Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ZUG: Christ, Muslim oder Jude? Mensch!

Das Münchner Volkstheater begeisterte am Freitag mit einer brillanten Aufführung von «Nathan der Weise». Die neue Interpretation stellte den mächtigen Text ins Zentrum.
Fabian Gubser
Im Dialog (von links): Recha, Nathans Tochter (gespielt von Pola Jane O’Mara), Nathan (August Zirner) und Al Hafi (Mehmet Sözer).

Im Dialog (von links): Recha, Nathans Tochter (gespielt von Pola Jane O’Mara), Nathan (August Zirner) und Al Hafi (Mehmet Sözer).

Fabian Gubser

redaktion@zugerzeitung.ch

«Du hast einen Engel gesehen? – So wollen wir uns freuen!» Der Jude Nathan kommentiert ironisch, als seine Tochter Recha ihm erzählt, dass sie von einem christlichen Tempelherrn vor dem Feuertod bewahrt wurde. Recha möchte dem «Engel» danken – doch ihr Vater fragt, ob es nicht die Pflicht eines Engels sei, Gutes zu tun. Wofür sollte Recha also danken? Sofort entbrennt ein Streit zwischen Vater und Tochter, nach dem Recha sich nicht mehr sicher ist, ob sie wirklich von einem Engel oder von einem Sterblichen gerettet worden ist.

Diese Szene spielt am Anfang des Stücks «Nathan der Weise» von Gotthold Ephraim Lessing, das am Freitagabend im Zuger Theater Casino vom Münchner Volkstheater aufgeführt worden ist. Sie ist bezeichnend für die Rolle der Hauptfigur. Nathan, Kippa auf dem Kopf, die Hände gemütlich in die Jackentasche gesteckt, erinnert an den lässigen und weisen Grossvater, den man sich als Kind immer gewünscht hat. Immer wieder verwickelt er sein Umfeld in erfrischende, Sokrates-ähnliche Dialoge, bei denen das fest geglaubte (religiöse) Wissen in seinen Grundfesten erschüttert wird. Höhepunkt dieser Reflexionen ist die viel zitierte Ringparabel, mit der Nathan auf die Frage des muslimischen Sultans nach der «einzig wahren Religion» antwortet.

Ideen der Aufklärung

Das Theaterstück wurde laut Programmheft 1779 zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution veröffentlicht und strotzt von Ideen der Auf­klärung. Ausgangspunkt für das Stück war ein mehrjähriger Streit zwischen dem Theologen Lessing und einem Pastor über die Frage, ob die Bibel wörtlich zu nehmen ist oder nicht.

Der Regisseur Christian Stückl entschied sich für ein asketisches Bühnenbild: Ein sich wellender Holzrost erinnert an Dünen, der Ort des Geschehens ist nicht genau festgelegt, auf dem schwarzen Hintergrund werden kriegerische Filmszenen eingeblendet. Die entstehenden Bilder sind wunderbar. Als der Tempelherr herausfindet, dass die von ihm angebetete Recha eigentlich Christin ist, sucht er Rat bei seinem religiösen Oberhaupt, dem «Patriarchen», ein mit Samthandschuhen und langen weissen Haaren ausgestattetem Greis. Dieser redet sich fürchterlich in Rage und wirkt dabei herrlich schauerlich, da durch ein kleines Feuer sein hünen­hafter Schatten mit seinen wild gestikulierenden Händen an die Wand geworfen wird. Trotz der Bildgewalt steht der dichte, von Ellipsen und Satzumstellungen nur so gespickte Text im Vordergrund. Leider hat der Zuschauer teilweise etwas Mühe, ihn akustisch zu verstehen.

Wenige Junge im Publikum

Unter den Zuschauern im Theater Casino ist die dominierende Haarfarbe weiss, nur ein Kantonsschullehrer mit seiner Klasse und einige Aktive des Kinder- und Jugend-Theaters Zug drücken den Altersdurchschnitt nach unten. Luis Koch (19) von ebendiesem vermisste etwas Bewegung im Spiel und befand einzelne Szenen als etwas «plump», zum Beispiel die Kussszene zwischen dem Tempelherrn und Recha, nach der die Tochter von Nathan plötzlich ein englisches Poplied anstimmt. Andere hingegen sind positiv überrascht, wie Reinhold Woodtli aus Walchwil. Der 80-Jährige freute sich über eine original-nahe, «bekömmliche» Umsetzung. Woodtli hatte von der modernen Interpretation «Schlimmeres» befürchtet. Da er den Text im Vorhinein genau studiert hatte, ist ihm aufgefallen, dass die Schwester des Sultans in dieser Fassung durch einen Bruder ersetzt wurde.

Schlussendlich stellt sich in dem eher unaufgeregten, aber für die damalige (und auch heutige) Zeit unerhörten Schluss heraus, dass die christlichen, muslimischen und jüdischen Protagonisten allesamt miteinander verwandt sind. Dieses Theaterstück handelt somit nicht von Mus­limen, Christen und Juden, sondern von Menschen. Mit seiner hervorragenden Aufführung brachte das Münchner Volkstheater diese flammende Botschaft des Stücks zum Leuchten. Sie ist aktueller denn je.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.