Zug
Briefmarkenbörse findet zum ersten Mal in neuem Lokal statt

Der Philatelistenverein Zug hielt seine Briefmarkenbörse zum ersten Mal im neuen Lokal an der Dammstrasse 22 ab – mit unerwartet hohem Zustrom. Der Anlass bewies auch, in welch facettenreiche historische Tiefen das Sammeln führen kann.

Dorotea Bitterli
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Die erste Briefmarkenbörse des Philatelistenvereins Zug zog zahlreiche interessierte Sammlerinnen und Sammler an.

Die erste Briefmarkenbörse des Philatelistenvereins Zug zog zahlreiche interessierte Sammlerinnen und Sammler an.

Bild: Maria Schmid (Zug, 22. Januar 2023)

Am Sonntagmorgen wird die Siemens-Mensa «Five moods» kurzerhand zur grosszügigen Briefmarkenbörse des Philatelistenvereins Zug umfunktioniert: An den langen Tischen breiten Hobby- und Profisammler in Schachteln, Karteien und Alben ihre Schätze aus, und gleich ab Öffnungszeit um 9.30 Uhr stellen sich die ersten Besucherinnen und Besucher ein. «Personen, die ich noch nie gesehen habe!», freut sich der Vereinspräsident Stefan Sägesser. Der hochengagierte Philatelie-Profi ist überall gleichzeitig, betreibt seinen eigenen Stand, begrüsst Gäste und fachsimpelt mit Kollegen.

Marken-Liebhaberei

Die intensive Stimmung im Raum erzählt von Sammlerleidenschaft. Börsenobmann Silvio Freund beschreibt, wie er als Kind fasziniert war von den farbigen Marken im Nachlass seiner Grosseltern, das Hobby in der Jugendzeit jedoch aufgab, um es später im Leben wiederzuentdecken – und schliesslich sogar zum Beruf zu machen.

Die Faszination des Sammelns habe die unterschiedlichsten Ursprünge: Die einen sammeln nach Bildthemen wie beispielsweise Berghütten, Burgen und Schlösser, Pferde oder Luftseilbahnen, die anderen nach Ländern – weltweit. Einige fokussieren auf «Vorphilatelie», also Briefumschläge aus einer Zeit, in der es noch keine Marken, sondern nur Poststempel gab.

Noch heute ist das Sammeln von Briefmarken eine verbreitete Leidenschaft.

Noch heute ist das Sammeln von Briefmarken eine verbreitete Leidenschaft.

Bild: Maria Schmid (Zug, 22. Januar 2023)

Überhaupt bevorzugen die Sammler Marken samt ihren Originalcouverts, forschen nach bestimmten Stempeln wie dem «Zuger P.P.» oder der «Rosette von Ossingen». Für den Wert einer Marke sind aber auch die «Zähne» am Rand oder das Papier wichtig.

Oder es fasziniert ein historisches Thema. So hat Sägesser eine Sammlung «Postgeschichte des Kantons Zug» aufgebaut, mit der er an der internationalen Briefmarkenausstellung «Pro Helvetia 2022» in Lugano erfolgreich teilnehmen durfte. Begeistert schildert er, wie das Sammeln zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte «hinter den jeweiligen Objekten» werden kann.

Profis und Händler

Seit 2022 ist Sägesser Vollprofi, kauft und verkauft als Briefmarkenhändler und Numismatiker, berät und gibt Kurse, will sein über Jahrzehnte gesammeltes Wissen weitergeben. In seiner Funktion als Vorstandsmitglied des Verbands Schweizerischer Philatelisten-Vereine VSPhV liegt ihm die Nachwuchsförderung besonders am Herzen – etwa mit Klassenbesuchen, Ferienpässen und Workshops.

Auch an der Börse gibt es eine Jugendecke – mit einer Schatztruhe voller bunter Marken, einem Marken-Memory und Papier und Farbstiften, um selbst Marken zu designen.

Nicht nur Marken fanden Anklang, auch Couverts und Ansichtskarten finden ihre Liebhaber.

Nicht nur Marken fanden Anklang, auch Couverts und Ansichtskarten finden ihre Liebhaber.

Bild: Maria Schmid (Zug, 22. Januar 2023)

Hier treffen sich aber auch Auktionsprofis, wie zum Beispiel Tobias Schwarzentruber von der «Luzernerraute GmbH» (Sursee), dessen Geschäft davon lebt, dass Marken zu Kapitalanlagen werden können. Basis für das Handeln mit Briefmarken sind zwei Kataloge, der «Zumstein» und der «Schweizer Briefmarken Katalog» des Schweizerischen Briefmarken-Händler-Verbandes SBHV – dicke Bücher, in denen philatelistische Schätze beschrieben und mit einem Referenzpreis versehen sind.

Geschichten und Weltgeschichte

An einem der Tische hat Urs Calonder, Profi-Händler und internationaler Auktionator der «Swissasia Philately Ltd» sowie Präsident des Philatelistenvereins Rätia (Chur), seine Spezialitäten, nämlich Kostbarkeiten zwischen der Schweiz und Fernost, ausgebreitet. Er erzählt von einer Bundesfeierkarte aus dem Jahr 1930 an den in China weilenden deutschen Tropenmediziner Gerhard Rose: Durch Recherchen war zu erfahren, dass es sich um einen späteren NS-Arzt handelte, der bei den Nürnberger Prozessen 1945-49 wegen Menschenversuchen an KZ-Insassen verurteilt wurde. So kann die philatelistische Liebhaberei unversehens zu individuellen Biografien und historischen Abgründen führen.

Die nächste Briefmarkenbörse findet statt am 11. Juni 2023. Weitere Informationen: www.philatelistenverein-zug.ch