ZUG: «Das braucht halt einfach Zeit»

Die neue Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde steht in der Kritik. Deren Chefin Gabriella Zlauwinen relativiert Vorwürfe, räumt gewisse Fehler ein – und glaubt, die schwierige Startphase überwunden zu haben.

Interview Charly Keiser
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Gabriella Zlauwinen: «Bei der Kesb haben 30 Leute zusammen mit ihrem neuen Job angefangen. Quasi ein KMU von null auf hundert.» (Bild Stefan Kaiser)

Gabriella Zlauwinen: «Bei der Kesb haben 30 Leute zusammen mit ihrem neuen Job angefangen. Quasi ein KMU von null auf hundert.» (Bild Stefan Kaiser)

Aufgrund einer Gesetzesänderung auf Bundesebene gibt es seit Anfang 2013 in allen Kantonen eine so genannte Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). In vielen Kantonen kämpfen diese Behörden mit Problemen, sind Partnerorganisationen und Beistände unzufrieden. Nebst Beiständen, die zum Teil zuvor lange Jahre Mandate erfolgreich geführt haben, hat auch die Pro Senectute Zug ihre Zusammenarbeit mit der Kesb gekündigt. Zahlreiche Personen und Organisationen äussern Kritik an der Zuger Kesb (wir berichteten). Gabriella Zlauwinen ist Präsidentin und Amtsleiterin der Kesb des Kantons Zug und hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäussert.

Gabriella Zlauwinen, warum stellen Sie sich erst jetzt der Kritik?

Gabriella Zlauwinen: Ich muss vorausschicken: Unser Alltag ist oftmals sehr hektisch. Denn wir bekommen täglich Gefährdungsmeldungen und müssen bei akuten Fällen natürlich ausrücken. Dies zum Beispiel bei Meldungen durch die Polizei betreffend Kindsgefährdung, wo wir uns zusammen mit den Ordnungshütern vor Ort ein Bild machen müssen. Es braucht – gerade wenn die Eltern gegen eine Massnahme sind – viele, zum Teil auch rechtliche Schritte und Gespräche. Das alles erfordert viel Kapazität. Oftmals muss in der Klinik kurzfristig abgeklärt werden, ob die betroffene Person noch dort bleiben muss oder entlassen werden kann. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Mein Vertreter war zum Zeitpunkt in der Klinik und darum unabkömmlich, als die Fragen Ihrer Zeitung eintrafen, und ich weilte in den Ferien. Da Medienarbeit Chefsache ist, konnten Ihre Fragen nicht von irgendeinem Sachbearbeiter beantwortet werden. Zusammenfassend räume ich ein: Es ist nicht alles optimal gelaufen.

Die Pro Senectute beendet die Zusammenarbeit mit der Kesb. Wie äussern Sie sich dazu – vor allem mit Blick auf die von verschiedenen Leuten formulierten Vorwürfe?

Zlauwinen: Wir bedauern es sehr, dass zwischen uns und der Pro Senectute betreffend Mandatsführung keine Einigung zu Stande gekommen ist. Wir schätzen deren Arbeit sehr und arbeiten mit ihr auch im Bereich Treuhanddienste weiterhin zusammen. Die Herausforderung ist, dass das neue Gesetz klare und auch höhere Anforderungen an die Mandatsführung stellt. So müssen zum Beispiel nebst der Betreuung und Unterstützung auch Einkommen und Vermögen verwaltet, müssen Erbschaftsangelegen- heiten geregelt, Inventare aufgenommen und Schatzungsberichte für Verkauf von Liegenschaften eingereicht werden. All das verlangt spezifisches und hohes Fachwissen. Zum andern müssen Berufsbeistände aller Fachstellen unter den Vorgaben des Aufwands stehen, wie sie vom Regierungsrat definiert worden sind. Auf gut Deutsch: wie viele Stunden jemand für ein Mandat brauchen darf und kann. Die Konferenz der Kantone für Kindes- und Erwachsenenschutz sagt, dass pro 100-Prozent-Stelle 60 bis 80 Mandate zu führen sind. Der Zuger Regierungsrat hat entschieden, dass Mandatsführer 80 pro Vollzeitstelle zu führen haben. Das ergibt enge Richt­linien, die wir alle zu erfüllen haben. Und das hat leider nicht mit der Haltung der Pro Senectute korrespondiert, wie sie Menschen betreuen möchte.

Finden Sie die gestiegenen Ansprüche an die Mandatsführung zu hoch?

Zlauwinen: Nein, die Ansprüche waren schon vor der Gesetzesänderung hoch, doch besteht mit dem neuen Recht eine höhere Dokumentationspflicht. Neu hinzu kommt die Verordnung über die Vermögensverwaltung im Rahmen einer Beistandschaft oder Vormundschaft des Bundesrats, die umgesetzt werden muss.

Und deshalb fehlt es Ihnen an genügend Personal?

Zlauwinen: Nein. Pro Senectute führte bis 2012 im Auftrag der Gemeinden nur die Hälfte an Mandaten, und wir übergaben der Organisation 2013 sehr viele Aufträge. Dies, weil wir der Meinung sind, dass Pro Senectute eine Fachstelle für Leute im Alter ist.

Braucht die Kesb mehr Geld, um die zusätzlichen Mandate der Pro Senectute bearbeiten zu können?

Zlauwinen: Wir versuchen, möglichst viele dieser Mandate an private Beistände abgeben zu können, was uns zu einem schönen Teil bereits gelungen ist.

Heisst das, dass es günstiger ist, wenn ein Privater ein Mandat führt?

Zlauwinen: Ja, das ist günstiger, definitiv.

Wer soll denn idealerweise wie viele Mandate betreuen?

Zlauwinen: Das Ziel ist, dort Private einzusetzen, wo es geht. Wir versuchen, dass ein Angehöriger, Verwandter oder Nachbar das Mandat übernehmen kann. Unsere Überlegung geht so weit, dass wir schwierige Fälle zuerst hier bei uns aufgleisen, um das Mandat danach eventuell einem Privaten übertragen zu können.

Aber Sie bleiben verantwortlich und müssen prüfen, dass alle Mandate richtig und ordentlich geführt werden?

Zlauwinen: Ja, natürlich. Unsere Behörde ist, wie zuvor schon die Vormundschaftsbehörde, Aufsichtsorgan aller Mandatsträger und Mandatsträgerinnen.

Vier bis fünf Jahre soll es dauern, bis die Kesb tadellos funktioniert, schätzt Regierungsrätin Manuela Weichelt.

Zlauwinen: Das scheint mir realistisch. Denn das Gesetz ist recht komplex, die Herausforderung darum sehr gross. Früher gab es Beirat-, Beistand- und Vormundschaften. Heute hingegen gibt es nur noch verschiedene Arten von Beistandschaften wie zum Beispiel die Begleit-, die Mitwirkungs-, die Vertretungs- und die umfassende Beistandschaft. Die umfassende Beistandschaft kommt der früheren Vormundschaft gleich. Mussten früher beispielsweise für eine Person die Finanzen geregelt werden, so musste sie bevormundet werden. Mit dem neuen Gesetz ist dies nicht mehr notwendig.

Wäre es denn nicht besser gewesen, mehr Zeit für den Wechsel hin zur Kesb zur Verfügung zu haben?

Zlauwinen: Wir haben drei Jahre zur Verfügung, das heisst bis Ende 2015, um die alten Mandate ins neue Recht zu überführen. Gesamthaft haben wir rund 1400 Dossiers von den Gemeinden erhalten, die bearbeitet werden müssen. Wir mussten uns neu in Fälle einlesen, die den Leuten in den Gemeinden zuvor bestens bekannt waren. Das braucht halt einfach Zeit.

Wie gross ist denn der Stapel, den Sie noch bearbeiten müssen?

Zlauwinen: Wir sind immer noch damit beschäftigt, Mandate ins neue Recht umzuwandeln. Etwa die Hälfte haben wir geschafft. Dazu kommt das Alltagsgeschäft, das aus der Bearbeitung der laufenden Fälle und natürlich aus den rund 50 bis 60 Gefährdungsmeldungen pro Monat resultiert.

Belasten diese, nennen wir sie mal Feuerwehrübungen, die Kesb massgeblich?

Zlauwinen: Ja, richtig, vor allem in Anbetracht der Umwandlungen, die noch anstehen. Aber so langsam wird das Ganze für uns zum normalen Tages­geschäft. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit den Fachstellen, den Schulen, der Polizei, den Gerichten und Kliniken, das zeigen die vielen positiven Reaktionen. Durch die Kantonalisierung sind Kontakte auf der kommunalen Ebene verloren gegangen; wir sind nun aber wieder am Aufbauen dieser Kontakte.

Ist denn diese grosse Menge an Meldungen vorgängig bekannt gewesen?

Zlauwinen: Nein. Mit dem neuen Gesetz hat sich auch die Meldepflicht verändert. So sind nun Fachpersonen bei einer Kindswohlgefährdung verpflichtet, der Kesb Meldung zu erstatten. Dies führt zu mehr Gefährdungsmeldungen.

Das heisst doch aber, Sie brauchen mehr Leute – mehr Geld.?

Zlauwinen: 2013 war dies problematisch, da wir die erforderlichen Ressourcen aufgrund der Budgetkürzung durch den Kantonsrat nicht erhielten. So mussten wir immer wieder mit Aushilfen arbeiten. Dies wurde jedoch glücklicherweise für dieses Jahr vom Kantonsrat korrigiert.

Zurück zu den Vorwürfen, Leute Ihres Amts seien inkompetent, unprofessionell, harsch und arrogant.

Zlauwinen: Wenn unsere Leute inkompetente Auskünfte erteilt haben und harsch gewesen sind, dann bedaure ich das. Das dürfte nicht vorkommen, das ist richtig. Es soll keine Entschuldigung sein, aber es könnte durchaus sein, dass jemand aufgrund des grossen Stresses die Nerven verloren hat.

Stichwort Richtlinien und Abläufe: Mussten Sie diese schon anpassen?

Zlauwinen: Ja, denn alles war sehr anspruchsvoll – haben doch 30 Leute bei der Kesb zusammen mit ihrem neuen Job angefangen. Quasi ein KMU von null auf hundert. Wir haben die Abläufe definiert, aber es gab und gibt noch immer Optimierungsbedarf innerhalb unseres Amtes sowie mit den Fachstellen, Beiständen und anderen Institutionen. Es ist aber bereits deutlich besser als noch zu Beginn.

Der Zuger Anwaltsverband kritisiert, dass dringende Vorsorgemassnahmen von der Kesb nicht eingeleitet worden seien.

Zlauwinen: Ich kenne den Fall oder die Fälle nicht – würde aber gerne darüber direkt und konkret in Kenntnis gesetzt werden. Grundsätzlich darf es nicht passieren, dass eine Massnahme nicht errichtet wird, weil die Vertretung nicht geregelt ist. Das geht schlicht und einfach nicht.

Was sagen Sie zu den zahlreichen Kündigungen von Beiständen?

Zlauwinen: Diese Aussage kann nicht stimmen, denn im Moment führen rund 380 private Beistände etwa 460 Mandate. Zu Beginn hatten wir hingegen nur rund 360 private Beistände. Ich gebe zu, es gab einzelne verärgerte Beistände, die ihre Zusammenarbeit aufgekündigt haben. Aber alles in allem haben nicht mehr als zehn private Beistände ihr Mandat nicht mehr weitergeführt.

Ging der Übergang hin zur Kesb zu schnell?

Zlauwinen: Ein Gesetz tritt an einem bestimmten Datum in Kraft. Aber ja, es wäre sicher gut gewesen, wenn die umfangreichen Aufbauarbeiten mit all den Schnittstellen früher hätten beginnen können. Dies vor allem mit Blick auf das Tagesgeschäft und den Umstand, dass wir keine zusätzlichen Ressourcen dafür zur Verfügung hatten.

Kesb-Organisation

red. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ist fachlich unabhängig und arbeitet im Rahmen des Kindes- und Erwachsenenschutzgesetzes. Das Verwaltungsgericht überprüft auf Beschwerde hin die Entscheide der Kesb. Das Amt (Kesb) ist in die Hierarchie der kantonalen Verwaltung eingegliedert. Es untersteht der Aufsicht der Direktion des Innern (DI). Daraus ergeben sich im Einzelfall Abgrenzungsfragen zwischen fachlicher Unabhängigkeit der Kesb und den Aufsichtsrechten der DI. Die DI als Aufsichtsbehörde hat keine Kompetenz, die fachlichen Entscheide der Kesb zu überprüfen, sondern hat nur die Kontrolle der Geschäftsführung. Das heisst: Die DI kann nicht in Verfahren eingreifen, ausser wenn der Vorwurf auf Rechtsverweigerung oder -verzögerung besteht. Sie muss bei ungeordneten, ineffizienten Zuständen eingreifen.