ZUG: Als die Protopopows da waren

Der Eiskunstlauf in Sotschi ist in vollem Gang. Das weckt Erinnerungen beim früheren «Guggital»-Wirt Franz Elsener. Der beherbergte einst exklusive Gäste. Ganz geheim.

Wolfgang Holz
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Stolz zeigt Franz Elsener das «Guggital»-Gästebuch mit dem Eintrag der sowjetischen Eislaufstars. (Bild Werner Schelbert)

Stolz zeigt Franz Elsener das «Guggital»-Gästebuch mit dem Eintrag der sowjetischen Eislaufstars. (Bild Werner Schelbert)

Es war im September 1979. Da bekam Franz Elsener, Wirt und Hotelier im «Guggital», plötzlich einen Anruf. «Es wurde gefragt, ob wir die Protopopows bei uns im Hotel aufnehmen könnten», erzählt der 81-jährige Zuger. Wenig später checkte die sowjetische Eiskunstlauflegende im Zuger Hotel am Hang ein. Zuvor hatten sie drei Nächte in der «Krone» in Sihlbrugg übernachtet. «Warum es die Sportler damals gerade in den Kanton Zug verschlagen hat, wissen wir nicht», erzählt Elsener.

Erfinder der «Todesspirale»

Was er und seine Ehefrau Klärly jedoch sehr bald wussten: Oleg und Ludmilla Protopopow, die Doppelolympiasieger im Paarlauf von 1964 und 1968 sowie Erfinder der spektakulären «Todesspirale»-Figur, waren nach dem Ende ihrer Karriere auf der Flucht. «Sie hatten gewusst, dass sie nach ihrer sportlichen Laufbahn ihre Privilegien im kommunistischen Staat verlieren würden. Und so waren die beiden Leningrader während einer Tournee in Deutschland und in der Schweiz getürmt.»

Im ruhigen Zug verbrachten sie schliesslich mehrere Wochen – ohne dass jemand grosse Notiz von ihnen nahm. «Und das war natürlich auch so beabsichtigt», erinnert sich Franz Elsener. Denn die beiden hätten ja nicht entdeckt werden wollen. Vor allem nicht von KGB-Spionen, die sie dann möglicherweise zurück in die Sowjetunion entführt hätten. «Deshalb sprachen die beiden nie miteinander, solange andere Personen anwesend waren, wenn sie im Speiseraum sassen», sagt der frühere «Guggital»-Wirt. Die Eiskunstlaufstars, vierfache Welt- und Europameister, hätten jeden Tag in der Herti auf dem Eis trainiert. «Und wir telefonierten immer mit der Eishalle, wann sie dorthin mit dem eigenen Auto los- und wann sie zum Hotel zurückfuhren», so Elsener. Falls etwas dazwischen gekommen wäre – hätte er laut Anweisung Protopopows die Polizei verständigen sollen.

Alle Goldmedaillen dabei

Doch das ist Gott sei dank nicht passiert. «Wenn die Beiden vom Eislaufen zurück ins ‹Guggital› gekommen sind, haben sie zumeist auf ihrem Zimmer – der Nummer 41, einem Eckdoppelzimmer – zu Nacht gegessen», sagt der Zuger. «Zürcher Geschnetzeltes mochten sie besonders gern», erinnert sich Ehefrau Klärly. Irgendwann zeigten die Sportstars dem Zuger Wirtepaar auch ihre vielen Goldmedaillen, die sie auf ihrer Flucht mitgenommen und im Hotelzimmer aufbewahrt hatten. «Sie waren sämtlich an einem roten Band aufgereiht», weiss Elsener. Auch das Video von ihrem letzten Auftritt in der Sowjetunion vor ihrer Flucht zeigten die Protopopows den Elseners.

Kurz vor Weihnachten erhielt das «Guggital»-Wirtepaar dann eine Karte von den beiden Russen aus Grindelwald. Dorthin ist das Eiskunstlaufpaar gezogen und lebt dort nun schon 35 Jahre lang, nachdem sie Asyl erhalten hatten. Seit 1995 besitzen sie die Schweizer Staatsangehörigkeit. Und noch jeden Tag gehen der 81-jährige Oleg und die 78-jährige Ludmilla aufs Eis. Doch im Augenblick weilen die Beiden als Ehrengäste in Sotschi. «Deshalb haben sie wahrscheinlich noch nicht auf unsere Weihnachtskarte geantwortet, die wir ihnen geschickt haben», sagt Klärly Elsener. Noch immer stehen die Zuger schriftlich in Kontakt mit den Russen. Auch die Protopopows haben den Zugern all die Jahre Grüsse geschickt. «Sie sind wirklich sehr sympathisch.»