Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ZUG / BERLIN: Sie erschafft Mode aus einer rauschenden Epoche

Die Zugerin Virginie Henzen hat das 20er-Jahre-Modelabel Tilda Knopf in Berlin gegründet. Gestern präsentierte sie ihre Kollektion erstmals der Öffentlichkeit. Sie verrät uns, was sie an den Goldenen 20ern fasziniert.
Christoph Reichmuth, Berlin
Virginie Henzen in ihrer Berliner Modeboutique Le Boudoir. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (14. November 2017))

Virginie Henzen in ihrer Berliner Modeboutique Le Boudoir. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (14. November 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

christoph.reichmuth@luzernerzeitung.ch

Wir kommen mit einer fünfzehnminütigen Verspätung zum vereinbarten Termin im Le Boudoir im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Virginie Henzen begrüsst den Fotografen und den Journalisten in ihrer Modeboutique mit einem etwas strengen, prüfenden Blick. Sie verlangt nach einer Erklärung.

Rasch lockert sich die Atmosphäre auf, aber die erste Begegnung an diesem späten Donnerstagnachmittag lässt keine Zweifel: Virginie Henzen ist eine selbstbewusste junge Frau, warten lassen sollte man die 29-Jährige besser nicht. Kein Wunder, hat sich die Zugerin der Mode einer Zeitepoche verschrieben, die für ein neues Selbstbewusstsein der Frau steht wie kaum eine andere: die Goldenen 20er-Jahre. Die Wirtschaft florierte in der kurzen Epoche zwischen 1924 und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 dank fauler Kredite. Die Zeit der Hungers­nöte, der politischen Instabilität und der Revolten nach dem Ersten Weltkrieg war zumindest für eine kurze Zeit vorüber.

Kurze Phase der politischen Entspannung

In Berlin, der Hauptstadt der jungen Demokratie der Weimarer Republik, manifestiert sich damals ein neues Lebensgefühl. Kinos öffnen ihre Pforten, in den Ballhäusern entlang des Kurfürstendamms tanzen sie zu Swing, am Berliner Broadway gibt es Kleinkunst, das Leben pulsiert in den unzähligen Bars und Teestuben, nachts steigen rauschende Partys. «Die Zeit der Goldenen 20er-Jahre ist mit keiner anderen Zeitepoche zu vergleichen. Es war eine kurze Phase der politischen Entspannung, das Lebensgefühl war geprägt von Hedonismus», sagt die in Oberägeri geborene und in Zug aufgewachsene Modedesignerin. Vor allem die Frauen befreiten sich damals von den früheren gesellschaftlichen Zwängen und entwickelten ein eigenes Selbstbewusstsein.

Durch den nach dem Ersten Weltkrieg herrschenden Frauenüberschuss engagierten sich Frauen verstärkt in neuen Berufsfeldern, die Gesetze in der Weimarer Republik brachten Frauen neue Freiheiten. Die junge Generation amüsierte sich in Bars und Teehäusern, Rauchen war nicht mehr nur den Herren vorenthalten, Alkohol floss reichlich. In konservativen Kreisen etablierte sich das neue Schlagwort «Die neue Frau» als Schimpfwort.

«Wie sich die Frau selbst gesehen hat»

Auch in der Mode gingen die Frauen neue, eigene Wege. Vorbei waren die Zeiten, als männliche Schneider und Modefachleute bestimmt hatten, wie kurz der Rock zu sein und wie viel Taille die Frau zu zeigen hat. «Die Frau kleidete sich damals, wie sie es für richtig hielt, wie sich die Frauen damals selbst gesehen haben. Das erste und einzige Mal bis in die heutige Zeit hat die Frau alleine über ihr Aussehen bestimmt», sagt Henzen, die nach einer Schauspielausbildung in Zürich vor sieben Jahren in die deutsche Hauptstadt gezogen ist.

Während ihrer Ausbildung an der Akademie für Mode und Design in Berlin hat sie die Faszination für die Mode der 1920er- Jahre entwickelt. «Wäre die Welt frei von Kriegen und Konflikten», sinniert die Modedesignerin, «ich glaube, die Mode hätte hohe Ähnlichkeit mit der Mode der damaligen Zeit.» Vor einem Jahr öffnete Henzen im Szenebezirk Friedrichshain ihre Modeboutique Le Boudoir. Der Name passt zu diesem kleinen Geschäft, das einen beim Betreten in eine fast 100 Jahre zurückliegende Epoche zurückversetzt. Le Boudoir heisst, frei übersetzt, so viel wie Ankleidezimmer. Die Wände in Henzens Boutique sind geschmückt mit original Schwarz-Weiss-Fotografien der damaligen Zeit. Zu sehen sind darauf elegant gekleidete junge Frauen im Capelet oder in orientalisch angehauchten Überwurfkleidern. Neben eleganter Damengarderobe gibt es auch eine kleine Auswahl an feinen Herrenanzügen der 20er-Jahre. Daneben hat es Accessoires wie Zylinderhüte, Fliegen, Damenhüte und schicke Taschen, Schuhe, Glasperlen und Federschmuck. In der Ecke steht ein golden glänzendes Grammofon.

Grosser Auftritt bei Modeschau

Henzen hat schon wenige Monate nach Eröffnung ihrer Modeboutique erkannt, dass ein grosses Bedürfnis an Kostümen und Kleidern der 20er besteht. Le Boudoir ist die einzige Modeboutique in der 3,5-Millionen-Metropole, die sich ganz dieser Zeitepoche verschrieben hat. 2016 gründete Henzen mit «Tilda Knopf» ihr eigenes Modelabel. Zwölf handgefertigte Abendkleider für Winter- und Sommermonate hat sie in Zusammenarbeit mit einem indischen Designer entworfen, die Kollektion nennt sich «Flapper at Heart». Flapper war in den 20er-Jahren die Bezeichnung für junge Frauen, die sich sowohl modisch als auch vom Benehmen her den gesellschaftlichen Konventionen entgegenstellten.

Henzens Kleider tragen Namen einflussreicher Intellektueller der damaligen Zeit, vor allem von Schriftstellerinnen. Claire, Marita, Alice, Marie-Madeleine, Käthe, Ruth oder – wie das in Grünton gehaltene Abendkleid, welches Henzen bei unserem Treffen trägt – Matilda. Die hohe Handwerkskunst hat sich bis in prominente Kreise herumgesprochen. Die bekannte Film- und Theaterschauspielerin Meret Becker sorgte unlängst in einem von Henzen angefertigten Kleid anlässlich einer Filmpremiere für internationalen Medienrummel. Das transparente Abendkleid von Tilda Knopf befand die britische Boulevard­zeitung «The Daily Star» als so gewagt, dass das Revolverblatt daraus eine fette Schlagzeile mitsamt Foto von Becker in Henzens Kleid zimmerte.

Einen weiteren wichtigen Moment ihrer noch jungen Karriere hatte die Zugerin gestern Abend. Im Rahmen der 20er-Jahre-Party-Reihe Bohème Sauvage präsentierte Henzen ihre Kollektion «Flapper at Heart» vor 700 Partybesuchern. Es war die erste reine 20er-Jahre-Modeschau in Berlin.

Henzen arbeitet bereits an einer neuen Kollektion von eleganten Abendkleidern. Wohin sie die Reise führen wird, weiss die 29-Jährige nicht. Vielleicht wird sie ihre Mode dereinst auch in der Schweiz präsentieren, es wäre ihr Traum. Sie blickt jedenfalls voller Zuversicht in die Zukunft. Die 20er-Jahre, sie brechen ja bald schon wieder an.

Hinweis

Mehr Informationen zu Virginie Henzens Modelabel finden Sie unter: www.boheme-sauvage.net/boudoir.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.