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ZUG: Bei diesem Konzert des Stadtorchesters bebt gar das Podest

Das traditionsreiche Stadtorchester Zug hatte zu seinem diesjährigen Sommerkonzert die junge Cellistin Chiara Enderle eingeladen. Schon im Foyer schwärmten die Zuhörer von ihrer Begabung und ihrer Natürlichkeit.
Die Cello-Solistin Chiara Enderle (rechts) spielt ihren Part perfekt. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 1. Juli 2017))

Die Cello-Solistin Chiara Enderle (rechts) spielt ihren Part perfekt. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 1. Juli 2017))

Dorotea M. Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Was nimmt man als Laie in einem klassischen Konzert wahr, was erlebt man, und wie kann man es in Worte fassen? Während das Ohr hört, schaut bei live gespielter Musik das Auge zeitgleich mit, sieht einerseits die Körper sich spannen und biegen mit den Bewegungen, welche die Töne hervorbringen, und beobachtet andererseits in den Gesichtern eine Konzentration, die zwei Pole zu haben scheint: Wille und Hin­gabe.

So war es am vergangenen Freitagabend, da bot das Zuger Stadtorchester sein jährliches Sommerkonzert und feierte Bach, Haydn und Schubert. Das «Brandenburgische Konzert Nr. 1» evozierte zuerst Bilder von Jagdpartien zu Pferd, wie sie in alten Filmen vorkommen, denn im Mittelpunkt standen zwei Hörner und ihr musikalischer Wettstreit mit Oboen, Fagott und den Streichern. Schön, wie sich dann im zweiten Satz, in den melodischen Arabesken eines ausdrucksvollen Adagios, die Solovioline und die erste Oboe zu einem klagenden Zwiegesang verflochten, begleitet von den Holzbläser- und Streicherchören.

Die Lautstärken der Solisten waren gut abgestimmt auf die Tuttis des Orchesters. Gegen Satzende traten plötzlich die drei Kontrabässe in den Vordergrund, mit vibrierender Tiefe, unisono gewitterhaft geballt unter den abschliessenden Einzelakkorden der anderen Instrumente. Die Sologeige machte Höhenflüge im dritten Satz, mühelos griff Alin Velian die anspruchsvollen Doppelgriffe, dialogisierte mit der Oboe, einer zweiten Violine, den Hörnern.

Ein Meilenstein für jeden Cellisten

Im letzten Satz schliesslich, einem Rondo, wurde aus der Jagd auch ein Tanz: Das als Refrain auftretende Menuett war schon fast ein Walzer, durch starke Beschwerung des ersten Taktschlags; die Holzbläser intonierten einen etwas melancholischeren Dreivierteltakt, die Streicher eine zarte, leise getriebene Polonaise und die Hörner eine übermütig lärmende Gavotte. Ob Solist oder Tutti-Musikant – das Stadtorchester spielte unter dem entspannten, humorvollen Dirigat von Jonathan Brett Harrison eingespielt, aber wunderbar engagiert und hingegeben. Dann kam sie, Gegenstand der Erwartung und Neugier des Publikums: Chiara Enderle, die schon als Kind mit ihren Musikereltern auf Welttournee ging, heute regelmässig Solistin bei namhaften Orchestern ist und diesen Sommer zum Lucerne Festival eingeladen wurde. Im rosa Paillettenkleid mit raumgreifendem Schritt erscheint sie, nimmt schnell ihren Platz auf erhöhtem Podest ein – ihre Nervosität ist nur in der etwas hastigen Begrüssung des Konzertmeisters zu spüren –, und dann spielt sie Haydns erstes Cellokonzert, das als spieltechnisch anspruchsvoller Meilenstein für jeden Cellisten gilt. Nach der orchestralen Einleitung, die sie wiegend im Körper empfängt, fährt sie mit dramatischem Strich einen Akkord über alle vier Saiten hinweg und stürmt weiter. Ihr Spiel ist technisch perfekt, mühe- und schwerelos. Manchmal ist der Ton voll dezidierter Kraft, angreifender Bestimmtheit und vorwärtsstürmenden Temperaments, dann wieder – besonders schön in der langsam anschwellenden Anfangsnote des zweiten Satzes – samten angesetzt, in lyrischem Vibrato oder Legato, innig und tief empfunden. Im dritten Satz entfaltet sich ihre Virtuosität in rasanten Läufen und temporeichen Tonhöhe-Wechseln – die Energie bündelt sich und explodiert beinahe.

Sie scheint öfters entrückt mit nach oben gerichtetem Blick. Aber in Momenten gemeinsamen Einsatzes schaut sie, vollkommen präsent, über die Schulter den Konzertmeister zu ihrer Rechten an, vergewissert sich dessen Begleitung.

Das Publikum lässt sie nicht gehen

Selbstvergessenheit und Kommunikation gleichzeitig – das wirkt magisch, und so lässt das Publikum sie nach ihrer Parforce-Leistung nicht gehen, sie muss nochmals spielen, dieses Mal die Gigue aus der 6. Bach-Suite, und wieder transportiert sie diese Mischung aus Präzision, Kraft, Leichtigkeit und intensiv vermittelter Hingabe.

Nach der Pause offerierte das Stadtorchester die vier Sätze von Schuberts dritten Sinfonie, in welcher Soloklarinetten, Flöten und Pauken zum Zug kamen. Das Ganze fand seinen Abschluss in einem fulminanten Presto, vielstimmig und grandios, einer eigentlichen «Höhepunktsnummer», welche Harrison so heftig dirigierte, dass sein Podest bedrohlich mitbebte.

«Wir spielen diese Sinfonie noch einmal», sagte der Dirigent, als das Publikum ihn nicht gehen lassen wollte, «am 16. September anlässlich der Eröffnung des neuen Theater Casino Zug.» Das war ein Versprechen, das eine Zugabe erübrigte.

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