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WIRTSCHAFT: «Mit Zunahme der Arbeitslosigkeit muss gerechnet werden»

Auch Siemens baut 150 Arbeitsplätze ab. Geht dieser Aderlass in der Zuger Wirtschaft so weiter? Und was kann der Kanton dagegen tun?
«Bildung, Weiterbildung und Flexibilität sind der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit.» Bernhard Neidhart, Amt für Wirtschaft und Arbeit (Bild: Wolfgang Holz / Neue ZZ)

«Bildung, Weiterbildung und Flexibilität sind der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit.» Bernhard Neidhart, Amt für Wirtschaft und Arbeit (Bild: Wolfgang Holz / Neue ZZ)

150 Arbeitsplätze gehen bei Siemens in der Produktion in Zug verloren. Wegen des starken Frankens. Andere Firmen wie V-Zug und Landis + Gyr haben die Wochenarbeitszeit erhöht, um die derzeitigen Währungsnachteile gegenüber dem Euro zu kompensieren. Doch das Damoklesschwert eines weiteren Arbeitsplatzabbaus schwebt weiterhin über Zug.

Druck nimmt weiter zu

«Denn gemäss Aussagen der Branchenorganisation Swissmem und vereinzelten direkten Hinweisen von Firmen dauert der Druck, die Produktivität zu steigern, aufgrund der kurz­fristigen Änderung des Wechselkurses, weiter an», versichert Bernhard Neidhart, Leiter des kantonalen Amts für Wirtschaft und Arbeit. Insofern werde die Überprüfung von Verlagerungen einzelner Bereiche ins Ausland für Schweizer Unternehmen weiterhin eine Option bleiben. Neidhart: «Mit einer möglichen Zunahme der Arbeitslosigkeit im Verlauf des zweiten Halbjahrs muss gerechnet werden.» Wobei der Zuger Wirtschaftsexperte nicht verhehlt, dass eben auch Arbeitszeiterhöhungen gegen den Frankenkurs kein Erfolgsrezept darstellen, um langfristig Arbeitsplätze zu sichern. «Arbeitszeiterhöhungen machen nur dann Sinn, wenn die Auftragslage gut ist», stellt der Amtsleiter klar. Es sei aber zunehmend damit zu rechnen, dass Aufträge aufgrund der tieferen Wettbewerbsfähigkeit respektive Produktivität eher ausbleiben. «Dannzumal wird das Instrument der Kurzarbeit wichtiger werden, um Entlassungen vorzubeugen beziehungsweise sie zu verhindern.»

«Gut ausgebildet und gesucht»

Die entscheidende Frage ist, wo solche Personen, die nun wie bei Siemens in der Produktion ihren Arbeitsplatz verlieren, anderswo in gewerblichen Jobs unterkommen können. «Im Zentrum aller Massnahmen muss die möglichst rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt stehen», betont Neidhart. Es sei aber auch Aufgabe der Betroffenen, sich dieser einschneidenden Situation zu stellen. «Es wird eine grosse Portion an Flexibilität und Selbstreflexion über die eigenen Stärken und Wünsche verlangt», sagt Neidhart. Das RAV Zug werde diesen Prozess begleiten und sich, je näher eine mögliche Arbeitslosigkeit rücke, umso intensiver einbringen.

Reto Föllmi, Professor für Internationale Ökonomie an der Universität St. Gallen, sieht nicht so schwarz. «Von Vorteil ist zum einen, dass die allgemeine Beschäftigungslage in der Schweiz ja noch gut ist.» Das bedeute, dass solche arbeitslos gewordenen Arbeitnehmer aus der gewerblichen Produktion derzeit nicht im grossen Stil mit anderen Arbeitslosen in Konkurrenz stünden. Föllmi ist zum anderen überzeugt, dass solche Personen aus dem Bereich Maschinen, Industrie, Naturwissenschaft und Technik (Mint) gut ausgebildet und noch immer auf dem Arbeitsmarkt gesucht seien. «Die Jobs von einfach ausgebildeten Industriearbeitern gibt es dagegen kaum noch in der Schweiz diese wurden längst ausgelagert.» Allerdings könnte die momentane Situation für den einen oder anderen Arbeitslosen aus der Produktion bedeuten, die Branche zu wechseln und im Dienstleistungssektor eine neue Arbeit zu finden. Das ist leichter gesagt als getan – schliesslich kann nicht jeder Maschinenarbeiter plötzlich Menschen im Altenheim pflegen. Föllmi denkt aber vor allem an Jobs in Verwaltungen. «Der Werkplatz Schweiz ist sicher unter Druck.»

«Keine kurzfristigen Mittel»

Apropos Verwaltungen. Was können eigentlich der Kanton Zug und seine Behörden tun, um einen weiteren industriellen Aderlass zu verhindern oder wenigstens zu bremsen? Offensichtlich nicht viel mehr, als darauf zu reagieren. Bernhard Neidhart macht klar: «Nebst den bekannten Instrumenten der Arbeitslosenversicherung wie Kurzarbeit und öffentliche Arbeitsvermittlung verfügen wir nicht über kurzfristige Mittel, um abfedernd zu wirken. Mittelfristig sind Bildung, Weiterbildung und Flexibilität der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit.»

Professor Föllmi indes findet, die Behörden müssten so viel wie möglich dafür tun, «um die Rahmenbedingungen so günstig wie möglich für die Firmen zu gestalten». Man müsse die Zahl der Vorschriften und Gebühren gering halten, günstige Steuerbedingungen schaffen und die Bürokratie auf einem tiefen Niveau halten. Ganz verheerend wäre es in seinen Augen, wenn sich die Politik in die Wirtschaft einmischte und Betriebe gar mit Steuergeldern subventionierte. «Neben den öffentlichen Kosten für solche Subventionen würden auf diese Weise unterstützte Firmen dann nämlich ihre internationale Konkurrenzfähigkeit weiter verlieren.»

«Jetziger Euro kein Dauerzustand»

Dabei schätzt der St. Galler Professor die Grosswetterlage für Schweizer Exporteure gar nicht so schlecht ein. «Die derzeit extreme Überbewertung des Euros ist kein Dauerzustand, und das Verhältnis zwischen dem Franken und dem Euro wird sich mittelfristig auch wieder auf einem realistischeren Niveau einpendeln.» Viel wichtiger für die Schweizer und Zuger Exportwirtschaft sei die Lage auf den internationalen Absatzmärkten. Föllmi: «Die Schweiz muss allerdings ihren Produktivitäts­vorsprung und die Nachfrage nach ihren Produkten weiter aufrechterhalten ­können sonst sind weitere Arbeitsplatz- und Lohnverluste vorprogrammiert.»

Der Leiter des Zuger Amts für Arbeit und Wirtschaft stösst ins gleiche Horn. «Die Schweizer Wirtschaft musste sich in der Vergangenheit immer wieder solchen Phasen stellen.» Die jetzige Phase sei insofern speziell, als dass sie sehr kurzfristig mit dem Entscheid der Nationalbank eingetreten sei. Neidhart: «Der starke Franken zwingt die Firmen eben zu noch mehr Produktivität und so langfristig zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit.»

wolfgang holz

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