Zeitreise: Die Blutschwitzerin vom Gubel

Wie eine Dienstmagd Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen die Fronten von Glaubensüberzeugungen geriet und die Menschen wegen ihrer wundersamen Wundmale in ein Menzinger Kloster pilgerten.

Laura Sibold
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Sicht auf die Schlachtkapelle beim Kloster Maria Hilf. Hier fand Theresia Städele 1848 Zuflucht.

Sicht auf die Schlachtkapelle beim Kloster Maria Hilf. Hier fand Theresia Städele 1848 Zuflucht.

Bild: Stefan Kaiser (Menzingen, 27. Oktober 2016)

Im Mai 1849 verbreitet sich eine eigenartige Nachricht: Im Kloster Maria Hilf auf dem Gubel mache eine arme Dienstmagd jeden Donnerstag und Freitag das Leiden und Sterben Jesus Christus durch. Sie schwitze Blut, trage Wundmale an den Händen und werde von Krämpfen heimgesucht. Fortan pilgern Menschen nach Menzingen, um den wundersamen Leiden Theresia Städeles beizuwohnen.

Von Übernatürlichem sprechen die Menschen, auch ein Zuger Metzger, der später am Prozess als Zeuge auftreten wird. Der Pfarrer Johann Joseph Röllin von Menzingen habe den Besucherstrom ins Kloster koordiniert und erklärt, Städele müsse die Leiden Christi durchmachen, damit sich die Menschen bekehrten, erzählt der Metzger.

Bald kommt die wundersame Geschichte auch der Zuger Regierung zu Ohren. Eine Delegation, bestehend aus Regierungsrat Walter Etter, alt Landammann Joseph Henggeler, den Ärzten Carl Bossard und Johann Zürcher sowie einem Kapuzinerpater, macht sich am 17. Mai 1849 auf den Weg nach Menzingen. Theresia Städele wird verhaftet, die «Inquisitin» gefährde die Religiosität und untergrabe den Landesfrieden. Im Prozess wird Städele 18-mal verhört, während ihrer Gefangenschaft im Rathaus wiederholen sich die Blutungen. Am 7. Juni klären sich die seltsamen Vorkommnisse plötzlich auf. Ein Arzt findet bei Theresia Städele, die mit blutiger Stirn auf dem Boden sitzt, eine Nadel. Da Städele im Verhör schweigt, erhält sie als Kost nur noch Brot und Wasser. Ein Tag später gesteht die 26-jährige Dienstmagd, sich die Blutungen selber mit einer Stecknadel zugefügt zu haben. Die Blutungen hätten die Wundmale des Heilands darstellen sollen und zu ihrer Versorgung im Kloster beigetragen, die ihr als arme Person allein nicht möglich gewesen sei.

Am 4. August 1849, als Städele für schuldig befunden wird, ist der Zuger Grossratssaal mit Schaulustigen gefüllt. Die Magd habe den religiösen Glauben für eigennützige Zwecke missbraucht und sich der simulierten Besessenheit schuldig gemacht. Sie wird zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, am 27. Februar 1850 allerdings begnadigt.

Exorzismus und ein Dach über dem Kopf als Hilfe

Seit ihrem 20. Lebensjahr litt Theresia Städele an Krämpfen, Ärzte konnten ihr nicht helfen. Wegen der Krankheit schwanden ihre Ersparnisse und sie geriet in den Ruf, von Dämonen besessen zu sein. Städele wurde 1846 aus dem Kloster im Steinerberg sowie bald darauf aus jenem in Einsiedeln ausgeschlossen. In Menzingen nahm sich Pfarrer Röllin der Frau an und versuchte, ihr mit exorzistischen Praktiken zu helfen. Röllin führte Städeles Besessenheit auf die Wut des Satans über den bevorstehenden Klosterbau zurück. Die Katholiken gerieten in Verdacht, sie hätten Theresia Städele für den Bau des Klosters Gubel instrumentalisieren wollen.

Die damaligen Ereignisse können heute – 170 Jahre später  – nur aus den über 400-seitigen Verhörprotokollen sowie den Diskussionen in der Presse rekonstruieret werden. Es ist die Sicht einer männlichen Elite auf eine Frau der Unterschicht. Dies rückt auch das Geständnis Städeles in ein anderes Licht. Hat sie sich wirklich selber mit einer Nadel, die noch immer in den Akten liegt, Wunden zugefügt? Oder geriet sie zwischen die Fronten unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen?

Die neunteilige Serie Zeitreise beleuchtet Persönlichkeiten, die im Kanton Zug oder daraus stammend Geschichte schrieben. Im 6. Teil lesen Sie heute über die wundersame Theresia Städele aus Menzingen. Quelle: 23 Lebensgeschichten, herausgegeben vom Regierungsrat des Kantons Zug, 1998.