Kolumne

Zeitreise mit Gewürz

Seitenblick: Der Küchenschrank als Spiegel der Vergangenheit.

Zoe Gwerder
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Zoe Gwerder, Reporterin

Zoe Gwerder, Reporterin

Wie schnell nur die Zeit vergeht! Was andere beim Anblick der Kinder von Bekannten denken, denke ich, wenn ich meinen Gewürzschrank öffne. Nicht jedes Mal – meistens fehlt mir die Zeit, um richtig zu schauen, was ich hier in den Kochtopf werfe.

Doch schaue ich mal genauer hin, erschrecke ich oft. Die Kräutermischung Provençale ist nicht nur nahe am Mindesthaltbarkeitsdatum – nein, natürlich hat sie dieses seit über zwei Jahren passiert. Und bei den Pfefferkörnern, die wir zum nachfüllen der Pfeffermühle lagern, will ich das mit «data» bezeichnete Feld schon gar nicht näher anschauen. Die Tatsache, dass ich mich zu erinnern glaube, dieses Gewürz gekauft zu haben, und mit Blick auf das Ablaufdatum noch dachte, dass das ja sehr lange halte, macht die Sache nicht besser. Da ziehen die Jahre doch einfach so an einem vorbei und nur die Ablaufdaten lassen einen dies wissen.

Anders als bei Kindern, überkommen einen bei den Ablaufdaten – beziehungsweise Mindesthaltbarkeitsdaten – zumindest keine nostalgischen Gefühle. Möchte man meinen. Dies ist nur bei fast allen Gewürzen in meinem Küchenschrank der Fall. Es gibt tatsächlich eine vor acht Jahren gekaufte Kräutermischung, deren Deklaration des Inhalts nicht genau zu entziffern ist – zumindest wenn man nicht Griechisch kann. Die Kräuter stammen von einer Reise durch das Land. Ob jedoch nur noch die Dose von damals stammt, und ich den Inhalt vor Jahren mal erneuert habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Sowieso ist dieser schon ziemlich alt.

Ich habe mal gehört, man solle solch alte Gewürze nicht mehr verwenden – es bestehe die Gefahr von Schimmel. Trotzdem schmeisse ich diese noch immer regelmässig – oder auch weniger regelmässig, sonst hätte ich diese ja nicht so lange – in die Kochtöpfe. Man soll ja Lebensmittel nicht wegwerfen, und solange die Kräuter mindestens noch nach solchen aussehen und auch riechen – wenn auch weniger stark – mach ich weiter, bis das Glas endlich leer ist. Sodass ich mich beim nächsten Kauf erneut von einem Mindesthaltbarkeitsdatum blenden lassen kann, von welchem ich das Gefühl habe, dass es nie erreicht werden wird, und welches dann sicher ganz schnell auch wieder überholt ist.