Leserbrief

Wir glauben immer noch, dass alles geregelt werden muss, selbst das «Duzis»

«In Emmens Verwaltung ist man per Du», Ausgabe vom 12. September

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Manchmal glaube ich echt nicht, was ich lese. Da schreibt eine Gemeindeverwaltung doch allen Ernstes vor, dass man sich gefälligst zu duzen hat, das gelte ab dem 1. September 2019. Abgesehen davon, dass mich dies einen Feuchten interessieren würde, was die Gemeindeverwaltung hier verfügt, stellt sich die Frage, was für eine kranke Gläubigkeit an Regelungsvollmacht immer noch herrscht, dass man überhaupt auf die Idee kommt, sowas zu regeln, ist unverständlich. Ob man sich duzt oder nicht, geht den Staat und auch ein Unternehmen nicht das Geringste an. Und wenn Möchtegern-Experten von besserem Klima reden, dann vergessen sie, dass es im Leben Sachen gibt, die nicht geregelt werden dürfen, ausser man behandelt seine Angestellten wie entmündigte Urteilsunfähige. Aber es ist halt schon so: Sobald man irgendein Diplom (vor allem Human-Ressource, Psychologie oder Marketing) hat, erachtet man alle anderen als dumm und nicht fähig, selber zu entscheiden, man hat ja schliesslich studiert. Man weiss, was Sache ist!

Ich bezweifle stark, dass diese «Du-Unkultur» Jugendliche anspricht, die wollen respektiert werden, und wenn sie von jedem X-Beliebigen geduzt werden, fühlen sie sich nicht respektiert. Mir auf jeden Fall erscheint ein Inserat in Du-Form höchst unseriös. Würde ich dort arbeiten, dann bisse man sich an mir die Zähne aus, wer mich ungefragt duzt, würde ich ignorieren, und ich würde aus Trotz alle siezen. Denn die Erfahrung zeigt, dass ein Sie zu respektvollerem Umgang führt als ein Du, und das Du muss angeboten werden, alles andere ist nicht akzeptabel. Aber eben: Heute muss alles geregelt werden, da man den Bürger für dumm hält und ihn möglichst überall bevormunden muss.

PS: Die gleiche Unkultur schleicht sich in den Briefen ein, aber auch da interessiert es mich nicht im Geringsten, was Theoretiker «erfinden». Ich bleibe veraltet, aber mit Anstand ersehen. Wer von mir einen Brief nach neuen Regeln erhält, kann davon ausgehen, dass ich ihn genüsslich verachte!

Michael Ebinger, Rotkreuz