WILDHÜTER: Bei einem Unfall ist er zur Stelle

Im Herbst häufen sich Kollisionen mit Rehen. Keiner weiss das besser als Ernst Suter, der auch manchmal zum Gnadenschuss ansetzen muss.

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Hier werden häufig Wildtiere angefahren: Wildhüter Ernst Suter mit Suchhund Aik beim Herrenwald. (Bild: Stefan Keiser / Neue ZZ)

Hier werden häufig Wildtiere angefahren: Wildhüter Ernst Suter mit Suchhund Aik beim Herrenwald. (Bild: Stefan Keiser / Neue ZZ)

Jede Stunde wird auf Schweizer Strassen ein Reh totgefahren. Rund 20'000 Wildtierunfälle werden jährlich laut der Jagdstatistik des Bundesamts für Umwelt gemeldet, wobei die Dunkelziffer beträchtlich sein dürfte. Auch hiesige Strassen sind gefährlich für Wildtiere. Im Kanton Zug werden im Jahr etwa drei bis vier Hirsche und um die 100 Rehe angefahren. Verursacht man einen Wildunfall, gilt es, einige wichtige Punkte zu beachten (siehe Box). In jedem Fall muss man umgehend die Polizei benachrichtigen.

Diese wiederum informiert den kantonalen Pikettdienst, der der Direktion des Innern angegliedert ist und aus vier Mitarbeitern besteht, von denen jeweils einer rund um die Uhr in Bereitschaft ist. Einer von ihnen ist Ernst Suter. Seit 14 Jahren übt er den Beruf als Wildhüter aus. Passiert ein Wildunfall, ist er innert weniger Minuten unterwegs zur Unfallstelle.

Viel Unruhe im Wald

In den Herbstmonaten haben er und seine Kollegen alle Hände voll zu tun – wobei sich Wildunfälle auch im Frühjahr und im August häufen, wie Suter erklärt: «Im Frühling lösen sich die Gruppen, und die Rehe gehen als Einzelgänger auf Futter- und Einstandssuche. Im Sommer ist Brunftzeit, und im Herbst ist allgemein viel Unruhe im Wald, weil Jäger und Pilzler unterwegs sind.»

Auch wenn Wildunfälle häufig nachts oder in der Dämmerung passieren, könne es grundsätzlich zu jeder Zeit und überall geschehen, hält der 62-Jährige fest. «Gefährliche Situationen sind nur schwer vorhersehbar und oft auch nicht zu vermeiden.» Am vergangenen Wochenende etwa musste Ernst Suter gleich sechsmal ausrücken.

«Dafür ist in der Woche zuvor gar nichts passiert», so der Hünenberger. Der erste Anruf erreichte ihn auf seinem Pager am Samstagmorgen um 10 Uhr. «Der Unfall passierte auf dem Zugerberg. Ein Jäger fand ein Reh am Strassenrand, das schon tot war. Einen Automobilisten konnten wir aber nicht ausfindig machen.» Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich ausserhalb von Menzingen, auf der Strasse, die zur Strafanstalt Bostadel führt. Dort ist eine Töfffahrerin mit einem Reh kollidiert.

«Sie hat Glück gehabt, dass sie nicht stürzte. Das Tier war sofort tot. Das Motorrad war verschmiert mit Innereien», schildert Suter. Nicht in jedem Fall sterben die Rehe nach einer Kollision. Als der Wildhüter am Sonntagmorgen zu einem Unfall in Rotkreuz gerufen wurde, entdeckte er ein noch lebendes, schwer verletztes Reh. In einem solchen Fall muss Ernst Suter zum Gnadenschuss, in der Fachsprache Fangschuss genannt, ansetzen. Obwohl er es nicht gern macht, sind auch solche Situationen nach 14 Jahren zum Alltag geworden. «Mich schmerzt es nur, wenn ich eine tote Rehgeiss mit vollem Euter antreffe.» Dann weiss der Wildhüter: Irgendwo sind Kitze, die ohne ihre Mutter nicht überleben.

Wichtige Gefährten der vier Männer im Pikettdienst sind die Suchhunde. Am vergangenen Wochenende war Ernst Suter mit Aik, einem Deutschen Vorstehhund, unterwegs. «Die bei einem Wildunfall verletzten und gestressten Tiere sondern einen speziellen Duft ab. Diese so genannte Wundfährte nimmt der Suchhund auf.»

Blaue Warnreflektoren

Ernst Suter kennt die gefährlichen Strassenabschnitte im Kanton Zug gut: «Viele Wildunfälle passieren auf der Maschwanderstrasse im Herrenwald. Auch die Strecke vom Raten bis zur Kantonsgrenze und die Strasse von Baar nach Sihlbrugg sind Hotspots.» In Zusammenarbeit mit der Baudirektion habe die Direktion des Innern mehrere Warntafeln platzieren lassen und Massnahmen ergriffen. «Hilfreich sind insbesondere die blauen Warnreflektoren. Ich habe den Eindruck, dass diese Massnahme gute Wirkung zeigt.»

Nachdem er ein totes Tier gefunden oder mithilfe seines Hundes aufgespürt hat, bringt Ernst Suter es in die Schlachtanlage in Walterswil zur Entsorgung. Wildtiere, die gleich beim Zusammenprall den Tod finden und trotzdem am Körper nur gering versehrt sind, können durch den Tierarzt auf ihre Verwertbarkeit untersucht werden. Ist das Tier zum Verzehr geeignet, wird es geschlachtet und als Unfallwild deklariert an Privatkunden verkauft. «Etwa die Hälfte der Rehe ist nach einem Unfall noch essbar. Dies ist gerade in der Diskussion zum Thema Food Waste ein Beispiel, wie etwas Essbares auch verwertet wird», meint Suter.

Was ist zu tun?

Wildunfallrah. Das Totfahren oder Verletzen eines Wildtieres muss der Polizei gemeldet werden. Wer dies unterlässt, macht sich strafbar. Folgendes ist zu tun:

  • Kontrolliert und sicher anhalten
  • Situation überblicken
  • Unfallstelle signalisieren
  • Wild nur bergen, wenn Folgeunfälle drohen und das Tier tot ist
  • konkreten Unfallort verlässlich für die Nachsuche markieren
  • Polizei benachrichtigen
  • mit dem Wildhüter Unfallprotokoll ausfüllen.

Rahel Hug