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Wollte er sich verteidigen oder ihn töten?

Im August 2017 fügt ein junger Mann vor dem «Podium 41» einem anderen eine lebensgefährliche Verletzung zu. Wollte er ihn mit dem Messer töten oder setzte er es zur Notwehr ein? Eins ist klar: Am Anfang stand ein Handydiebstahl.
Christopher Gilb
Der Angeklagte verletzte das Opfer mit einem Messerstich lebensgefährlich. (Symbolbild: Maria Schmid)

Der Angeklagte verletzte das Opfer mit einem Messerstich lebensgefährlich. (Symbolbild: Maria Schmid)

Am Mittwoch, 28. November, vor dem Zuger Strafgericht: Auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann aus Baar. Er leidet unter Depressionen, zwei Lehren hat er abgebrochen, wie seine Verteidigerin später erzählen wird, sich sogar einmal für eine Zeit alleine in den Wald zurückgezogen. Er soll nun an einem Therapieprojekt in Afrika teilnehmen. «Ich will meine Depression in den Griff kriegen, um irgendwann wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen», erklärt er. Seine Teilnahme ist bewilligt, doch er kann nicht gehen.

Das hat mit der Nacht vom 11. auf den 12. August 2017 zu tun. «Wir haben Party gemacht, dann gingen wir Richtung ‹Podium 41›», schildert er vor Gericht. Ein bisschen abhängen hätten sie gewollt, vielleicht Gras kaufen. Bei der Gartenterrasse des Treffpunkts stiessen er und seine Kumpels auf das spätere Opfer und dessen Freunde. Es war gegen drei Uhr. Die Gruppen kannten sich. Dann irgendwann - da widerspricht der Angeklagte nicht - hörte er, wie sein Freund verlangte, dass das spätere Opfer ihm sein Mobiltelefon zurückgeben soll. Er lief hin und sah, dass sich der junge Mann das Handy in seine Unterhosen gesteckt hatte und es nicht herausgeben wollte. Dann ging er zum Rucksack.

«Ich bin ein Pessimist»

Zu seinem 18. Geburtstag hatte ihm sein Vater ein Multifunktionsmesser geschenkt. Dem älteren Mann, der bei der Verhandlung direkt hinter ihm sitzt, treten, als das erwähnt wird, Tränen in die Augen. «Ich wollte etwas für einen festeren Schlag in der Hand haben», erklärt der Angeklagte sich. Er habe sich bedroht gefühlt und das Messer aus dem Rucksack geholt. Laut Staatsanwaltschaft hätte er das spätere Opfer aufgefordert, das Handy rauszurücken, der Freund des Opfers hätte daraufhin gegen seinen Rucksack gekickt und versucht, ihm das Messer abzunehmen. Er schildert es als Attacke.

Dann ein Klirren. Das spätere Opfer holt mit seiner rechten Hand über seinem Kopf aus, als wolle er etwas werfen. «Als er mit der Bierflasche kam, sah ich kein zurück mehr», sagt der Angeklagte. Er habe schon vor Augen gesehen, wie mit der abgebrochenen Flasche sein Gesicht aufgeschnitten werde. Er habe eine lebhafte Fantasie. Wieso er gleich vom Schlimmsten ausgegangen sei, fragt das Gericht. «Ich bin ein Pessimist», antwortet der junge Mann. «Und Sie haben die Flasche gesehen oder einfach aufgrund der Umstände angenommen, dass es eine ist?» Gesehen habe er sie nicht, gesteht er dann.

Ohne Vorwarnung machte er einen grossen Schritt nach vorne und verletzte das Opfer mit einem Stich. Dieser ging ins Brustfell sowie in den Herzbeutel und verursachte einen Kollaps des linken Lungenlappens, wodurch dessen Kreislauf instabil wurde. Ohne ärztliche Intervention wäre der junge Mann gestorben. Das habe er nicht gewollt, behauptet aber der Angeklagte, der sich während der Verhandlung auch beim Opfer entschuldigte. Sein Plan sei vielmehr gewesen, ihm in den Arm zu schneiden, um ihn so in die Flucht zu schlagen. In diesem Moment habe sich das Opfer aber unglücklich bewegt, was ihm zum Verhängnis geworden sei. «Und ein Schritt zurück, wär keine Option gewesen?», fragt die Richterin. Für den Staatsanwalt ist der junge Mann unglaubwürdig. «Ist er wirklich mit erhobener Hand auf Sie losgegangen?» Der Angeklagte bejaht. «Und wieso haben sie bei der Einvernahme etwas anderes gesagt?» Das könne er sich nicht erklären, antwortet er.

Den Tod in Kauf genommen

Die Aussagen des jungen Mannes seien Schutzbehauptungen, so das Fazit des Staatsanwalts. «Und selbst wenn er ihn nur am Oberarm verletzen wollte, musste er damit rechnen, dass der Schnitt in die Brust geht. Er nahm den Tod des Opfers in Kauf.» Der Moment, als er das Messer geholt habe, sei zudem eine Zäsur in der Situation gewesen. Er meint damit, dass sich die Rollen von Opfer und Täter gewissermassen vertauscht hätten. Das Messer habe er dann ohne vorangegangene Provokation und Warnung eingesetzt. Da könne nicht von Notwehr gesprochen werden. Wegen versuchter vorsätzlicher Tötung fordert er eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Ganz anders sieht es die Verteidigerin. Sie fordert einen Freispruch, alternativ bei Schuldspruch eine therapeutische Massnahme statt Haft. «Das war ganz klar eine Notwehrsituation.» Sie zitiert Zeugenaussagen von Freunden des Opfers, die sagen, das Opfer sei auf Provokation aus gewesen. «Erst die Provokation, dann die Schläge, dann die Bierflasche. Wer würde in dieser Si- tuation nicht so handeln?»

Ein spannendes Detail: Das Messer selbst suchten Taucher der Schwyzer Kantonspolizei vergeblich im Zugersee. Das Urteil wurde für den 12. Dezember angekündigt.

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