Ein ehemaliger Mitarbeiter erzählt: «Wir identifizierten uns mit der Crypto»

Ein ehemaliger Kadermitarbeiter erzählt, wie er in den 70er- und 80er-Jahren das Steinhauser Unternehmen erlebte.

Zoe Gwerder
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Der Sitz der Crypto AG in Steinhausen.

Der Sitz der Crypto AG in Steinhausen.

Bild: Alexandra Wey/Keystone
(11. Februar 2020)

«Es tut einem fast etwas weh, wenn man sieht, was da nun alles über die Crypto in den Medien steht.» Beni Koch* war während 22 Jahren Mitarbeiter mit Führungsaufgaben bei der Crypto AG in Steinhausen. Er begann in den 1970er-Jahren als Projektleiter für die Umstrukturierungen von der Mechanik zur Elektronik, stieg stetig auf bis zum Produktionsleiter und war Ende der 80er-Jahre zuständig für die Umstrukturierung der ganzen Betriebsinformatik der Crypto.

Koch verliess das Unternehmen Anfang der 1990er-Jahre, weil er nach all den Jahren noch etwas anderes machen wollte – dass der Crypto-Mitarbeiter Hans Bühler kurz zuvor im Iran verhaftet und dort festgehalten worden war, hatte mit Kochs Entscheid nichts zu tun.

Die jüngsten Enthüllungen zu seinem ehemaligen Arbeitgeber (dass die Crypto der CIA gehört und systematisch Hintertüren in die Verschlüsselungsapparate eingebaut wurden) bezeichnet er zwar als grosse Überraschung. Jedoch sei ihm immer bewusst gewesen, dass beim Herstellen von Verschlüsslungsgeräten wohl auch Geheimdienste mit im Spiel seien. «Dass Einflüsse von ausländischen Organisationen vorhanden sind und die Crypto mit diesen kooperiert, war mir klar – dass sie aber einer solchen gehört, ist schon ein Hammer.»

Geheimdienste gehörten wohl zum Geschäft

Wobei ihm klar gewesen sei, dass diesbezüglich andere Mächte im Spiel sein mussten, da die Eigentümer des Unternehmens nicht zu eruieren waren. «Ich war mir auch sicher, dass die Schweizer Firma Crypto nicht ohne Einfluss der Grossen existieren kann.» Dass die grosse CIA allerdings gar Besitzerin des Unternehmens war, hätte er nicht erwartet.

Koch selber hatte nicht mit der Verschlüsselung zu tun. Er könne aber nachvollziehen, dass jene Mitarbeiter, die in die Chiffrierung involviert waren in gewisse Interessenskonflikte gerieten. «Doch wenn man in einem Business arbeitet, in welchem der Geheimdienst mitmischt – was bei Verschlüsselungsapparaten wohl offensichtlich der Fall ist – ist das nun so. Ob man will oder nicht.» So stellt er auch die Vermutung in den Raum, dass es diesbezüglich bei den Konkurrenten der Crypto ähnlich gewesen war. Als Arbeitgeber sei das Unternehmen top gewesen. «Unsere Arbeit war hochinteressant. Vielen erging es wohl wie mir.»

Für viele eine Stelle fürs Leben

«Es war nicht nur ein Job, um Geld zu verdienen, sondern deutlich mehr. Ich habe es sehr gerne gemacht.» Es sei auch als sehr sicherer Arbeitsplatz wahrgenommen worden. «Während ein paar Häuser weiter, eine andere grosse Hightech-Elektronik-Firma immer mal wieder Leute entliess, wenn es zu wenig Arbeit gab, behielt man bei der Crypto die Mitarbeiter und nutzte flaue Zeiten, um den Betrieb wieder auf Vordermann zu bringen.» Es habe nur wenig Fluktuation gegeben – es sei jedoch auch schwierig gewesen, Fachpersonen zu rekrutieren. «Wir arbeiteten im Hightechbereich.»

Ponyreiten und Samichlaus für den Zusammenhalt

Dass die Crypto von vielen als «der» Arbeitgeber betrachtet wurde, erlebte Koch, als er ankündigte, das Unternehmen zu verlassen. «Als ich ging, sagten mir meine Kollegen ich spinne, eine solche Stelle aufzugeben. Eine solche kriege man nie wieder.» Denn die Crypto war für viele mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie reinvestierte vom Gewinn in die Firma und in die Mitarbeiter. Es gab Firmenanlässe mit Ponyreiten und Schminken für die Kinder, Samichlausfeiern und Fasnachtsanlässe.

Auch Ferienwohnungen im Tessin stellte das Unternehmen ihren Mitarbeitern zur Verfügung. Dies alles trug wohl dazu bei, dass das Unternehmen für viele Mitarbeiter eine Art Familie war. «Wir identifizierten uns mit der Crypto», sagt heute Beni Koch.

Dass es jetzt durch die Berichterstattung wirkt, als habe alles, was die Crypto produzierte, «geleckt», sei schon happig, so Koch. Man habe neben dem Herstellen von Verschlüsselungsgeräten auch für externe Kunden produziert. «Und dass man jede Verschlüsselung – auch ohne eingebaute Hintertür – knacken kann, ist spätestens seit der Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine Enigma während des Zweiten Weltkriegs bekannt.»

* Name von der Redaktion geändert.