegensatz zur ebenfalls in F-Dur stehenden Sechsten mit längerer Spieldauer. Aber er selber wusste um ihren kompositorischen Wert, selbst neben der fast gleichzeitig entstandenen Siebenten. Grundsätzlich überwogen heitere Motive. Aber es war nicht die gemütliche Heiterkeit eines Joseph Haydn. Die Motive wurden besonders im Schlusssatz immer wieder durch abrupte Stimmungswechsel unterbrochen.

Das Publikum dankte mit kräftigem Applaus; aber zu einer Zugabe reichte es nicht, nicht zuletzt wohl, weil der Auftritt wegen einer Panne an der Kasse erst mit Verspätung begann.