WOLFSSCHUTZ: Wenn es zwischen den Schafen bellt

Im Kanton Zug werden demnächst zum ersten Mal Herdenschutzhunde im Einsatz sein. Obwohl bis jetzt noch keine Wölfe in den Kanton vorgestossen sind, werden sie auch hier ihre Aufgabe haben.

Zoe Gwerder
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Saro Keinath im Schafstall bei seinen Herdenschutzhunden. (Bild: Stefan Kaiser (Menzingen, 7. März 2017))

Saro Keinath im Schafstall bei seinen Herdenschutzhunden. (Bild: Stefan Kaiser (Menzingen, 7. März 2017))

Zoe Gwerder

zoe.gwerder@zugerzeitung.ch

Einiges ausserhalb von Menzingen ertönt aus dem Schafstall von Saro Keinath nicht nur Blöken, sondern auch Bellen. Kein freudiges Bellen – da wird bewacht. Von zwei Herdenschutzhunden – den einzigen offiziellen im Kanton Zug (siehe Text unten). Wobei es sich derzeit noch eher um das Verteidigen des Reviers handelt, wie Halter Saro Keinath erklärt. «Die Hunde sind erst seit sieben Wochen auf meinem Hof. Auch wenn sie in einer Schafherde aufwuchsen, müssen sie diese Herde nun erst noch kennen lernen.» Vor allem aber müssen sich die Schafe an die Hunde gewöhnen. «Sie kannten bisher nur Hirtenhunde, die sie in die Schranken wiesen», erklärt Keinath. Bis die Schafe die beiden Hunde wirklich als Teil der Herde akzeptieren, benötige es bis zu drei Generationen. Doch bereits jetzt ist ersichtlich, dass viele kleine Lämmer deutlich weniger Scheu zeigen vor den Hunden. «Die Lämmer würden am liebsten mit ihnen spielen, doch die Mutterschafe wehren sich dagegen», so Keinath.

Die beiden Hunde der Rasse Maremmano Abruzzese heissen Tara und Fenrier und sind etwas älter als ein Jahr. Rund 100 Tage im Jahr werden sie mit Keinaths etwa 200 Schafen sowie 500 weiteren Schafen von anderen Besitzern auf einer Alp bei Disentis im Kanton Graubünden verbringen. Dies ist auch der Grund, weshalb sich Saro Keinath für die Herdenschutzhunde entschieden hat. Denn seit diesem Jahr betreibt er die Alp und muss dort auch für den Herdenschutz sorgen. «‹Friss oder stirb› war da mein Antrieb», erklärt der 42-Jährige. «Bei einem ersten Wolfsriss ohne Herdenschutz erhält man zwar noch Entschädigung vom Bund. Beim zweiten aber nicht mehr.» Wenn aber ein offizieller Herdenschutzhund bei den Schafen gehalten werde, bezahle der Bund, falls trotzdem ein Schaf gerissen werde. Pro Schaf seien es rund 200 Franken.

Einen Grossteil des Jahres, von Ende September bis Anfang Juni, werden die beiden Hunde aber nicht auf der Alp, sondern auf verschiedenen Weiden im Kanton Zug leben. Hauptsächlich in Menzingen, Neuheim, Sihlbrugg oder im Gebiet Hirzel. Und trotz des Weidehags, welcher im Flachland die Schafe beieinanderhält, haben Tara und Fenrier auch hier ihre Aufgabe: «Sie schützen die Herde vor wildernden Hunden oder Diebstahl», erklärt Keinath. Es sei in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass streunende Hunde Schafe seiner Herde gerissen hätten. Opfer eines Diebstahls sei er bisher noch nicht geworden. Doch er wisse von Fällen, wo Lämmer gestohlen wurden. Dies geschehe jedoch meist in unmittelbarer Nähe zu einer Siedlung. Etwas Sorgen machen Saro Keinath aber die Reaktionen der Menschen, die auf die bewachten Herden stossen. «Auch wenn die Hunde den Hag normalerweise nicht verlassen, ist er für sie kein echtes Hindernis, falls sie provoziert werden.» Insbesondere wenn andere Hunde an einer solchen Weide vorbeigingen, sei Vorsicht geboten. «Die Hunde sollen an die Leine genommen und mit Abstand am Schafgehege vorbeigeführt werden», rät Keinath. Auch Personen ohne Hunde empfiehlt er, mit Abstand zum Hag an diesem vorbeizugehen und die Hunde nicht zusätzlich zu provozieren. «Fuchtelnde Wanderstöcke heizen die Lage nur auf.»

Demnächst auf Zuger Weiden

Ein erster Einsatz auf den Zuger Weiden steht für Tara und Fenrier wohl bereits in den nächsten Wochen an. «Sobald es wärmer wird und ein Grossteil der trächtigen Muttertiere ihren Nachwuchs geworfen haben, dürfen sie wieder auf die Weiden», erklärt Keinath. Mit dabei auch Tara und Fenrier. «Sie sind Teil der Herde, auch wenn sich die Schafe noch nicht an sie gewöhnt haben.» So werden sie dort sein, wo die Schafe sind. Bis Anfang Juni und ab September im Kanton Zug und während des Sommers bei ihrer eigentlichen Aufgabe, als Schutz vor den Wölfen, im Kanton Graubünden.

Herdenschutzhunde durchlaufen einen Wesenstest

Beim Herdenschutz werden Hunde seit Jahrtausenden eingesetzt, um Nutztiere vor Raubtieren, aber auch vor Diebstahl zu schützen, wie die nationale Fachstelle für Herdenschutz auf ihrer Homepage schreibt. In der Schweiz läuft das nationale Projekt mit Herdenschutzhunden seit 1999. Inzwischen gibt es rund 200 Herdenschutzhunde, die in der Schweiz ihre Dienste leisten. Die offiziellen Herdenschutzhunde werden zu einem Grossteil vom Bund finanziert. Nach einem Jahr Sozialisierung in einer speziell darauf ausgerichteten Aufzucht kann sie der Halter für 1200 Franken kaufen. Zucht sowie Aufzucht werden vom Bund mitfinanziert. Auch den späteren Halter kosten die Tiere abgesehen vom einmaligen Kaufwert nichts. Für Futter und Tierarztkosten gibt es einen jährlichen Beitrag des Bundes. Der Halter muss jedoch einen Theoriekurs absolvieren.

Hunde müssen Vertrauen gewinnen

Mit der Aufzucht von Herdenschutzhunden beschäftigt sich auch Jenny Dornig. Von ihr hat Saro Keinath (siehe Haupttext) einen seiner beiden Hunde. Sie nimmt jeweils zwei Welpen aus einer Zucht auf und arbeitet mit ihnen während eines Jahres. Dabei geht es hauptsächlich darum, die Tiere an den Menschen und das Umfeld zu gewöhnen. «Die Hunde werden in einer Schafherde geboren und sehen sich als Teil von ihr», erklärt Dornig. «Wichtig ist, dass sie Vertrauen in die Leute gewinnen. Gleichzeitig müssen sie das nötige Selbstvertrauen haben, um im Ernstfall souverän reagieren zu können.»

Die Sozialisierung kann durch spielende Kinder auf dem Hof beginnen und später auch bedeuten, dass sie mit den Hunden von Zeit zu Zeit ins Dorf geht, um sie mit Sachen bekannt zu machen, die sie erschrecken könnten, wie Dornig erklärt. Wohl eher etwas suspekt bleiben werden den Hunden aber Reiter und Velofahrer. «Für die Tiere ist es einfach komisch, wenn der Mensch plötzlich auf vier Beinen daherkommt oder sich derart schnell fortbewegt», sagt Dornig.

Bevor die Hunde aber als Herdenschutzhunde verkauft werden, müssen sie einen Eignungstest bestehen. Die sogenannte Einsatzbereitschaft-Überprüfung. Zuerst wird auf einer Alp während 24 Stunden mit GPS-Überwachung getestet, ob die Hunde auch bei den Schafen bleiben. Danach wird geprüft, wie sie sich dort gegenüber Menschen und mitgeführten Hunden verhalten. Abschliessend gibt es noch an einem anderen Ort einen Test, der zeigen soll, wie sich die Hunde ausserhalb der Schafherde verhalten. Besteht ein Hund diesen Test nicht, kann er einmal wiederholt werden. (zg)

Saro Keinath im Schafstall bei seinen Herdenschutzhunden. (Bild: Stefan Kaiser (Menzingen, 7. März 2017))

Saro Keinath im Schafstall bei seinen Herdenschutzhunden. (Bild: Stefan Kaiser (Menzingen, 7. März 2017))