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ZUG: Beschuldigte streiten Mordversuch vor Zuger Strafgericht ab

Ein wohlhabender Mann mit Leberschaden, seine Frau, die ihren Traum von der Schweiz nicht verlieren will und ihr Liebhaber, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Die Anklage: versuchter Mord. Unbemerkt sollten die Schmerzmittel töten.
Das Zuger Kantons- und Strafgericht. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Zug, 12. Mai 2015))

Das Zuger Kantons- und Strafgericht. (Bild: Urs Flüeler/Keystone (Zug, 12. Mai 2015))

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch

Erst letztens brach der 51-jährige mit den nach hinten gegelten Haaren und dem Goldschmuck zusammen. Blutergüsse auf seinem Gesicht zeugen davon. Sein Körper ist ausgemergelt. Seine dünnen Beine und Arme zittern, während er vor Gericht spricht.

Der Schweizer, der regelmässig in Zypern lebt, wo er eine Wohnung geerbt hat, ist schwerer Alkoholiker und hat einen Leberschaden. Und diesen Umstand probierten sich, so die Zuger Staatsanwaltschaft, seine 39-jährige rumänische Ehefrau und sein Kollege, ein 46-jähriger Schweizer, der vor Gericht angibt, hohe Schulden zu haben, zunutze zu machen. Aufgeflogen ist das vermeintliche Verbrecherpaar im August 2016, als das Opfer feststellte, das seine Kreditkarte illegal benutzt wurde. Über die IP-Adresse stiess die Zuger Polizei auf den 46-Jährigen. Das Foto mit den Kreditkarteninformationen hatte er von der Frau des Angeklagten über Whatsapp erhalten. «Dieser Fall bietet wirklich genügend Stoff für einen Fernsehkrimi», sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer dazu. Nach der Auswertung der Chat-Nachrichten ging es nämlich, um mehr als Diebstahl.

Sie chatteten über Medikamente und Dosierungen

So bestand ein Grossteil des gestrigen Prozesstages aus Befragungen zu den auf die Wand projizierten Chat-Chroniken. Wie viel sie ihm heute gegeben hat, will der Angeklagte im Chat wissen. Vier Tabletten, antwortet die ­Angeklagte. Ob sie ihm einen ­Gefallen tun könne, schreibt er. Sie sollte ihm doppelt so viel geben. Dann will er wissen, ob sie ihm immer noch vier Gramm gibt. Geht nicht, zu bitter, schreibt sie. In einem anderen Chat offenbaren die beiden, dass sie wussten, dass nur eine geringe Menge Paracetamol bei Leberschaden tödlich sein kann. Gemischt habe sie das Getränk laut Staatsanwaltschaft jeweils mit den täglichen Spirituosen des Opfers, den mit Wasser vermischten Ouzo, dessen milchiges Äusseres das Pulver unsichtbar gemacht habe. Auch Pentobarbital, das von Sterbeorgani- sationen wie Exit eingesetzt wird, war Thema in den Chats. Die Quelle des Täters laut Staatsanwaltschaft eine weitere seiner Liebschaften mit beruflichem Zugang zu Medikamenten. Und auch der Chat war Thema.

In einem weiteren Chat zwischen den Angeklagten geht es darum, wie das Opfer mit seinem Geld umgeht. Von was dieser in drei Monaten essen wolle, fragt der 46-jährige. An seiner Rolex lutschen schreibt sie zurück. Für Hotels, Drogen und Rock ’n’ Roll würde sein Geld draufgehen. Und hier vermutet die Staatsanwaltschaft auch das Motiv. Sie hätte unter anderem eine Wohnung geerbt, die sie für 500000 habe verkaufen wollen und Angst gehabt, dass er sein ganzes Eigentum verschwende, bevor er stirbt.

Die Angeklagten bestritten trotz Beweislast die Tat. Während sie, das Gesicht von ihren Haaren verdeckt, mit leiser Stimme und teils weinend den Chat abwechselnd als Spiel und als Art Beweissammlung gegen potenzielle böse Absichten des Angeklagten darstellte. Dieser habe von ihrem Mann Geld geliehen und sie sich gesorgt, dass diesem etwas zustosse, behauptete sie irgendwann. Gab der Angeklagte – gut gekleidet, selbstbewusste Stimme – an, er habe nur bei der Behandlung der Schmerzen seines Freundes behilflich sein wollen. Zudem habe er ihr nur Aufmerksamkeit geben wollen, weil ihr die Decke mit dem alkoholkranken Mann immer wieder, wie auf den Kopf gefallen sei.

Auch eine Katze nenne sie Schatz

Die Beziehung stritten die beiden ebenfalls ab. Zwei-, dreimal Sex, mehr nicht. Auch eine Katze nenne sie Schatz, sagte sie. Auch, dass sie, um in Ruhe ihrer Liebschaft nachzugehen, dem Opfer ebenfalls unbemerkt Schlafmittel gegeben hätten, dementierten die beiden. Der Staatsanwalt sieht dies anders. Wegen versuchten Mordes fordert er für beide Freiheitsstrafen von zehn Jahren. Nicht von der Tat seiner Frau überzeugt war übrigens das Opfer selbst. Er zweifle daran, sie habe sich schliesslich doch immer gut um ihn gekümmert. Er war bemüht, darauf hinzuweisen, dass er diverse Schmerztabletten regelmässig aus freien Stücken einnehme. Der Staatsanwalt sagte dazu: Das Opfer habe die Menge der Tabletten im Laufe der Untersuchung zu Gunsten seiner Frau nach oben korrigiert. Aber auch damit sei die Konzentration, die das Zürcher Institut für Rechtsmedizin in seiner Haarprobe gefunden habe, nicht zu erklären.

Das Institut musste gar extra einen neuen Test entwickeln, da der Bisherige nicht aus­reichte, um solch hohe Konzentrationen zu erfassen. Heute ­folgen die Plädoyers der Ver­teidigung. Das Urteil soll im ­Dezember fallen.

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