ZÜRICH: «Mancher Fall ist enorm tragisch»

– Bei mysteriösen Todesfällen müssen Gerichtsmediziner die Ursachen klären. Da es in Zug keine Forensik gibt, kümmert sich Zürichs Rechtsmedizin darum. Mit modernsten Methoden.

Wolfgang Holz
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Per Computer- tomograf gewinnen die Mitarbeiter am Institut für Rechtsmedizin Zürich wertvolle Erkenntnisse – ganz ohne Skalpell. (Bild: PD (gestellte Szene))

Per Computer- tomograf gewinnen die Mitarbeiter am Institut für Rechtsmedizin Zürich wertvolle Erkenntnisse – ganz ohne Skalpell. (Bild: PD (gestellte Szene))

Unten im Keller. In einem kleinen, unscheinbaren Raum erblickt man modernstes technisches Gerät. Ein Computertomograf. Dieser ist kombiniert mit einem Roboterarm an der Decke und mehreren Kameras, die Spezialaufnahmen machen können. Spezialaufnahmen von Verstorbenen, deren Todesursache hier im Institut für Rechtsmedizin in Zürich geklärt werden muss.

Zum Teil ganz ohne Skalpell

Denn jede Leiche, die man hier in der Forensik, auf dem Campus der Universität gelegen, untersucht, wird zunächst einmal virtuell dokumentiert. «‹Virtopsy› nennt sich diese Technologie, und wir waren die ersten Rechtsmediziner auf der ganzen Welt, die neben den klassischen Formen der Obduktion mit dieser Methode arbeiteten», erklärt Professor Michael Thali. Dabei scannen die Mitarbeiter der Zürcher Rechtsmedizin innerhalb von zehn Sekunden den ganzen Körper komplett ab. «Und wir können auf diese Weise sofort sehen, ob und in welche Richtung wir weiter untersuchen müssen», so der 46-Jährige, der seit drei Jahren als Direktor das Institut leitet. Zuvor war er Chef der Rechtsmedizin in Bern. Seit letztem Jahr hat man auf diese Weise in Zürich begonnen, ganz ohne Skalpell zu arbeiten – bei jenen Fällen eben, bei denen die Todesursache und die forensische Fragestellung der Staatsanwaltschaft mit «Virtopsy» geklärt werden könne.

Rücksicht auf Angehörige

Wie das funktioniert, demonstriert gerade ein Mitarbeiter der Gerichtsmedizin am Computer. Er schaut sich die CT-Querschnitte einer verstorbenen Frau an, die beim Arzt noch kurz vor ihrem Tod über eine Lebensmittelvergiftung geklagt hatte. Wie das zum Teil dreidimensionale Bildmaterial beweist, ist die Frau inneren Verblutungen erlegen – nachdem ein Aneurysma (Aussackung einer Blutader) gerissen war. Diese moderne Technologie, die mehrere Millionen Franken gekostet hat, leistet laut Thali aber nicht nur eine schnelle und objektive Form der Dokumentation von Todesursachen. Sie nehme auch Rücksicht auf die Wünsche von Angehörigen. «Denn Angehörige haben es nicht gerne, wenn man Verstorbene aufschneidet. Ein Scan hingegen geht schnell und ist nicht zerstörend», so Thali. «Virtopsy» finde deshalb grossen Anklang, vor allem auch bei Kulturen und Religionsgemeinschaften, die die traditionelle Autopsie ablehnen – zum Beispiel im Judentum, im Islam und im Buddhismus. Er ist überzeugt, dass «Virtopsy» in 20 Jahren eine Standardmethode sein werde, wie heute die Toxikologie und die DNA-Analyse.

25 bis 30 Zuger pro Jahr

Sicher ist: Bereits heute werden auch schon zahlreiche Verstorbene aus dem Kanton Zug so obduziert. Denn unter den 513 Obduktionen, die letztes Jahr im Institut für Rechtsmedizin in Zürich vorgenommen wurden, sind 25 bis 30 Zuger. Daneben hatte es die Zürcher Forensik 2013 mit 941 Legalinspektionen (Leichenschau) zu tun sowie mit 626 Institutsgutachten – denn die 160 Mitarbeiter der vier Abteilungen Gerichtsmedizin, Toxikologie, Verkehrsmedizin und Genetik erstellen auch Vaterschaftstests und toxikologische Gutachten. Etwa von Rauschgiften. Auch in diesen Bereichen nehmen die Zürcher Aufträge aus Zug entgegen.

Der Staatsanwalt entscheidet

«Ob ein ungewöhnlicher Todesfall aus Zug in Zürich obduziert wird, entscheidet jeweils der Staatsanwalt, der Herr der Untersuchung ist», erklärt der Direktor des Instituts. Das ist so, weil es in der Zentralschweiz kein eigenes gerichtsmedizinisches Institut gibt. Lediglich in Zug nimmt pro Jahr auch Kantonsarzt Rudolf Hauri, der früher selbst in der Zürcher Rechtsmedizin arbeitete, einige Legalinspektionen in kleineren, unkomplizierten Fällen vor.

Zuger Todesfälle, die in der jüngsten Vergangenheit für Schlagzeilen sorgten, waren etwa der Doppelmord an zwei Frauen in einem Zuger Penthouse 2007, bei dem die Leichen durch einen Brand entstellt worden waren. Oder etwa der Suizid einer Zuger Studentin im letzten Jahr. Auch mit diesen Verstorbenen beschäftigte sich die Zürcher Forensik. «Es gibt Fälle, die sind wirklich enorm tragisch», sagt Michael Thali. Fälle, die einem trotz der rationalen und analytischen Vorgehensweise als Mediziner unter die Haut gehen würden. «Das sind dann etwa Todesfälle wie Säuglingsleichen oder eben Verstorbene, deren Biografie der eigenen ähneln», räumt der zweifache Familienvater ein.

Forensiker sein ist «cool»

Wobei es ein Mythos ist, dass es der Gerichtsmedizin aufgrund der täglich schweren Arbeit im Umgang mit Toten, Verbrechen und trauernden Angehörigen an Fachkräften mangelt. «Forensiker zu sein, gilt heutzutage als durchaus cool», so Thali. Das habe auch mit solchen Fernsehserien wie CSI zu tun. «Die haben bei uns auch schon wegen unserer ‹Virtopsy› angerufen und diese dann in einer ihrer Serien entsprechend eingebaut.»