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ZUG: Damit Flüchtlinge nicht schwarzfahren

Wenn Asylbewerber zu uns kommen, finden sich viele nicht sofort zurecht. Die Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB) zeigen ihnen, wie man korrekt ein Busbillett löst. Und nicht nur das.
Wolfgang Holz
Integration der anderen Art: Asylbewerber lernen bei der ZVB, wie man ein Busbillett korrekt löst. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Integration der anderen Art: Asylbewerber lernen bei der ZVB, wie man ein Busbillett korrekt löst. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Wolfgang Holz

Das kleine Grüppchen aus Afghanen und Persern steht erwartungsvoll vor der leuchtenden Säule in der dunklen Busgarage. Ehsan kann es kaum erwarten – und drückt schon mal freudig auf den Touchscreen des Billettautomaten. «Halt, halt, nicht so schnell», bremst ihn Aldo Deflorin, Kundenberater bei der ZVB. Sagts und weiht die Handvoll Flüchtlinge aus der Durchgangsstation Steinhausen mit Hilfe einer Übersetzerin während einer 40-minütigen Demonstration in die «Geheimnisse» des Ticketkaufs ein.

«Nein, soviel kostet das nicht!»

«Was ist das Wichtigste, wenn man eine Reise macht», fragt er in die Runde, bevor er seinen wissbegierigen Zuhörern erklärt, wann man etwa auf das Feld «Abfahrtsort ändern» drücken muss. Wie man einen Zielort eingibt. Was ein Halbtax-Abo ist. Und wie man eine Tageskarte verwenden kann. «Wenn Du den Fahrschein am gleichen Tag beispielsweise nicht mehr brauchst», sagt er zu einem Asylbewerber, «kannst Du ihn auch noch einem Kollegen geben», empfiehlt er.

Als einer der Flüchtlinge dann im Selbstversuch spontan eine Fantasiereise von Cham nach Genf plant und auf dem Automaten plötzlich «323 Franken» und «1. Klasse» aufleuchten, tritt dieser erschrocken einen Schritt zurück. «Nein, nein, so viel kostet das nicht mit Halbtax und 2. Klasse», hilft Deflorin und lacht – bis der korrekte Preis von 93 Franken auf der Leuchtanzeige aufscheint. «Du kannst auch mal nur einfach bezahlen, dann ist es nicht gleich so teuer.»



Kein gravierendes Problem

Die Schwarzfahrerquote bei der ZVB ist mit ungefähr einem Prozent vergleichsweise niedrig. Dass darunter vermehrt Asylsuchende wären, trifft gemäss ZVB-Mediensprecherin Kathrin Howald aber nicht zu. Trotzdem sei diese, für Asylbewerber freiwillige ÖV-Schulung, welche die ZVB nun schon zum fünften Mal organisiert hat, für beide Seiten eine Win-win-Situation. «Denn für uns sind die Flüchtlinge, die eine solche Schulung besucht haben, extrem gute Multiplikatoren für andere Asylbewerber», so Howald. Andererseits freuten sich die Flüchtlinge, mal rauszukommen und etwas Neues zu lernen. Als Dank erhalten alle Kursteilnehmer nach der Schulung eine Tageskarte der ZVB, welche sie für einen gemeinsamen Ausflug auf dem ZVB-Liniennetz brauchen können. Eine gute Sache. Howald: «Nicht zuletzt gelingt es der ZVB mit dieser Schulung, den Asylsuchenden zu zeigen, dass ein Uniformierter im Bus nicht ein Militär ist, von dem sie gleich verhaftet werden, sondern ein Buschauffeur oder Kundenberater, der sie bei Fragen unterstützt.»

Abdul Malik Cheikh Baker, ein 20-jähriger Syrer, der schon seit über einem Jahr in Zug auf seine Anerkennung als Flüchtling wartet und einen mit flottem Schwiizerdüütsch überrascht, bestätigt: «Ich kaufe meine Tickets immer beim Chauffeur, da weiss ich, dass ich nichts falsch machen kann», sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. Der ZVB-Kundenberater macht den Flüchtlingen sogar Mut: «Falls ihr bei einer Kontrolle mal Probleme bekommt, und ihr habt das Busticket vorher beim Chauffeur gekauft – dann sagt das ruhig.»

Die Asylbewerber lernen aber nicht nur, wie man korrekt am Automaten ein Billett löst. In einem zweiten Teil der Schulung erfahren sie während einer Power-Point-Präsentation unter dem Titel «Willkommen – andere Länder, andere Sitten!», wie sich die ZVB einen korrekten Buspassagier gemäss «Regeln und Gewohnheiten in der Schweiz» vorstellen. Eine Art Bus-Benimmkurs, also. Will heissen: keine Füsse aufs Sitzpolster. Die Türen stets freigeben. Älteren und schwächeren Menschen einen Sitzplatz anbieten. Nichts essen und trinken während der Fahrt. Und sich möglichst nicht zu laut im Bus unterhalten oder die Musik aufdrehen. «Das sind wir uns in der Schweiz nicht gewohnt», sagt ZVB-Instruktorin Linda Rogenmoser und lächelt in die Runde. Manche Busfahrgäste bekämen es gar mit der Angst zu tun, wenn mehrere Personen im Bus in einer fremden Sprache laut sprechen würden.

Integration der lustigen Art

Die Flüchtlinge nehmen es zur Kenntnis. Einer kann es sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass er im Bus schon so manche Einheimische gesehen habe, die gegessen und getrunken hätten – ohne dass diese deswegen vom Buschauffeur ermahnt worden seien. Und: ob der Kontrolleur eigentlich auch so gefährlich aussehe wie der Bär auf dem Comic, der sich einem Glace schleckenden Passagier mit seinen Pranken von hinten nähert. Ein anderer scherzt: Ob er denn von den 35 000 Franken nicht etwas abbekommen könnte, die jährlich bei der ZVB an Kosten für Vandalismus-Schäden anfallen, wenn er sich so wohl verhalte, wie es in dem Comic-Leporello aufgezeigt werde. Dieses Faltblatt mit den Verhaltensregeln drauf bekommen die Asylbewerber am Ende von der ZVB ausgehändigt.

Leise Kritik

«Ich finde diese Tipps im Prinzip gut», sagt eine Kursteilnehmerin hinterher. «Es vermittelt allerdings den Eindruck, als ob Asylbewerber generell keinen Anstand haben – dabei ist doch bekannt, wie respektvoll man sich beispielsweise gerade in den Ländern des Orients gegenüber älteren Menschen verhält.» Eine junge Tibeterin ist unterm Strich total glücklich über die Schulung: «Für mich ist es ganz wichtig, all das zu wissen, sonst könnte ich ja nirgends hinfahren.»

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